„Zuckerbrot und Peitsche“: Untersuchungen von Gerhard R. Bender (†)

Als die Nazis zur Macht griffen

Das NSDAP-Kreishaus an der Adolf-Hitler-Straße in Betzdorf im Jahr 1935. Die Wilhelmstraße war 1933 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt worden. Das Kreishaus der NSDAP war Zentrum politischer Macht im Kreis Altenkirchen in nationalsozialistischer Zeit.

Das NSDAP-Kreishaus an der Adolf-Hitler-Straße in Betzdorf im Jahr 1935. Die Wilhelmstraße war 1933 in Adolf-Hitler-Straße umbenannt worden. Das Kreishaus der NSDAP war Zentrum politischer Macht im Kreis Altenkirchen in nationalsozialistischer Zeit.

sz Altenkirchen. Eine spannende und zugleich aufschlussreiche regionalgeschichtliche Studie ist erschienen – zur nationalsozialistischen „Machtergreifung“ im Kreis Altenkirchen. Sie trägt den Titel „Zuckerbrot und Peitsche“. Damit wird auf die Politik der Nationalsozialisten abgehoben, die auch hierzulande ab 1933 versuchten, die Menschen einerseits mit Druck gefügig zu machen und sie andererseits mit Festen und Feiern, Umzügen und Aufmärschen für sich zu vereinnahmen. Die Untersuchung stammt von Gerhard R. Bender (1957–2018), der vor knapp drei Jahren einer heimtückischen Krankheit erlag. Er hatte seine Arbeit im Jahre 1983 am Ende seines Lehramtsstudiums an der Gesamthochschule Siegen – der heutigen Universität Siegen – im Rahmen der Ersten Staatsprüfung als Staatsarbeit vorgelegt. Betreuer und Erstgutachter war damals Professor Dr. Wolfgang Birkenfeld (1932–2011), ein namhafter deutscher Zeithistoriker und Schulbuchautor, der in Siegen Geschichte lehrte.

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Nach wie vor aktuelle Schrift

Der Betzdorfer Historiker Dr. Thomas A. Bartolosch, damals Kommilitone Benders und später wissenschaftlicher Mitarbeiter von Professor Birkenfeld, hat die Schrift in leicht modifizierter Fassung im Selbstverlag herausgegeben, ergänzt durch ein ausführliches Editorial als Vorwort sowie einen Bildteil mit Bildunterschriften und Kommentaren am Ende der Publikation. Dr. Bartolosch würdigte die Arbeit Benders als erste Monographie zur nationalsozialistischen „Machtergreifung“ im Kreis Altenkirchen, eine Schrift, die aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive heute nach wie vor aktuell sei. Sie habe in Teilen spätere Ergebnisse der Forschung vorweggenommen, wenn auch „nur“ am regionalen Beispiel. Der Mainzer Wahlforscher Professor Dr. Jürgen W. Falter veröffentlichte etwas später – im Jahr 1991 – eine sehr gründlich recherchierte, viel beachtete Untersuchung mit dem Titel „Hitlers Wähler“, die mit vielen Vorurteilen aufräumte, etwa der Vorstellung, dass Frauen Hitler in Scharen zugeströmt seien. Andererseits bestätigte sich die konfessionelle Bindung der Wählerschaft, die Gerhard Bender bereits herausgearbeitet hatte – für die Menschen im Land an Sieg und Wied.

Von freien, fairen Wahlen keine Rede mehr

Das betraf nicht nur die Wahlen in der späten Weimarer Republik, sondern galt auch für die letzten, sogenannten „halbfreien“ Wahlen, die im März 1933 abgehalten wurden, also nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ vom 30. Januar 1933. Nachdem Hitler vom greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt worden war, hatte es nur noch diese „halbfreien“ Wahlen gegeben, weil die Nationalsozialisten Sozialdemokraten und Kommunisten bereits behinderten und bedrohten. So konnte von freien, fairen Wahlen keine Rede mehr sein. Als ein wichtiges Ergebnis der Untersuchungen Benders zeigte sich, dass die Menschen im Kreis Altenkirchen in Siedlungen mit überwiegend katholischer Bevölkerung weiterhin das „Zentrum“ als Partei des politischen Katholizismus wählten und sich gegenüber dem Nationalsozialismus resistent erwiesen, während die protestantischen Wähler zu einem großen Teil für Hitler votierten.

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Grundzüge der Geschichte des AK-Kreises

Bartolosch hält die Studie insbesondere auch vor dem Hintergrund jüngster politischer Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland wie in Europa für sehr lesens- und bedenkenswert. Eingeflossen ist die Auswertung von Kopien zeitgenössischer Zeitungen, die ihm „Kommilitone“ Bartolosch damals aus dem väterlichen Archiv zur Verfügung stellte. Wenn die Arbeit Benders erst heute erscheine, so liege das daran, dass er sie zu einer Doktorarbeit hatte ausbauen wollen, wozu es aber aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr kam, berichtet Bartolosch. Gerhard Bender hat sich nicht nur mit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ der Jahre 1933/34 im Kreis Altenkirchen auseinandergesetzt, zum Beispiel die Einnahme lokaler Führungspositionen nachgezeichnet, sondern auch das Jahr 1932 als Teil der „Vorgeschichte“ beleuchtet. Er hat sogar noch weiter zurückgeblickt, sodass der Leser Grundzüge der Geschichte des Kreises Altenkirchen vor Augen hat, bevor er mit der eigentlichen Thematik der Untersuchung konfrontiert wird.

Studie gibt Kolorit der 1980er-Jahre wieder

Wenn Bartolosch den Begriff „Machtergreifung“ nachträglich in Anführungsstriche gesetzt hat, so hat er das bewusst getan, damit sich die Studie deutlich vom nationalsozialistischen Mythos abgrenzt, der 30. Januar 1933 sei der „Tag der Machtergreifung“ gewesen. Mit diesem Tag hatte Hitler noch keineswegs die „Macht ergriffen“. Das war erst nach einem länger währenden Prozess der Fall, der etwa eineinhalb Jahre dauerte. Erst nach einer innerparteilichen Säuberungsaktion, die im Sommer 1934 infolge des sogenannten „Röhm-Putsches“ in der NSDAP vollzogen wurde, gab es niemanden mehr, der Hitler hätte gefährlich werden können. Spätestens nach dem Tod Hindenburgs war das der Fall, dessen Amt als Reichspräsident Reichskanzler Hitler kurzerhand mit übernahm. Der Prozess der „Machtergreifung“ war abgeschlossen. Diese Bewertung damaliger Vorgänge fand bereits in der Arbeit Benders Berücksichtigung, auch wenn er die Anführungsstriche noch nicht setzte. Als Herausgeber hat Dr. Bartolosch nur einige wenige solcher kleinen, behutsamen Modifikationen am Text Benders vorgenommen, auch um den Charakter der Studie, die auch ein wenig den Kolorit der 1980er-Jahre wiedergibt, zu erhalten.

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