BIS AUF WEITERES

Beziehung mit Facebook am Ende

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.

Wenn sie dich kriegen, schrieb mir im März 2017 ein Freund, dann kriegen sie alle. Ich war Neuling bei Facebook, mit 54 Jahren ein Spätberufener im sozialen Netzwerk. Ich war soeben von einer Fernreise zurückgekehrt, auf der ich interessante Leute kennengelernt hatte: Felicity und Debbie aus Perth in Australien, Paulina aus Chile, John aus Hongkong oder Frank aus Fort Wayne, USA. Sie alle waren schon lange dabei. Komm, meld’ dich an, ermunterten sie mich, dann können wir Kontakt halten. Es war für mich anfangs wie eine neue Welt, in die ich da eintauchte. Stunden verbrachte ich damit, Fotos und kleine Geschichten zu posten, die große Welt wurde erfahrbar – ein globales Dorf entstand, in dessen Häuser ich jederzeit eintreten konnte. Herrlich! Zwei Jahre etwa dauerte unser Honeymoon, dann begannen die Schwierigkeiten und Zerwürfnisse. Und nun, vier Jahre nach unserer Vermählung, ist unser Verhältnis zerrüttet. Meine Braut und ich stehen kurz vor der Scheidung. Wie ist es so weit gekommen mit uns beiden? Irgendwann begriff ich, dass FB einen tief verborgenen Webfehler besitzt, im übertragenen Sinne: einen schlechten Charakter. Meine Liebste, so fand ich auf die harte Tour heraus, ist nicht so freundlich wie sie immer tut. Sie ist geschäftstüchtig, und ihr Modell ist der Aufruhr. Hass und Hetze, Falschinformationen und Verschwörungstheorien sind ihr täglich Brot. Nicht ausschließlich, ich weiß das nur zu gut: aber auch. In wenigen Jahren hat eine Radikalisierung stattgefunden, wie ich sie nicht für möglich gehalten habe. Manche „Freunde“ posten unter Ihresgleichen nur noch Zersetzendes. Ich bin z. B. in der Interessensgruppe „Weltliteratur“. Mittlerweile brauchst du da nur Thomas Mann gut zu finden, da fallen sie schon über dich her. Der Sturm auf das Washingtoner Capitol, sagte Roger McNamee jetzt in einem Interview in der FAZ, sei erst durch FB möglich geworden. Facebook sei eine Gefahr für die Demokratie und müsse zerschlagen und reguliert werden, so der frühere Investor und Zuckerberg-Berater. Ich weiß nicht, was aus uns werden soll. FB muss sich ändern – oder wir gehen bald getrennte Wege.

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a.goebel@siegener-zeitung.de

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