Verbeugung vor den Soul-Giganten

Der Boss hat den Groove – von Bruce Springsteen erscheint das Album „Only the Strong Survive“

Rock ’n’ Soul als idealer Sound: Bruce Springsteen (hier während einer Gedenkveranstaltung am National September 11 Memorial and Museum) veröffentlicht heute (11. November) sein neues Album „Only the Strong Survive“.

Rock ’n’ Soul als idealer Sound: Bruce Springsteen (hier während einer Gedenkveranstaltung am National September 11 Memorial and Museum) veröffentlicht heute (11. November) sein neues Album „Only the Strong Survive“.

„Ich habe die Zukunft des Rock ’n’ Roll gesehen“, sagte 1974 der „Rolling Stone“-Journalist Jon Landau in einer Konzertreview für „The Real Paper“, „und ihr Name ist Bruce Springsteen.“ Und damit hatte der Musikkritiker und spätere Springsteen-Intimus und ‑Manager Jon Landau zweifellos recht behalten.

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Seit 1975 gilt Bruce Springsteen als Inbegriff des Rock ’n’ Roll

Bruce Frederick Joseph Springsteen aus Freehold, New Jersey, war nur ein Jahr danach die Verkörperung eines enthusiastischen Rock ’n’ Roll, der in seinen Songs Freundschaft und Loyalität beschwor („No Surrender“), der von Freiheit, Aufbruch und dem Überwinden von Agonie sang („baby, we were born to run“), der die Finger in Amerikas Wunden legte („The Promised Land“, „Born in The USA“) und dennoch auf eine gute Zukunft vertraute („The Rising“). Würden Amerikaner dem Rock‘n‘Roll-Humanismus Springsteens genau zuhören, würden sie sich über Politschurken wie Trump und seiner Entourage abwenden, sich über sie lustig machen statt sie zu verehren (und schlimmstenfalls wieder zu wählen).

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Wenn der Boss, wie seine Fans ihn nennen, bei Soundchecks und in Konzerten Songs coverte, dann waren es auch meist – gefühlt – Fünfzigerjahre-Klassiker wie Carl Perkins‘ „Blue Suede Shoes“, Elvis’ „Heartbreak Hotel“, Chuck Berrys „You Never Can Tell“ (man sichte mal spaßeshalber bei Youtube die Liveversion des Songs von 2013 in Leipzig!) oder Moon Mullicans „Seven Nights to Rock“. Rock ’n’ Roll eben. Jon Landau hatte in Springsteen nicht die „Zukunft des Soul“ gesehen.

Auf seinem neuen Album frönt der Boss dem Soul

Und doch erscheint am heutigen Freitag (11. November) ein Album, auf dem Bruce Springsteen der Soulmusik frönt, den Grooves aus den Tagen von Sam & Dave, Otis Redding und Aretha Franklin huldigt. Es beginnt mit Streichern, einem Frauenchor und einem Springsteen, der von der ersten Liebe erzählt, die schiefging, woraufhin die Mutter ihm den Rat gab, sich niemals unterkriegen zu lassen, denn „… only the strong survive“.

Nach diesem Song, dem größten Hit der Rhythm-&-Blues-Größe Jerry Butler aus Chicago (Nummer vier in den US-Charts im Frühjahr 1969) ist die gesamte 15-Song-Kollektion benannt. „Du musst deinen Mann stehen“, singt Springsteen, „Glaub nie, dass du es nicht schaffst, baby“. Ermutigung war stets eines der wichtigsten Soul-Anliegen.

Und so geht es weiter. Mit Liedern, in denen vornehmlich die Liebe angesichts ihres Verlusts gefeiert und betrauert wird. Das Mädchen ist auch in „When She Was My Girl“ – im Original von den Four Tops – weg, aber der Verlassene schwelgt in Erinnerungen. Und in „Hey, Western Union Man“ – einer weiteren Gemme aus dem Schatzkästlein von Jerry Butler – soll ein Telegramm des Zerknirschten der Verflossenen klar machen, dass Rückkehr für sie eine Option wäre.

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Der Sound ist meist nicht fern von dem der Originale

Der Soul, im Ursprung schwarze Musik, kann auf „Only the Strong Survive“ auch mal weißer Herkunft sein. Mit „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ wandelt Springsteen in den Schuhen von Frankie Valli (und denen der Walker Brothers). Er macht sich den Song zu eigen, auch ohne die beängstigenden Falsett-Gipfel des Four-Seasons-Frontmanns zu erklimmen.

Dass er indes auch in den Höhen bestehen kann, beweist Springsteen in einem weiteren Tränendrücker um einen Mann, dessen Liebste sich einem anderen zugewandt hat: „I Wish It Would Rain“, ursprünglich von den Temptations, ist einer der Höhepunkte des Albums, auf dem sich vornehmlich weniger bekannte Titel finden: Der Schmerz in Springsteens kratziger Stimme und die süßen, tröstlichen Violinen funktionieren vorzüglich im Kontrast. Ben E. Kings „Don’t Play That Song (You Lied)“ zieht dann das Tempo an – ein slowtwistendes Schwesterchen von Sam Cookes „Twistin’ The Night Away“. Die Soundkorsage ist meist nah an den Originalen.

Man findet in der Springsteen-Historie einige Soul-Spuren

Merkwürdig vertraut kommt einem das zunächst für nicht allzu vereinbar Gehaltene vor. Und fahndet man im Oeuvre Springsteens nach Soul, findet sich schon 1975 auf dem dritten Album „Born to Run“ mit „Tenth Avenue Freeze-Out“ ein waschechter Vertreter des Genres. Geht man alsdann durch alte Konzert- und Soundchecklisten, stößt man in den frühen Erfolgstagen der E-Street-Band eben auch auf Liveversionen von Ben E. Kings „Spanish Harlem“, von Arthur Conleys „Sweet Soul Music“, Wilson Picketts „In the Midnight Hour“ oder Ike and Tina Turners „It’s Gonna Work out Fine“.

Die Songs der beiden Alben „Dedication“ und „On The Line“, auf denen Springsteen und seine E-Street-Band den R-&-B-Sänger Gary U. S. Bonds Anfang der 80er-Jahre begleiteten, hatten mächtig Soul-Drall. Und Edwin Starrs ursprünglichen Anti-Vietnam-Song „War“ gab’s 1986 als Springsteen-Single – gemünzt diesmal gegen die aggressive Politik der Reagan-Administration in Südamerika. Der Mann, der am Tag nach der Ermordung John Lennons auf der Bühne in Philadelphia „Stones, Beatles, Kinks“ als seine musikalischen Wurzeln angab, hätte problemlos „Drifters, Sam Cooke, Marvin Gaye“ anfügen können.

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Weitere Hommagen und Tribute in Springsteens Schaffen

„Only the Strong Survive“ ist dabei nicht das erste Widmungsalbum Springsteens. Die Liederzählungen des Soloalbums „Nebraska“ (1982) mit spartanisch instrumentierten Stücken aus eigener Feder, entsprangen Springsteens Liebe zum Werk von Woody Guthrie („This Land Is Your Land“, 1912–1967), Amerikas sozialpolitischem Gewissen, auf dessen Gitarre einst „this machine kills fascists“ geschrieben stand.

Auf „We Shall Overcome: The Seeger Sessions“ (2006) widmete er sich mit einem kleinen Folkorchester dem Liedgut des flammenden Musikaktivisten und Pazifisten Pete Seeger (1919–2014). Und auf „Western Stars“ (2019) verbeugte er sich – diesmal wieder mit eigenen Songs – vor dem fulminant orchestrierten Countrysound des 2017 verstorbenen Glen Campbell („Rhinestone Cowboy“).

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Ein eskapistisches Album aus Freude an der Musik

„Marvin – he was a friend of mine“, singt Springsteen zu Beginn von „Nightshift“, der Commodores-Ballade von 1985, und in der Boss-Version klingt die Eröffnungszeile des Songs wie ein aufrichtiges Bekenntnis zu den Worten und Melodien von Marvin Gaye, zu seiner Musik als Lebensbegleiter und -hilfe. Als „Rock ’n’ Soul“ hat Springsteen seinen Idealsound in seiner Autobiografie „Born to Run“ (2016) mehrfach benannt. Und mehr als seine bisherigen Tribute und Hommagen ist „Only the Strong Survive“ ein gestriges, eskapistisches Album, das die einstige „Zukunft des Rock ’n’ Roll“ in erster Linie für sich selbst aufgenommen hat. Ein Spaß, schön und konservativ (letzteres im guten Sinne) – eine Scheibe Groove aus purer Freude an der Musik.

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Das nächste Album braucht andere Lieder

Sieht man indes auf Springsteens Land von heute, die alte Präsidialrepublik, in der „Make Amerika Great Again“-Politiker versuchen an den Grundfesten der Demokratie zu rütteln, die am Mittwoch schon Siege bei den Midterms für sich reklamierten, lange bevor die Ergebnisse (mit einem dann doch unerwartet flachen bis ausbleibendem „roten Tsunami“) offiziell waren, ein Land, in dem der rassistische und moralarme Ex-Präsident Trump weiterhin die Wahrheit verdrehen wird mit einem dummen Mob an der Seite, der sogar für Staatsstreiche Gewehr bei Fuß steht, dann braucht es Songs über ein der Heilung bedürftiges Amerika, Lieder über Spaltung und Versöhnung und vielleicht auch wieder eine Gitarre, auf der „this machine kills fascists“ steht – ein Instrument, das wider die Faschisten im eigenen Land angeschlagen wird.

Das nächste Album Springsteens muss ein anderes werden.

HANDOUT - 29.09.2022, ---: Cover des Albums «Only The Strong Survive» von Bruce Springsteen (undatiert). Das neue Album erscheint am 11.11.2022 über Sony Music. Foto: --/Sony Music/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über das Album und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Der Boss singt Soul: Cover des Albums «Only The Strong Survive» von Bruce Springsteen.

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Bruce Springsteen – „Only the Strong Survive“ (Columbia, erscheint am heutigen 11. November)

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