Corona trifft den Nachwuchs hart

Mehr Kinder werden Opfer von Gewalt

Der Kinderschutzdienst schlägt Alarm: In Zeiten der Corona-Pandemie werden mehr Kinder Gewaltopfer und externe Kontrollinstanzen fallen weg.

Der Kinderschutzdienst schlägt Alarm: In Zeiten der Corona-Pandemie werden mehr Kinder Gewaltopfer und externe Kontrollinstanzen fallen weg.

damo Kirchen. Es ist gekommen, wie es kommen musste: Die Fallzahlen des Kinderschutzdiensts sind im Corona-Jahr deutlich gestiegen, und zwar von 77 auf 96. Und als ob diese Zahl nicht schon alarmierend genug wäre, kommt erschwerend hinzu, dass externe Kontrollinstanzen wie Lehrer oder Erzieher wegen des Lockdowns viele Alarmzeichen schlichtweg nicht wahrnehmen können. Die Dunkelziffer dürfte also gerade derzeit besonders hoch sein. All das wurde am Mittwoch bei einem Pressegespräch in den neuen Räumlichkeiten des Kinderschutzdienst am Buschert in Kirchen deutlich.

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96 Fälle beim Kinderschutzdienst

96 Fälle stehen für 96 Schicksale – denn hinter jeder Akte des Kinderschutzdienstes steht ein Kind, das zum Opfer geworden ist. Ob körperliche Gewalt, ob sexualisierte Übergriffe, ob Vernachlässigung oder psychischer Terror: Die Kinderseele leidet in der Pandemie, da sind sich die Expertinnen vom Kinderschutzdienst einig. Sie vergleichen das, was sich in einigen Familien derzeit abspielt, mit einem Dampfkochtopf: „Der Druck steigt, bis es zur Explosion kommt“, sagt Daniela Weber.

Oft seien Familien betroffen, die schon vor der Pandemie prekär waren – aber da habe es eben die externe Entlastung gegeben. „Schule ist viel mehr als ein Ort der Bildungsvermittlung“, erklärt Petra Baldus, „dort erfahren die Kinder Zuwendung, Tagesstruktur und Kontakte“. Und wenn das fehle, wirke sich das oft verheerend aus. So berichtet Baldus sogar von Fällen aus dem AK-Land, in denen Kinder regelrecht gehungert haben, weil sie das Mittagessen in der Ganztagsschule nicht mehr bekommen haben. Und Lucia Stupperich ergänzt die Ausführungen ihrer Kollegin mit einem Beispiel: Sie erzählt von einem Fall, wo nur die Notbetreuung in der Schule eine Inobhutnahme verhindert habe: „Dank der Schule kommt das Kind irgendwie klar.“

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"Die Schulen zu schließen, wäre eine Katastrophe"

Kein Wunder also, dass jeder Tag ohne Schule oder Kita die Sorgenfalten des Kinderschutzdienstes wachsen lässt. „Die Schulen zu schließen, wäre eine Katastrophe“, betont Lucia Stupperich. Denn dann würden gefährdete Kinder jedwede externe Stabilisierung verlieren. Und es gäbe niemanden mehr, der hinschauen kann. Gerade darauf, dass Lehrer, Erzieher, vielleicht aber auch Nachbarn die Warnzeichen erkennen und darauf reagieren, seien betroffene Kinder aber dringend angewiesen. „Von den über 90 Kindern im Vorjahr haben maximal fünf selbst den Kontakt zu uns aufgenommen“, erläutert Melanie Jung. „Die Kinder brauchen jemanden, der ihnen Glauben schenkt und der es für möglich hält“, verdeutlicht sie. „Es fängt fast immer mit einem komischen Gefühl im Bauch an“, sagt sie.

Dass all die, die Kontakte mit Kindern haben, diesem Bauchgefühl Bedeutung beimessen, sei enorm wichtig: Denn ohne Externe, die den Kindern Sicherheit bieten, stehen diese allein auf weiter Flur – es ist kein Zufall, dass der Kinderschutzdienst nach dem Ende des ersten Lockdowns von einer Welle Hilfesuchender überrollt worden ist. „Und wir befürchten, dass es nach diesem Lockdown wieder so sein wird“, prophezeit Lucia Stupperich.

Kinderschutzdienst findet neues Domizil auf dem Brühlhof in Kirchen

Angesichts dieser Herausforderung ist es zumindest erfreulich, dass der Kinderschutzdienst selbst mittlerweile deutlich besser aufgestellt ist: Endlich ist ein neues Domizil gefunden, und zwar ein Einfamilienhaus auf dem Brühlhof in Kirchen. Die schönen, hellen Räume dienen nicht nur dem Team: Der Kinderschutzdienst will und muss den Gewaltopfern eine sichere Anlaufstelle bieten – und natürlich spielt da auch ein ansprechendes und funktionales Setting eine Rolle. Über den bisherigen Standort braucht man nicht lange reden, da ist mit einem Satz von Lucia Stupperich alles gesagt: „Das war eine Bruchbude.“

Nun also kann der Kinderschutzdienst neu starten – aber trotz des Trägerwechsels zum DRK vor einem Jahr ist er weiter auf Spenden angewiesen. Gerade im Moment, denn weite Teile des alten Mobiliars waren derart in die Jahre gekommen, dass sie nicht mit an den neuen Standort gezogen, sondern in der Deponie in Nauroth gelandet sind.

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Kinderschutzdienst freut sich über jede Spende

Also freut sich der Kinderschutzdienst über jede Spende, und so war Marco Müller vom Stromnetzbetreiber EAM beim Pressetermin herzlich willkommen.

Petra Baldus, Daniela Weber, Lucia Stupperich und Melanie Jung (v.l.) vom Kinderschutzdienst haben alle Hände voll zu tun: Die Pandemie verschärft viele familiäre Probleme. Da kam der Spendenscheck von Marco Müller (EAM) gerade zur rechten Zeit.

Petra Baldus, Daniela Weber, Lucia Stupperich und Melanie Jung (v.l.) vom Kinderschutzdienst haben alle Hände voll zu tun: Die Pandemie verschärft viele familiäre Probleme. Da kam der Spendenscheck von Marco Müller (EAM) gerade zur rechten Zeit.

Er hat einen Spendenscheck über 1800 Euro mitgebracht. Das Geld stammt noch aus der Zeit vor Weihnachten: EAM hat auf Präsente an die Geschäftspartner verzichtet. „Es passt viel besser in die Welt, soziale Einrichtungen in unserem Gebiet zu unterstützen.“ Zum 1. April will das Team in den neuen Räumlichkeiten an den Start gehen. Und es spricht leider vieles dafür, dass den Psychologen, Pädagogen und Sozialarbeitern die Arbeit nicht ausgehen wird.

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