Mit 93 Jahren

Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger ist gestorben

Hans Magnus Enzensberger, hier im Jahr 2019, ist gestorben.

Hans Magnus Enzensberger, hier im Jahr 2019, ist gestorben.

Ein Mann der leisen Töne war er nicht. Pointiert und gerne auch unbequem oder gar spöttisch meldete er sich zu Wort. Doch nun ist die Stimme eines der bedeutendsten Lyriker und Intellektuellen Deutschlands verstummt: Hans Magnus Enzensberger ist nach Angaben des Berliner Suhrkamp Verlags am Donnerstag im Alter von 93 Jahren in München gestorben. Der Schriftsteller zählte neben Günter Grass, Martin Walser, Uwe Johnson und Heinrich Böll zu den prägenden Autoren der bundesdeutschen Nachkriegsliteratur. Kulturstaatsministerin Claudia Roth nannte ihn am Freitag einen „Solitär unter Deutschlands Dichtern und Denkern“.

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Gleich sein erstes Buch hatte Enzensberger bekannt gemacht: „Die Verteidigung der Wölfe“ erschien 1957 - ein schmaler Lyrikband. Doch der Tonfall der Gedichte ließ aufhorchen: Da meldete sich einer zu Wort, der mit Sprache zaubern konnte, eine Vorliebe für starke Metaphern und spottreiche Anspielungen zeigte. Seitdem machte Enzensberger oft von sich reden - als Intellektueller von Format, politischer Denker, als eine Stimme von Gewicht in vielen Debatten.

Noch zu seinem 90. Geburtstag erschien ein neues Werk

Noch zu seinem 90. Geburtstag erschien ein neues Werk: In „Fallobst“ äußerte er sich zu vielen aktuellen Themen, etwa zur Migration. Ohne sie würde jede menschliche Gesellschaft veröden, trotz aller Konflikte und Schwierigkeiten, heißt es darin. „Unsere Literatur und unsere Sprache wären ohne ihre Aus- und Einwanderer ein trostloses Heimspiel geblieben.“ Und Enzensberger warnte vor „unheilvollen Verbindungen von Geheim- und Nachrichtendiensten und Internet-Konzernen“: „Die Rolle des Blockwarts und des Denunzianten haben Millionen Überwachungskameras und Mobiltelefone übernommen.“

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Am 11. November 1929 wurde Enzensberger in Kaufbeuren im Allgäu geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Nürnberg, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges betrieb er Schwarzhandel, um seine Familie zu ernähren, dolmetschte für die US-amerikanischen und britischen Besatzer und machte schließlich 1949 Abitur in Nördlingen. Im Studium ging er nach Paris.

Enzensberger: „kein vielversprechender Beruf, Deutscher zu sein“

Von seiner Heimat war er desillusioniert. Das viergeteilte Deutschland empfand er als „moralische Wüste“. Es sei „kein vielversprechender Beruf, Deutscher zu sein“, erinnerte er sich und in seiner „Verteidigung eines Agnostikers“ notierte er: „Ich wollte lieber schreiben.“ Der Nachteil: Ein Gefühl, dass er „nirgendwo voll und ganz dazugehört“.

Mitgemischt hat der einstige „junge Wilde“ der Nachkriegsliteratur dennoch, im legendären Literaturclub der Bundesrepublik „Gruppe 47″ oder bei den rebellischen 1968ern. Über seine Zeit in der damaligen Außerparlamentarischen Opposition (APO) gegen die Große Koalition in Bonn in den 60er Jahren gibt eines seiner Erinnerungsbücher mit dem vielsagenden Titel „Tumult“ Auskunft. In dieser Zeit gründete er auch 1965 das Kulturmagazin „Kursbuch“. Es waren bewegte Jahre, in denen Enzensberger vieles ausprobierte. Er war Verlagslektor bei Suhrkamp in Frankfurt, verbrachte einige Zeit im sozialistischen Kuba, lebte in Norwegen, Italien, Mexiko, den USA und West-Berlin und kam schließlich 1979 nach München.

Enzensberger schrieb und schrieb

Und Enzensberger schrieb und schrieb: Romane, Essays, Anekdoten, Erinnerungen und Dramen. Kindern wollte er mit „Der Zahlenteufel“ die Mathematik näher bringen. Und den Jugendlichen widmete er Bücher wie „Immer das Geld: Ein kleiner Wirtschaftsroman“ oder „Lyrik nervt“. Und natürlich seine Gedichte und Balladen. Doch nicht alles erschien unter seinem Namen. Als Andreas Thalmayr veröffentlichte er ebenso Werke wie etwa unter dem augenzwinkernden Pseudonym Serenus M. Brezengang, das aus den Buchstaben seines echten Namens besteht. In mehr als 40 Sprachen wurden seine Werke übersetzt.

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Zuletzt lebte der Autor in München, nicht weit entfernt vom Englischen Garten. In „Fallobst“ hatte sich Enzensberger auch über den Lebensabend Gedanken gemacht. „Jetzt gleiche ich einem Autoreifen, aus dem langsam die Luft entweicht“, notierte er und sprach von der „Kunst, sich langsam und möglichst unauffällig vom Leben zu verabschieden“. Denn „Lorbeerbäumchen, Talkshows, Interviews geben - das alles mag ich nicht“, sagte er einst dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“. „Diese naive Eitelkeit, die man braucht, um sich auf einer Bühne wohl zu fühlen, ist mir nicht gegeben.“ Viel lieber sei es ihm, wenn die Leute seine Bücher öffneten.

RND/dpa

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