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Urban Gardening im Gartenkollektiv
Wo Kohlrabi in der Toilette wächst

Anita Jung umgeben von alten Möbeln, Töpfen und Kunstwerken. In einigen Wochen blüht und grünt es hier aus allen Ecken bis unter das Dach.
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  • Anita Jung umgeben von alten Möbeln, Töpfen und Kunstwerken. In einigen Wochen blüht und grünt es hier aus allen Ecken bis unter das Dach.
  • Foto: yve
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

yve Langenei. Biegen Sie nach rechts ab, in wenigen Metern haben Sie ihr Ziel erreicht. Etwas verwundert folge ich den Anweisungen meines Navigationsgeräts, fahre langsam über den teils unbefestigten Weg, schaue nach rechts und nach links. Dann sehe ich eine Frau. Das muss Anita Jung sein. Wir sind verabredet, die Agraringenieurin und Umweltpädagogin betreibt an der Karlshütte in Langenei ein Gartenkollektiv. Darüber möchte die SZ mehr erfahren.
Anita Jung baut gerade einen Zaun, der blühen und duften soll. Holzstäbe und kleine Kunstwerke stecken in mit Erde gefüllten Eimern, Töpfen und Schalen, noch sieht es trostlos aus. Ein Stück weiter liegen zu einem einfachen Ofen gestapelte Steine. „Hier backen wir Brot bei Veranstaltungen“, sagt die 58-Jährige.

yve Langenei. Biegen Sie nach rechts ab, in wenigen Metern haben Sie ihr Ziel erreicht. Etwas verwundert folge ich den Anweisungen meines Navigationsgeräts, fahre langsam über den teils unbefestigten Weg, schaue nach rechts und nach links. Dann sehe ich eine Frau. Das muss Anita Jung sein. Wir sind verabredet, die Agraringenieurin und Umweltpädagogin betreibt an der Karlshütte in Langenei ein Gartenkollektiv. Darüber möchte die SZ mehr erfahren.
Anita Jung baut gerade einen Zaun, der blühen und duften soll. Holzstäbe und kleine Kunstwerke stecken in mit Erde gefüllten Eimern, Töpfen und Schalen, noch sieht es trostlos aus. Ein Stück weiter liegen zu einem einfachen Ofen gestapelte Steine. „Hier backen wir Brot bei Veranstaltungen“, sagt die 58-Jährige. Veranstaltungen hier in der alten Gärtnerei?, frage ich mich kurz, doch dazu später mehr.

Alltagsgegenstände zweckentfremdet

Ich betrete zunächst das Gewächshaus und weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Wahnsinn, entfährt es mir. Möbel aus Omas und Uromas Zeiten, alte Lampen, Kannen und Töpfe. Kerzen in Ecken und Winkeln, hier und da ein Gemälde oder andere Kreationen. Und das inmitten von Rankhilfen bis zum Dach, Pflanzflächen und Hochbeeten. „Im Sommer wächst der Kohlrabi bei uns aus einer Toilette“, zeigt Anita Jung auf die ausgediente Keramik. Nicht nur das. Salate sprießen hier im Kinderwagen oder im Emaille-Waschbecken. Europaletten stehen an Wänden, umfunktioniert zu Vertikalgärten. Urban Gardening biete grenzenlose Möglichkeiten für Erntefreuden auf kleinem Raum, erzählt die Umweltpädagogin.

Arbeit gibt es immer

Dann erzählt mir Anita Jung vom Gartenkollektiv. Vor vier Jahren pachtete die 58-Jährige die Flächen einer ehemaligen Gärtnerei, um sie in Gemeinschaft zu bewirtschaften. „Wir sind sieben Frauen, jede sucht sich hier ihren Bereich.“ Arbeit falle jeden Tag an. Ob Vorziehen, Pflegen, Aussäen, Stutzen, Schneiden, Pflanzen, Auslichten, Umgraben oder Ernten. Reichlich Arbeit bedeute das Pikieren von Tomaten. Die gibt es an der Karlshütte en masse in einer eigenen Abteilung, vom Ochsenherz bis zum Sibirischen Birnchen. Sie gedeihen in sicherer Entfernung zu den Gurken. „Tomaten und Gurken hassen sich“, weiß Anita Jung. Möhre, Pastinake und rote Beete liegen im Sand, mannigfaltig wachsen Kräuter fast überall, auch Jiaogulan, das Kraut der Unsterblichkeit. Sein Wuchsverhalten erinnert an den heimischen Hopfen, und die Liste der nachgewiesenen Wirkungen ist beachtlich – stressabbauend, krebshemmend, cholesterinsenkend, blutbildend und weit mehr.

Pflanzen mit Demeter-Qualität

Wenn es ausgetrieben sei, komme kein Besucher an dem Heilkraut vorbei. „Jeder möchte schließlich unsterblich sein“, lacht Anita Jung, beugt sich über ein Beet und zupft ein frisches Blatt ab. „Probieren Sie!“ Es schmeckt leicht nussig und erinnert mich an Feldsalat. „Das ist Tellerkraut“, erklärt die 58-Jährige. Es sei den klassischen Wintersalaten überlegen. „Tellerkraut lagert kein Nitrat ein“, und seine Inhaltsstoffe seien besonders gut für die Augen. „Alles, was hier wächst, hat Demeter-Qualität. Wir verwenden nur Biosaatgut, keinen Torf und keine Spritzmittel.“

Kräutermischungen das ganze Jahr

Dann zeigt mir die Fachfrau den Verkaufsraum des Gartenkollektivs. Die Kisten, Säcke und Schachteln sind leer, erst ab Ende April sind hier Jungpflanzen, Salatmischungen und Frühlingszwiebeln erhältlich, ab Ende Juni saisonales Gemüse und Farbenfrohes vom Blumenfeld – „dann geht es richtig los“. Kräutermischungen gibt es das ganze Jahr. Das Trocknen von Salbei, Thymian, Pfefferminze und Co. gelingt seit Kurzem komfortabler. „Mein Mann hat mir eine Solartrocknung gebaut“, freut sich die 58-Jährige über dessen ungebremsten Erfindergeist.

Raum für Kultur und Kulinarisches

Dienstag von 14 bis 18 Uhr und Freitag von 10.30 bis 14.30 Uhr sind die Verkaufstage im Kollektiv, das mehr als grünes Refugium zum Erzeugen von Gemüse ist. „Wir möchten den Ort mit Leben füllen“, so Anita Jung. „Kulinarischem, Heilsamem, Spirituellem, Kulturellem und Künstlerischem Raum geben.“ Referenten und Musiker zwischen Majoran und Malve, Kochtöpfe mit Wildkräutern über offenem Feuer, dazu sanfte Lichtquellen und Kerzenschein. So sehen Veranstaltungen im und am Gewächshaus aus – zumindest vor der Pandemie. „Und das Schöne ist“, so die Agraringenieurin, „das Publikum ist immer bunt gemischt“. Selbst der Kegelclub, der sonst nur nach Mallorca fliege, sei schon eingekehrt. „Hier ist ein Ort, der nicht so offiziell ist.“ Das mache ihn einzigartig.
Anita Jung, aufgewachsen im Bayerischen Wald, gärtnert seit ihrem Studium, findet ihren ersten Seelenort in einer Selbstversorgergemeinschaft in Aue-Wingeshausen und ist später Teil einer solidarischen Landwirtschaftsgemeinschaft. Jetzt widmet sie sich mit ihren Mitstreiterinnen den Aufgaben im Gartenkollektiv, gibt Geheimnisse der Pflanzenkunde preis, sucht nach kreativen Köpfen, die sich mit Ideen einbringen. Der Kontakt mit der Natur und den Menschen ist ihr wichtig, auch außerhalb des Kollektivs.

Natur weiß, was Mensch braucht

In ihrer Naturerlebniswerkstatt bietet sie umweltbezogene Abenteuertage für Kindergärten, Schulen sowie Familien an und führt Themenwanderungen durch. Ihre Kenntnis über die Natur, die wisse, was der Mensch im Jahr brauche, ist anscheinend unerschöpflich. Sie erzählt mir von der Königskerze, die ich plötzlich in einem Beet entdecke. Mannshoch, aber mittlerweile vertrocknet, stehen wildgewachsen zig davon auch bei mir. Im Corona-Jahr habe sich die Königkerze stark ausgebreitet, erzählt die Umweltpädagogin. „In einem Jahr, in dem wir angespannt sind und Ängste haben.“ Und der Heilpflanze werde nachgesagt, dass sie vor Unheil bewahre. Der Duft der geräucherten Blüten verbanne zum Beispiel Streit aus dem Haus.
Mit dem Gedankenspiel, ob ich meine vertrockneten Königskerzen wohl noch abernten kann, verlasse ich nach einer aufschlussreichen Zeit die Karlshütte und freue mich schon jetzt auf ein Wiedersehen mit Anita Jung.

Autor:

Yvonne Clemens (Redakteurin) aus Stadt Olpe

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