Organist Jürgen Poggel

Mit "Layla"-Cover zum Tiktok-Star

Jürgen Poggel, in der hiesigen Region kein Unbekannter, spielt unlängst bei einer Schützenmesse auch den umstrittenen Song "Layla". Tage später wird der Organist zum Tiktok-Star.

Jürgen Poggel, in der hiesigen Region kein Unbekannter, spielt unlängst bei einer Schützenmesse auch den umstrittenen Song "Layla". Tage später wird der Organist zum Tiktok-Star.

Bei einer Schützenmesse in einem kleinen Ort im Sauerland wird auf einer Orgel ein Pop- und Schlager-Medley gespielt. Ein Video gerät ins Internet. Tage später diskutiert halb Deutschland über Sexismus und Kunstfreiheit - und der Organist wird zum Tiktok-Star.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

mku/lnw/dpa Welschen-Ennest. Mitte Juli saß Jürgen Poggel an der Orgel in der Kirche in Welschen-Ennest und spielte alte Popsongs wie „Skandal im Sperrbezirk“ und den neuen angeblichen Skandal-Hit „Layla“. „Das ist doch schon so lange her“, findet Pfarrer Heinrich Schmidt aus Kirchhundem und muss ein wenig lachen. Kein Mensch spreche mehr darüber, zumindest nicht in seinem Umfeld, sagt der Geistliche. Er bedauert allerdings trotzdem ein wenig, selbst nicht im Gottesdienst gewesen zu sein. „Ich hätte das natürlich untersagt“, betont er und beurteilt das Frauenbild im Text des Liedes als unmöglich. Er selbst habe das seinerzeit in einer Predigt angesprochen und vorbildliche Frauen aus dem Alten und Neuen Testament dagegen gehalten. Da zählt es für ihn auch nicht, dass in der besagten Schützenmesse nur die Musik gespielt wurde. Die transportiere aber nun einmal Stimmungen und Inhalte, kommentiert der Pfarrer aus Kirchhundem. Eigentlich habe er sich zu der Thematik ja gar nicht mehr äußern wollen, weil das nur unnötig wieder für Aufmerksamkeit sorge. „Im Osten Europas fliegen den Menschen die Kugeln um die Ohren“, sagt Schmidt und wundert sich, warum sich eine Gesellschaft bei solchen Herausforderungen doch für seltsame Dinge zu Herzen nehmen könne.

Jürgen Poggel ist 55 Jahre alt, Lehrer, war bis vor Kurzem Schützenkönig im Knapp-900-Einwohner-Dorf Heinsberg (Kreis Olpe) und spielt in einer Tanzmusik-Band. "Man kennt mich hier ein bisschen im Sauerland", sagt er. Dass bei Auftritten jetzt die ganze Halle "Jürgen! Jürgen!" skandiert und er Selfies mit Fans machen muss, ist aber neu. Seinen plötzlichen und unverhofften Ruhm verdankt er einer Akustik-Coverversion des umstrittenen Ballermann-Lieds "Layla", die er in einer Kirche auf der Orgel spielte. Ein Video davon ging viral. Mittlerweile wurde es fast zwei Millionen mal angeklickt.

Poggel wollte kein Zeichen setzen

Dabei wollte Poggel, der auch im Siegerland aufgrund seiner Konzerttätigkeiten kein Unbekannter ist und an der hiesigen Uni studierte, nicht etwa ein Zeichen in der Sexismus- und Verbotsdebatte um den Schlager setzen - er wusste noch nicht einmal, dass er dabei gefilmt wurde, geschweige denn, dass das Lied auf die Kurzvideoplattform Tiktok gestellt wurde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Am 10. Juli spielt Poggel Orgel bei einer Schützenmesse in der Gemeinde Kirchhundem. Bei so einer Messe sei es durchaus üblich, dass neben Kirchenliedern auch Schlager gespielt würden, erzählt er. Also überlegte er sich ein Medley, mit "Skandal im Sperrbezirk", "Gangsta's Paradise", der James-Bond-Melodie und eben: "Layla". Denn bei Auftritten mit seiner Tanzmusik-Band habe er gemerkt, dass der Song gerade besonders gut ankomme.

Das Lied von DJ Robin & Schürze stand zu dem Zeitpunkt schon auf Platz eins der deutschen Single-Charts, war aber da noch vor allem Fans von Malle- und Sauf-Schlagern ein Begriff. Zwar gab es auch da schon Kritik am sexistischen Text - der Ohrwurm dreht sich um eine "Puffmama", die "schöner, jünger, geiler" sei -, die große Debatte darum sollte aber erst noch folgen.

"Ich wollte den Leuten eine Freude bereiten"

"Ich wollte den Leuten eine Freude bereiten", sagt Poggel. "Und sicherlich auch ein bisschen zeigen, was die Orgel so kann." Das Instrument spiele er seit seinem 14. Lebensjahr. Er habe weder einen Kirchenskandal herbeizitieren noch irgendetwas heraufbeschwören wollen, was Leute verärgere. Tatsächlich habe es nur positive Reaktionen gegeben. "Es gab spontanen Applaus", sagt Poggel. Währenddessen habe niemand mitgeklatscht, niemand mitgesungen, sondern "andächtig zugehört". Er selbst spielte nur auf der Orgel - der umstrittene Text war also nicht in der Kirche zu hören.

In den Tagen darauf wurde bekannt, dass das Lied wegen des sexistischen Textes bei Volksfesten in Würzburg und Düsseldorf von den Veranstaltern nicht erwünscht ist - und plötzlich diskutierte halb Deutschland über Kunstfreiheit, angebliche Zensur und ob das Lied einfach nur ein Spaß ist oder von tiefsitzender Frauenfeindlichkeit zeugt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Malle-Schlagerstar Ikke Hüftgold postet Video

Was Poggel beim Orgelspiel gar nicht mitbekam: Ein Kollege filmte das mehr als drei Minuten lange Medley. Das Video sei danach in einigen Chatgruppen herumgegangen. Am Wochenende darauf hätten ihn Kinder angesprochen: Der Ausschnitt mit "Layla" sei bei Tiktok, gepostet vom Malle-Schlagerstar Ikke Hüftgold. "Ein Grund wieder in die Kirche zu gehen", schrieb er. Woher der Schlagersänger es hatte? - "Ich weiß es nicht. Er hat mich nicht gefragt", sagt Poggel. Wenige Stunden später hatte das Video mehr als 400.000 Klicks, noch am Abend wurde die Million geknackt. "Da ist mir schon mulmig geworden", sagt er.

Ausschließlich positive Reaktionen

Er habe aber nur positive Reaktionen mitbekommen. Bei Auftritten seiner Tanzmusik-Band ist er jetzt ein Star: "Es gibt viel Lächeln und Schulterklopfen", sagt Poggel. Es gebe es "Jürgen! Jürgen!"-Rufe, Selfie-Wünsche und Forderungen nach "Layla". Bei einem Konzert habe er es mehrmals allein am Keyboard gespielt - so wollte es das Publikum.

Die Debatte um den Text finde er einerseits verständlich, sagt Poggel. Man müsse aber auch mal ein bisschen Humor beweisen, bei Ballermann-Liedern gehöre das dazu. Und aufgrund des Textes könne man viele Lieder anprangern. "Da müsste man schon mit einer viel größeren Sense umhergehen und verbieten", sagt er. "Aus meiner pädagogischen Erfahrung heraus halte ich das, was da gelaufen ist, für äußerst ungeschickt", sagt Poggel, der Lehrer für Musik und Erdkunde an der Sekundarschule Hundem-Lenne ist. "Alles, was ich in der Schule verbiete, wird erst recht gemacht", sagt er.

Mehr aus Kirchhundem

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken