SZ

Bauer Richard in Grevenbrück - Mit Video
„Almauftrieb“: Nach dem Winter im Stall machen die Kühe Luftsprünge

Die Tiere können ihr Glück kaum fassen, als sie nach den langen Wintermonaten auf die frische Weide dürfen. Sie zeigen ihre Lebenslust, indem sie Sprünge und allerhand Kapriolen vollführen.
3Bilder
  • Die Tiere können ihr Glück kaum fassen, als sie nach den langen Wintermonaten auf die frische Weide dürfen. Sie zeigen ihre Lebenslust, indem sie Sprünge und allerhand Kapriolen vollführen.
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

goeb Grevenbrück. Möglicherweise ist der Frühlingstag, an dem Bauer Richards 50 Milchkühe das erste Mal im Jahr wieder auf die Weide dürfen, der schönste Tag im Jahr für die Tiere. Man weiß es nicht, denn man kann sie ja schließlich nicht fragen. Aber vieles deutet darauf hin: Es ist 14 Uhr am Freitag, das Grünland rund um den abgelegenen Hof der Familie leuchtet sattgrün und wird überspannt von einem postkartenblauen Himmel. Michael Richard und sein Sohn Christian haben Flatterbänder gespannt, und dann werden die Tore des halboffenen Stalls geöffnet. „Almauftrieb“ sagt man landläufig dazu, in Anlehnung an die bäuerliche Tradition in den Alpen.

goeb Grevenbrück. Möglicherweise ist der Frühlingstag, an dem Bauer Richards 50 Milchkühe das erste Mal im Jahr wieder auf die Weide dürfen, der schönste Tag im Jahr für die Tiere. Man weiß es nicht, denn man kann sie ja schließlich nicht fragen. Aber vieles deutet darauf hin: Es ist 14 Uhr am Freitag, das Grünland rund um den abgelegenen Hof der Familie leuchtet sattgrün und wird überspannt von einem postkartenblauen Himmel. Michael Richard und sein Sohn Christian haben Flatterbänder gespannt, und dann werden die Tore des halboffenen Stalls geöffnet. „Almauftrieb“ sagt man landläufig dazu, in Anlehnung an die bäuerliche Tradition in den Alpen.

Michael und Christian Richard freuen sich mit ihren Tieren

Und da kommen sie schon die gepflasterte Hofstraße entlang gelaufen, die Rotbunten und die cremefarbigen etwas kleineren Jerseyrinder. Mit Muhen und Schwanzwedeln laufen sie auf die Weide und vollführen dort Sprünge als Ausdruck der schieren Lebensfreude. Das eine Tier reißt das andere mit, sie knuffen und jagen einander spielerisch, preschen trotz der schweren Euter die Grashänge hinauf und hinunter. Eine Kuh erspäht eine Kuhle mit grasfreiem Rohboden, geht regelrecht in die Knie und beginnt ihren Kopf in der Erde zu reiben und zu scheuern, dass es eine Art hat.

Schon die Kälber zeigen, was in ihnen steckt. Wer guten Appetit entwickelt, gibt später auch reichlich Milch.
  • Schon die Kälber zeigen, was in ihnen steckt. Wer guten Appetit entwickelt, gibt später auch reichlich Milch.
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

Auch für Michael und Christian Richard ist das ein erhebender Moment. Sie freuen sich richtig mit ihren Tieren. Wissen die Kühe schon vorher, was sie erwartet? „Die alten Damen wissen das“, erläutert der Landwirt. „Na, klar“, entgegnet der Vater schmunzelnd auf die Frage, ob sie denn jedes Tier vom anderen unterscheiden können. „Wir beschäftigen uns ja von morgens bis abends mit Kühen.“ Es gibt natürlich noch viel mehr zu tun, denn Haus Petmecke in der Nähe des sauerländischen Grevenbrück besitzt neben der Milchviehwirtschaft auch noch die Standbeine Wohnungsvermietung („Ferien auf dem Bauernhof“) und Forstwirtschaft. Doch gemolken worden ist dort immer schon.

"Pferde sind Fluchttiere, Rinder nicht"

Die Wurzeln des Gehöfts lassen sich sage und schreibe bis zum Jahr 1381 zurückverfolgen. „Im Jahr 2000 haben wir den neuen Stall am gleichen Ort gebaut. Da ist mir noch mal deutlich geworden: An genau derselben Stelle wird seit 235 Jahren gemolken“, erzählt der Sauerländer.
Wann die Tiere, die sich in den halboffenen Stallgebäuden ab November aufhalten und dort frei bewegen können, auf die Weide dürfen, das hängt von der Beschaffenheit der Weide ab, berichtet Michael Richard. Genügend Gräser sind schon da, aber der Untergrund war noch zu feucht. „Dann besteht die Gefahr, dass die Kühe die Weide vertreten.“

55 Hektar Grünland umgibt den idyllisch gelegenen Hof. Sohn Christian hat vor Kurzem in Irland in der Landwirtschaft hospitiert und viele Erfahrungen gemacht.
  • 55 Hektar Grünland umgibt den idyllisch gelegenen Hof. Sohn Christian hat vor Kurzem in Irland in der Landwirtschaft hospitiert und viele Erfahrungen gemacht.
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

Einzelne Tiere lassen sich hier und da immer noch von Glücksgefühlen übermannen und vollführen dann und wann Kapriolen. Zu hören ist jetzt aber das Geräusch konzentrierten Grasrupfens. „Vom Gebiss her“, erklärt der Landwirt, „kann die Kuh das Gras nicht so kurz fressen wie das Pferd“, und kommt gleich auf einen weiteren Unterschied zu sprechen. „Pferde sind Fluchttiere, Rinder nicht. Wenn die sich bedroht fühlen, senken die den Kopf und denken: Du oder ich.“

Für die Hornlosigkeit gibt es gute Gründe

Auffällig ist, dass allen Milchkühen hier die Hörner fehlen. „Früher machten die Bauern das selbst“, erläutert Richard das Entfernen des Horns. „Heute kommt dafür der Tierarzt.“ Ein immer größerer Teil der Kühe entwickelt aber schon von vornherein gar keine Hörner mehr. Das erledigt die Zucht. Das schottische Angus ist zum Beispiel eine hornlose Rasse.

Auffällig sind die etwas spitzeren Köpfe der hornlosen Tiere. Es gibt gute Gründe für die Hornlosigkeit: „Die Tiere können sich mit ihren Hörnern untereinander stark verletzen“, schildert er. Einmal, vor vielen Jahren, hat eine der anderen in einem Gerangel das Euter regelrecht aufgeschlitzt. Auch gibt es immer mal wieder Fälle in Deutschland und anderswo, in denen Menschen zu Schaden gekommen sind, obgleich aggressive Tiere aus den Herden rasch entfernt werden. „Früher war das nicht so ein Problem, weil die Kühe in den Ställen angebunden waren, heute gibt es Laufställe.“

100.000 Liter Milch pro Jahr

Die Zucht vertraut deshalb auf hornlose Bullen. Vor zwölf Jahren setzte die Familie Richard auf ihrem Hof erstmals solche Bullen ein. Anfangs waren die Ergebnisse nicht immer überzeugend. „Wir hatten dann auch mal Nachwuchs mit schlechten Eutern“, erinnert sich der Landwirt. Doch die Zuchtauswahl bescherte mit den Jahren immer bessere Ergebnisse. „Heute haben wir hornlose Bullen, die super Nachwuchs zeugen.“
Im Stall stehen auch junge Kälber. Einige werden rasch verkauft, es sind reine Fleischrinder. Andere wiederum werden zu hornlosen Milchkühen heranwachsen und vielleicht eines Tages so ein prächtiges Exemplar werden wie Tele, die mit großem Appetit das saftige sauerländische Gras verzehrt. 100.000 Liter Milch wird sie im Laufe dieses Jahres produziert haben.

Vater und Sohn schauen zufrieden auf ihre Rinderherde. Die Bewegung tut den Tieren gut, das frische Gras sowieso. „Nur das Pflaster haben wir heute das letzte Mal so sauber gesehen“, schmunzelt Michael Richard. Drei Stunden dürfen die Tiere am ersten Tag auf die Weide. „Es ist fast ein bisschen zu sonnig heute“, urteilt der Bauer. Sie können nämlich Sonnenbrand bekommen. Besonders die Euter sind empfindlich. Auch Kühe müssen sich erst an die Freiluft gewöhnen.

Nicht jede Kuh darf auf die Weide Der Weidegang der Rinder wird verschieden gehandhabt. In den neuen Ländern mit vorwiegend großen Beständen gehen etwa nur 19 Prozent der Tiere auf die Weide. Aber auch in Bayern ist der Anteil weidender Kühe mit 16 Prozent gering. Relativ viele Kühe mit Weidegang wurden in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein erfasst. Hier standen 74 Prozent der Milchkühe auf der Weide. Nach Angaben der Landwirtschaftskammer gab es bei einer Bestandserfassung (2017) im Kreis Siegen-Wittgenstein 127 Milchkuhhalter mit 4362 Milchkühen, im Kreis Olpe gab es 107 Milchkuhhalter mit insgesamt 5429 Milchkühen. Die Zahl der Rinderhalter betrug zu diesem Zeitpunkt im Kreis Olpe 348 (19 821 Tiere), im Kreis Siegen-Wittgenstein 436 (17 322 Tiere). Heute werden auf allen Kontinenten der Erde hornlose Rinder gezüchtet. Bei einigen Fleischrinderrassen wie Aberdeen Angus, Deutsch Angus, Polled Hereford, oder Galloway ist die natürliche Hornlosigkeit dauerhaft genetisch verankert. Auch im Ökolandbau ist das Halten hornloser Kühe fast schon Standard. Natürliche Hornlosigkeit ist bei Rindern im Allgemeinen zwar selten, aber nichts Ungewöhnliches. Rassen wie Angus oder Galloway sind beispielsweise genetisch komplett hornlos, das heißt, kein Tier dieser Rassen wird mit Hörnern geboren. Auch bei typischerweise behornten Rinderrassen, kommt es durch genetische Mutationen immer wieder dazu, dass Tiere mit fehlenden oder nur unzureichend ausgebildeten Hörnern geboren werden. Früher war das nicht gewollt, weil die Tiere auch als Zugtiere dienten. Am Horn ließ sich das Joch gut befestigen. Ab den 1970er Jahren wurde gezielt gezüchtet, anfangs für die Fleischrinderhaltung. „Seit etwa 2006 nimmt auch die Nachfrage nach hornlosen Besamungsbullen bei den Michvieh- und Zweitnutzungsrassen erkennbar zu“, sagt Carsten Scheper, Wissenschaftler am Institut für Tierzucht und Haustiergenetik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Mit der Verschärfung der Enthornungsauflagen im Jahr 2015 – seitdem müssen in der konventionellen Haltung Beruhigungs- und Schmerzmittel verwendet werden –, ist die Nachfrage nach Hornlosbullen dann noch einmal gestiegen.
Autor:

Dr. Andreas Goebel (Redakteur) aus Betzdorf

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

7 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen