Stolz hat Äthiopien nicht geholfen

Bezabeh Abebe berichtete über Missstände und Perspektiven in seinem Heimatland

sz Buschhütten. Interessante Informationen über Äthiopien, das schon im Alten- und Neuen Testament der Bibel erwähnt wird, erhielten kürzlich die Mitglieder der Tansania-Partnerschaftsgruppe des Kirchenkreises Siegen. Zu Gast war Bezabeh Abebe. Der gebürtige Äthiopier kam vor 19 Jahren zur Weiterbildung in der Metall verarbeitenden Industrie ins Siegerland. Inzwischen lebt er mit seiner deutschen Ehefrau und den gemeinsamen Kindern in Buschhütten. Mit einem Diavortrag über seine Heimat und einem typisch äthiopischen Gastmahl beeindruckte er seine Gastgeber. »Es ist schwer, hier in Deutschland Kinder zu erziehen«, so Abebe. Bei seinen regelmäßigen Heimatbesuchen in Ostafrika erlebe er die Begeisterung von Kindern schon für Kleinigkeiten, etwa Kugelschreiber oder Luftballons, die hiesige Firmen und Banken ihm unbürokratisch für äthiopische Schulen mitgäben. »In Deutschland müssen es schon teure Computerspiele sein, selbst dann ist die Freude nicht gewährleistet.« Reichtum allerdings gebe es entgegen den allgemeinen Vorstellungen auch in seiner ehemaligen Heimat, betonte der Referent. »Entweder sind die Menschen stinkreich oder bettelarm«, demonstrierte er anhand von Dias. »Diesen Unterschied findet man Tür an Tür mitten in der Stadt.« Die Mehrheit der Leute lebe an oder unterhalb der Armutsgrenze. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer liege bei 48, die der Frauen bei 52 Jahren. Die Infrastruktur und Hygienestandards seien vor allem außerhalb der Hauptstadt Addis Abeba auf niedrigem Niveau. Ein besonders gravierendes Problem sei die steigende Aidsrate.

»Aidswaisen«, erläuterte Abebe, »haben es in Äthiopien mehrfach schwer. Sie werden von der Gesellschaft stigmatisiert, ausgegrenzt, kämpfen um die täglichen Bedarfsgüter und haben meist den Verlust eines oder beider Elternteile zu verschmerzen. Darüber hinaus leben sie mit der Angst, selbst von der tödlichen Krankheit betroffen zu sein.« Deshalb nutzt Abebe seine Kontakte im Siegerland und unterstützt einen Verein Betroffener, der sich um Aidswaisen kümmert. Sein größter Wunsch: ausreichend neue Kleidung zum äthiopischen Neujahrsfest im kommenden September organisieren zu können, damit die Kinder dieses Fest mit Freude feiern können. »Die Fakten sind recht traurig, wenn man bedenkt, dass mit nur 100 e im Jahr eines dieser Kinder komplett verpflegt werden könnte und eine Schulausbildung bekäme.«

Die Ursachen für Missstände in seinem Heimatland sieht Abebe nicht etwa in den klimatischen Verhältnissen des Landes. Allein die fruchtbaren Landstriche in den wasserreichen Hochebenen könnten seiner Ansicht nach das ganze Volk ernähren. Dass das Land trotzdem oft von Hungersnöten und Kriegen heimgesucht werde, schreibt Abebe politischer und wirtschaftlicher Unfähigkeit und dem unterentwickelten demokratischen Verständnis der Machthaber zu. Dazu gehöre vor allem die Bevorzugung bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Äthiopien stand bis 1975 unter der monarchischen Regierung des Kaisers Haile Selassie, in der Folgezeit bis 1991 richtete der Kommunismus unter Haile Mariam Mengistu das Land zugrunde. Das Ergebnis: 15 Prozent Analphabeten. Die führende politische Gruppe seien die Amharen. »Diese Menschen sind sehr stolz darauf, als die direkten Nachfahren des biblischen Königs Salomon und der Königin von Saba zu gelten. Das orthodoxe Christentum hat Äthiopiens Geschichte und Kultur maßgeblich mitgeprägt. Allein der Stolz auf unsere Herkunft und Geschichte bringt uns allerdings heute nicht mehr weiter. Wir müssen für die Zukunft arbeiten«, so der bekennende Christ.

Die Aussichten auf eine langfristige Verbesserung der Lebenssituation im Lande beurteilt Abebe durchaus positiv. Bei jeder Heimatreise sehe er kleine Fortschritte im Land. Froh sei er vor allem darüber, dass es in Äthiopien nicht ähnliche Spannungen zwischen farbigen und weißen Menschen gebe wie in Südafrika. »Weiße Menschen sind bei uns sehr hoch angesehen.« Auch zwischen Christen und Moslems, die jeweils etwa zu gleichen Anteilen vertreten seien, habe es bisher keine gravierenden Spannungen gegeben.

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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