»Zunächst wurde das Thema totgeschwiegen«

Zeitzeugengespräch mit Holocaust-Opfer Peter Gingold

js Littfeld. »Bald wird es niemanden mehr geben, der aus eigener Erfahrung berichten kann, wie es damals gewesen ist.« Peter Gingold ist einer dieser letzten Zeugen einer Zeit, die oftmals verarbeitet wurde, niemals jedoch an Wichtigkeit verlieren wird. Geboren im Jahr 1916, hat er die Verbrechen des Nationalsozialismus am eigenen Leibe erfahren.

Im Littfelder Jugendtreff Glonk reichten die Sitzplätze nicht aus für die Interessierten, die den Erzählungen Gingolds - heute Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) - folgen wollten. Antje Mertens vom Jugendtreff hatte das Zeitzeugengespräch in Zusammenarbeit mit der VVN organisiert. Den Anstoß hierfür gaben sechs 16-Jährige, die sich unter dem Motto »Jugend gegen Rechts« seit zwei Jahren gegen rechte Gewalt engagieren.

Seine bewegende und zugleich bewegte Lebensgeschichte arbeitete der 86-Jährige beginnend mit seiner Jugend auf. »Ich stamme aus einer achtköpfigen Familie«, begann Gingold. Die Familie habe unter der Arbeitslosigkeit des Vaters gelitten und das »große Elend« zu Genüge kennen gelernt. »Auch ich hätte ein begeisterter Hitlerjunge werden können«, räumt der überzeugte Sozialist ein. »Man konnte schon hereinfallen auf die Scheinlösungen, die sie uns anboten.«

Doch Gingold entschied sich für einen anderen Weg: »Ein paar Jungs nahmen mich eines Tages mit zu einer Gewerkschaftsjugend-Gruppe.« Durch die habe er schließlich Kontakt bekommen zur Kommunistischen Jugend. Mit Glanz in den Augen berichtete der 86-Jährige von den spektakulären Tricks beim Verteilen der Flugblätter. »Wer Hitler wählt, wählt den Krieg - dessen waren wir uns sicher.« Und genau dies hätten er und seine Freunde jedermann klar machen wollen.

Im Sommer 1933 musste Familie Gingold von Frankfurt nach Paris fliehen. »Ich werde den Tag der Machtergreifung nie vergessen«, so Peter Gingold. »Es ist jetzt fast genau 70 Jahre her, doch die Erinnerung bleibt lebendig.« In Paris angekommen, knüpfte der damals 17-Jährige direkt Kontakte zu Hitlergegnern und wurde in der Résistance-Bewegung aktiv. »Unsere Aufgabe als Deutsche bestand darin, deutsche Soldaten in Frankreich aufzuklären und zur Dissertation zu bewegen.

1943 geriet Peter Gingold in Gestapo-Gefangenschaft. »Ich wurde gefoltert, und mein Todesurteil war so gut wie unterschrieben.« Durch eine List gelang ihm jedoch die Flucht. Paris und Italien waren weitere Stationen während des Krieges. »1945, als alles vorbei war, beschloss ich, nach Frankfurt zurückzukehren.«

Das offene Reden über seine Erlebnisse, so verriet Gingold gegenüber der SZ, helfe ihm sehr bei der Vergangenheitsbewältigung. Doch das sei nicht immer so gewesen: »In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg wurde das Thema totgeschwiegen. Die ,Tätergeneration’ lebte noch unter uns, und so wollte man einfach nur verdrängen.« Erst mit einem Generationenwechsel in den 70er und 80er Jahren habe man sich für sein Leben interessiert. Seither ist Peter Gingold ständig auf Achse. »In ganz Deutschland habe ich bereits vor jungen Leuten gesprochen.« Er sei schließlich einer der letzten, die noch aus erster Hand berichten könnten. »Um mich herum wird es immer leerer.«

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Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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