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Luise Niedersteins Aufzeichnungen für ihre Söhne werden herausgegeben
Tagebücher als Zeitgeschichte

Albrecht und Werner Niederstein im Jahr 1903.
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  • Albrecht und Werner Niederstein im Jahr 1903.
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gmz- 60 Jahre umfassen die Berichte, Erinnerungen und Analysen
der Tochter aus der Fabrikantenfamilie Dresler, die jetzt im Verlag Vorländer erscheinen.

gmz Kreuztal/Siegen. Ein Tagebuch zu führen für die Kinder: Ein solches Vorhaben zeugt von großer Disziplin – und einem Blick für Tradition und Zukunft! Dass sie den hatte, wurde ihr vielleicht in die Wiege gelegt: Luise Niederstein, geborene Dresler, war die älteste Tochter von Heinrich Adolf Dresler, dem preußischen Abgeordneten, dem Fabrikanten (er leitete das als Siegener AG und heute unter dem Namen The Coatinc Company bekannte, international aufgestellte Unternehmen mit einem Sitz in Kreuztal) und Erbauer der Weißen Villa in Kreuztal, und seiner Frau Clementine (geb. Klein aus Dahlbruch).

gmz- 60 Jahre umfassen die Berichte, Erinnerungen und Analysen
der Tochter aus der Fabrikantenfamilie Dresler, die jetzt im Verlag Vorländer erscheinen.

gmz Kreuztal/Siegen. Ein Tagebuch zu führen für die Kinder: Ein solches Vorhaben zeugt von großer Disziplin – und einem Blick für Tradition und Zukunft! Dass sie den hatte, wurde ihr vielleicht in die Wiege gelegt: Luise Niederstein, geborene Dresler, war die älteste Tochter von Heinrich Adolf Dresler, dem preußischen Abgeordneten, dem Fabrikanten (er leitete das als Siegener AG und heute unter dem Namen The Coatinc Company bekannte, international aufgestellte Unternehmen mit einem Sitz in Kreuztal) und Erbauer der Weißen Villa in Kreuztal, und seiner Frau Clementine (geb. Klein aus Dahlbruch). Sie hat für ihre beiden Söhne Albrecht und Werner ein Tagebuch geführt, und zwar für jeden ihrer Söhne ein separates. Vielleicht kann man bei diesem Vorhaben von einem weitsichtigen Konzept sprechen, so, als hätte Luise Niederstein, die älteste von elf Geschwistern, schon 1908, als sie mit den ersten Aufzeichnungen begann, geahnt, in welch dynamischen, zerrissenen und an Katastrophen reichen Jahrhundert sie und ihre Kinder, ihre Familie lebten …

Von 1908 bis in die 1960er Tagebuch geführt

1908 hat sie, die mit dem Pfarrer und späteren Superintendenten von Bochum, Alfred Niederstein, verheiratet war, begonnen, Tagebuch für ihre Söhne zu schreiben. Da waren ihre Kinder Albrecht, geboren 1898, und Werner, geboren 1901, schon zehn und sieben Jahre alt und lagen mit Scharlach im Krankenhaus (damals nicht selten eine lebensbedrohliche Erkrankung). So beginnt das Tagebuch für Werner: „4. Oktober 1908. Für Dich, mein lieber Werner, beginne ich meine Aufzeichnungen, während Du und Albrecht scharlachkrank in Witten liegt, eine traurige, sorgenvolle zeit. Ich will den Spruch des Losungsbuches vom 30. September, dem Tage, an dem wir Albrecht wegbrachten, zu Anfang setzten: ,Der Herr ist treu: Der wird euch stärken und bewahren vor dem Argen.‘“
Offenbar füllte Luise Niederstein die Zeit, die sie am Bett der Kinder wachte, mit ihren Niederschriften. In der ersten der jeweils 20 schwarzen Kladden hat sie rückblickend erzählt, ihre Kinder über Wichtiges aus ihrer und der Familie Vergangenheit informiert. Von da an führt sie die Tagebücher regelmäßig, und zwar mit eigenen Akzenten für jeden der beiden.

Die Familie Dresler im Jahr 1914.
  • Die Familie Dresler im Jahr 1914.
  • Foto: Sammlung Niederstein
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Sie erzählt den Brüdern vom jeweils anderen, berichtet über Familienereignisse, wobei sie immer darauf achtete, in ihren Berichten die spezielle Beziehung der Kinder zu Onkel, Tante, Cousine oder Cousin, Freunden der Familie zu berücksichtigen. Albrecht und Werner waren wohl recht unterschiedlich, haben völlig andere Lebenswege genommen. Bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1968 führte sie ihr Projekt fort, so dass sie tatsächlich Einblicke in mehr als 50 Jahre erlebte Geschichte geben. Die Aufzeichnungen haben ihre Söhne nach und nach erhalten.

Geschichte wie in einem Spiegel

Diese Tagebücher werden jetzt veröffentlicht. Paul Niederstein, Urenkel von Luise Niederstein und geschäftsführender Gesellschafter von The Coatinc Company, ist es ein besonderes Anliegen, dass sie der Nachwelt erhalten bleiben und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. „Man sieht die große Geschichte wie in einem Spiegel“, sagt er zu seiner Motivation, die Bücher herauszugeben.
Die Aufzeichnungen begleiten ihn schon seit langem, erzählt er bei der Vorstellung des Projekts der Heimatlandredaktion der SZ: Als Jugendlicher, er war wohl zwölf Jahre alt, fand er zufällig in seinem Elternhaus einen Stapel Papier: Das waren abgetippte Seiten aus einem der Tagebücher. Eine Tante hatte die in Sütterlin geschriebenen Texte auf Band gesprochen, vom Band wurden sie damals abgetippt.
Die Seiten, die ihm damals in die Finger fielen, gehörten zu den Aufzeichnungen aus den 1930er-Jahren. Paul Niederstein erinnert sich, dass er es sehr spannend fand, auf eine Stimme aus der Zeit zu stoßen, die ihm Auskunft darüber gab, wie sich seine Familie, wie sich einzelne Familienmitglieder und die Firma damals verhalten haben. wie ihre Haltung zu den Nazis war.

Wandel der Einschätzungen sichtbar

Jahre später verfolgte er dieses Interesse weiter (derzeit wird eine Geschichte des Unternehmens von der Gründung vor mehr als 500 Jahren bis heute verfasst) und stellte fest, dass sich in den Tagebüchern seiner Urgroßmutter eine Entwicklung feststellen ließ: Von der anfänglichen Begeisterung für Hitler als einem „Macher“ mit der Zukunft im Blick über beginnende Skepsis bis hin zum Entsetzen über die Behandlung der jüdischen Mitbürger und die Verbrechen an der Ostfront.

Erschütternd: der letzte Brief einer jüdischen Freundin von 1942

So liegt ein Originalbrief von Gertrud Eisner vor, einer jüdischen Bekannten Luise Niedersteins. Luise wurde von ihrer emigrierten jüdischen Freundin Leonie Meyer gebetenn, der Ehefrau des bekannten deutschen Gynäkologen und Pathologen, die sie regelmäßig in Berlin besuchte, sich um Gertrud Eisner zu kümmern. Gertrud Eisner teilt darin mit, dass sie den Befehl erhalten hatte, sich zu einem bestimmten Termin am Bahnhof in Berlin einzufinden. Sie wurde am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort im Konzentrationslager am 7. Februar 1943. In Berlin erinnert ein „Stolperstein“ an sie.

Gertrud Eisner letzter Brief an Luise Niederstein aus dem Jahr 1942.
  • Gertrud Eisner letzter Brief an Luise Niederstein aus dem Jahr 1942.
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Gertrud Eisner letzter Brief an Luise Niederstein aus dem Jahr 1942 (Rückseite).
  • Gertrud Eisner letzter Brief an Luise Niederstein aus dem Jahr 1942 (Rückseite).
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Diese Tagebuch-Eintragungen bieten also einen historisch höchst spannenden, sehr persönlichen Einblick in ein Jahrhundert, das von großen Verwerfungen geprägt war, ergänzt um Zeitungsausschnitte, Einladungskarten Fotografien, Bilder, Gedichte etc. So berichtet Luise Niederstein zum Beispiel von einem Besuch bei ihrem Sohn Albrecht in Berlin. Ganz im Bohème-Stil der 1920er-Jahre sitzt man auf dem Fußboden. Sicher gewöhnungsbedürftig für die Fabrikantentochter … Interessant ist auch, was man über Luise Niedersteins Arbeit im Frauenhilfsverein erfährt, dessen 2. Vorsitzende sie in Berlin (auf deutschlandweiter Ebene) sie lange Jahre war.

Sorgfältige Auswahl der Texte für die Herausgabe

Diese Tagebücher also werden jetzt zugänglich gemacht, herausgegeben von Paul Niederstein, gedruckt im Verlag Vorländer. Kathrin Klotzki-Progri von der Agentur Vorländer hat mit viel Liebe zum Detail und Verständnis für die Zeit und die Persönlichkeit Luise Niedersteins die Tagebücher für Werner Niederstein gestaltet, bebildert und teils auch um historische Zeitungsartikel und erläuternde Texte ergänzt. Sie sind, sagt Kathrin Klotzki-Progri, konkreter.
Ergänzend hat sie Passagen aus Albrechts Buch dazugestellt (grafisch abgesetzt) und Ausschnitte aus dem Briefwechsel mit Albrecht. Herausgekommen sind zwei Bände, Band I („In den Kindern finden wir Mütter uns stets.“) deckt die Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg ab, Band II, „Wie ist mein Leben reich gewesen“, die folgenden). Die beiden Bände sind „große Geschichte privat“. Sie erscheinen in Kürze.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

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