Zum Tag der Logopädie
Sprachstörungen bei Kindern haben „alarmierend zugenommen“

Logopädin Clara Scholl und ihre Kolleginnen aus der Ferndorfer Gemeinschaftspraxis Althaus & Scholl helfen ihren Patienten oft auch spielerisch.
  • Logopädin Clara Scholl und ihre Kolleginnen aus der Ferndorfer Gemeinschaftspraxis Althaus & Scholl helfen ihren Patienten oft auch spielerisch.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

ap Ferndorf. „Sprache ist der Schlüssel zur Welt“ – das sagte Wilhelm von Humboldt schon im 19. Jahrhundert. Damals wie heute ist sie (eine) Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe. Ohne Kommunikation kein soziales Miteinander. Doch manche Menschen haben Schwierigkeiten mit der Sprache, dem Sprechen, der Stimme oder dem Schlucken – und dann kommen Logopäden wie Clara Scholl ins Spiel. Sie diagnostizieren und behandeln solche Störungen, um die Kommunikationsfähigkeit bei Kindern und Erwachsenen zu verbessern.
(Erste) Probleme können sich bereits im frühen Kindesalter zeigen, teilweise aber auch erst später auftreten, zum Bespiel nach Krebserkrankungen oder einem Schlaganfall, aber auch bei klassischen Sprecherberufen. Ungefähr 40 Prozent der Patienten, die Scholl und ihre Kolleginnen in der Gemeinschaftspraxis therapeutisch unterstützen, sind Erwachsene.

Immer mehr Sprachstörungen bei Kindern

„Alarmierend zugenommen“ hätten die Sprachstörungen in den letzten Jahren aber bei Kindern, warnt die Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (dgs). Die Ferndorfer Fachfrauen können das nur bestätigen. Geschlechterspezifische Unterschiede gebe es in ihrer Praxis aber nicht, betont Scholl. Sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen gebe es häufig Probleme bei der Sprachentwicklung und der Aussprache. Insbesondere die Konzentration, Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit sei in den vergangenen Jahren deutlich schlechter geworden.
Bei der Frage nach den Ursachen müssten mehrere Faktoren in Betracht gezogen werden, betont die 39-jährige Logopädin: soziale Bedingungen ebenso wie das Umfeld, aber auch der (digitale) Medienkonsum – und zwar von Kindern und Eltern gleichermaßen. „Wenn eine Mutter die ganze Zeit auf ihr Handy schaut, während sie mit ihrem Säugling spricht, wie soll dieser dann lernen, den Blickkontakt zu halten?“, fragt Scholl.

Umgang mit den Medien muss gelernt werden

Dieses Problem habe es vor 50 Jahren nicht gegeben. „Die Medien sind nun mal da. Man darf sie nicht verfluchen, muss sich dessen aber durchaus bewusst sein“, findet die Fachfrau. Genauso gebe es ältere Kinder, mit denen zu Hause viel gelesen und gesprochen werde, die aber trotzdem eine schlechte oder verzögerte Sprachentwicklung hätten, stellt sie klar. „Manchmal weiß man eben nicht, woran es liegt.“
Auffallen würden die (sprachlichen) Defizite manchmal erst bei den (Vor-) Schuluntersuchungen. Dabei könne man auch schon mit Kindergartenkindern richtig toll therapeutisch arbeiten, findet Scholl. „Die Ärzte schicken die Kinder heute aber generell früher zum Logopäden als noch vor zehn Jahren“, so die Erfahrung der gebürtigen Kreuztalerin. „Aber wir können natürlich bei allem immer nur von den Erfahrungen sprechen, die wir in unserer Praxis machen. Das ist vielleicht in den Städten etwas anders.“

Defizite in der Sprachentwicklung zeigen schon früh

Auch Erzieher bemerkten häufig schon (erste) Defizite in der Sprachentwicklung. Das sei durch die Corona-bedingten Schließungen der Kitas noch einmal besonders deutlich geworden. „Uns haben viele Einrichtungen nach dem Lockdown angerufen und von Rückschritten berichtet“, erzählt Scholl. Betroffen seien insbesondere Kinder, mit denen zu Hause kein Deutsch gesprochen werde. Sprache werde nun mal überwiegend im häuslichen Umfeld erlernt und entwickelt, betont die erfahrene Logopädin.
Sie rät Eltern, viel mit ihren Kindern zu reden, viel zu erklären, aber auch einfach mal nichts zu sagen und nur hinzuhören. Wie klingt der Wald? Wie hört sich das Zwitschern eines Vogels an? „Wenn man weiß, wie so etwas klingt, weiß man auch, wie es nicht klingen soll“, sagt die Expertin und dreifache Mutter.

Logopäden für Betroffene eine wichtige Stütze

Ihre Kolleginnen und sie versuchen, die Defizite mit spielerischen Stimm- und Sprachübungen, Aufgaben zur Verbesserung des Wortschatzes und der Grammatik, Hirnleistungstraining, aber auch Lese- und Rechenaufgaben auszugleichen – auch während der Pandemie-Zeit. Gerade jetzt seien Logopäden als Stütze und Konstante besonders wichtig für Betroffene. Termin-Ausfälle habe es deshalb auch so gut wie nie gegeben, ganz im Gegenteil: Die (kleinen) Patienten kämen so gern wie nie. Schließlich gebe es ja auch derzeit nur wenig Programm, scherzt Scholl.
Angst vor einer Infektion müsse in der Gemeinschaftspraxis Althaus & Scholl jedenfalls keiner haben. Die vier Behandlungsräume seien mit Filteranlagen ausgestattet und auch Masken würden bei der Arbeit meistens getragen. „Wenn ich einen bestimmten Buchstaben anbahne, zeige ich dem Kind auch schon mal meinen Mund“, verrät die Logopädin, versichert aber: „Ich fahre dann aber mit meinem Drehstuhl zwei Meter zurück.“

Autor:

Alexandra Pfeifer

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