BIS AUF WEITERES

Orte und ihre Zeiten

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.

Die kürzlich verstorbene Holocaust-Überlebende Ruth Klüger war der Überzeugung, dass Orte, so wie wir sie wahrnehmen, für uns nur in Verbindung mit ihrer jeweiligen Zeit existieren können. Ein interessanter Ansatz, wie ich finde. Sporadisch überprüfe ich ihn immer mal wieder bei mir selbst. In ihrem Buch „weiter leben“ über ihre Verfolgung als Jüdin macht sie ihre These an den KZ-Gedenkstätten deutlich. Sie wirkten mit ihren Baracken „fast einladend“, alles so sauber und ordentlich. Unserer Museumskultur, spottet sie, liege der tiefe Aberglaube zugrunde, dass die Gespenster gerade dort zu fassen seien, wo sie als Lebende aufhörten zu sein. „Das mindeste, was dazu gehörte, wäre die Ausdünstung menschlicher Körper, der Geruch und die Ausstrahlung von Angst, die geballte Aggressivität, das reduzierte Leben.“ Doch damit können Orte, herausgerissen aus ihrer Zeit, egal ob in der Hölle oder im Paradies, nun mal nicht dienen. Unsere Lebensläufe haben mit dem Martyrium dieser tapferen Frau glücklicherweise nichts gemein. Dass die liebgewonnenen Stätten unseres Lebens später nicht mehr halten konnten, was sie versprachen, diese Erfahrung dürften die meisten von uns bei der Wiederbegegnung mit ihnen indes gemacht haben. Marburg, wo ich studierte, war für mich Landei im Herbst 1983 eine Weltstadt. Wie klein und putzig kam es mir später vor, als ich vor meiner alten Studentenbude stand oder durch die Barfüßerstraße schlenderte. Gleiches gilt für meine alte Schule, deren Aula ich als Sextaner ehrfürchtig und mit Herzklopfen betreten hatte. Die Freiburgerin Gwendolin Weisser, die mit ihrem Mann dreieinhalb Jahre lang hauptsächlich per Anhalter und fast ohne Geld um die Welt gereist ist, wurde von einem Reporter einmal gefragt, ob sie sich nicht nach den Orten, die sie auf ihrer Tour entdeckt habe, zurücksehne. Was wird sie ihm darauf wohl geantwortet haben? Dazu noch einmal Ruth Klüger: „Das Wort Zeitschaft sollte es geben, um zu vermitteln, was ein Ort in der Zeit ist, zu einer gewissen Zeit. Weder vorher noch nachher.“

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a.goebel@siegener-zeitung.de

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