Eheleute Hamich machen als Streitschlichter Schluss

Seit 20 Jahren auf Schmusekurs

Das wahrscheinlich einzige Schiedsehepaar in Deutschland legt Ende März sein Amt nieder. 20 Jahre haben sich Günther und Anne Hamich um die Konflikte anderer Menschen gekümmert.

Das wahrscheinlich einzige Schiedsehepaar in Deutschland legt Ende März sein Amt nieder. 20 Jahre haben sich Günther und Anne Hamich um die Konflikte anderer Menschen gekümmert.

sp Weidenau. Ein bisschen versteckt liegt das Haus von Anne und Günther Hamich an der Austraße in Weidenau. Dennoch haben in den vergangenen 20 Jahren viele Menschen den Weg dort hin gefunden. Allerdings nicht immer, um dem Ehepaar einen freundlichen Besuch abzustatten. Denn mit seinem Ehrenamt machte es sich nicht nur beliebt. Die Hamichs sind Schiedspersonen. Sie schlichten den Streit anderer Menschen.

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„Die Leute lassen erst mal Dampf ab. Jeder, der zu uns kommt, hat recht“, sagt der 72-Jährige, aber einer habe es eben – auf Grundlage der Gesetze – etwas mehr als der andere. Es könne sein, dass es einen „Verlierer“ gebe. So landeten schon rohe Eier an der Hauswand des Ehepaars. Günther Hamich musste Menschen bitten, das Haus zu verlassen, weil sie sich nicht benahmen, wie es sich in einem „Amt“ gehört. Zu einem solchen wird das Wohnzimmer der Hamichs, wenn dort Schlichtungsverhandlungen stattfinden. Aufgrund von Corona ist das derzeit allerdings nicht erlaubt.

Schiedsehepaar im Frühling und Herbst mehr zu tun

Zu dem Ehepaar kommen vor allem Nachbarn, die sich gestritten haben. Oft gebe es eine lange Vorgeschichte, erzählt der frühere Banker. Das runtergefallene Laub oder die zu hoch gewachsene Hecke – das seien am Ende die Tropfen, die das Fass zum Überlaufen brächten. Dementsprechend hat das Schiedsehepaar im Frühling und Herbst mehr zu tun.

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Günther und Anne Hamich halfen vielen Weidenauern, ihre Streitigkeiten zu lösen. Das Ziel ist es, dass die Parteien nicht vor einen Richter treten müssen, sondern sich außergerichtlich einigen. „Wir richten nicht, wir schlichten“, betonen die beiden. In 95 Prozent der Fälle sei das erfolgreich gewesen und ein Vergleich, also ein Kompromiss, sei geschlossen worden. Spätestens wenn das Schiedspaar den Leuten erkläre, dass eine Verhandlung vor Gericht deutlich mehr koste als beim Schiedsamt (die Kosten liegen bei ca. 40 Euro), lenkten die meisten ein. Hamichs waren früher als sachkundige Bürger in der Siegener Politik aktiv. „Über die Tour sind wir mehr oder weniger dahin gekommen“, sagt Günther Hamich zum Beginn des Ehrenamts.

Ins kalte Wasser geschmissen

Weidenau war bis vor Kurzem in zwei Bezirke unterteilt. Hüttental 3 übernahm er, Hüttental 4 seine Frau. Beide vertreten sich gegenseitig. „Ein Schiedsmann soll auch in dem Bezirk wohnen, wo er sein Schiedsamt hat“, erklärt der 72-Jährige. Das Haus der Hamichs steht fast auf der Grenze der beiden Bezirke. Günther Hamich erinnert sich gut an die Anfangszeit: „Wir wurden ins kalte Wasser geschmissen und haben uns erst einmal Bücher beschafft.“ Erst später hätten sie Fortbildungen besucht. Die benötigen sie schon länger nicht mehr. Sie kennen die Gesetzestexte, wissen, wie sie mit den Menschen umgehen müssen. „Sie müssen in erster Linie gut zuhören können“, nennt Günther Hamich eine Eigenschaft, die Schiedspersonen mitbringen sollten.

Wohl einziges Streitschlichter-Ehepaar in Deutschland

Hamichs kennen kein weiteres Ehepaar in Deutschland, bei dem beide das Ehrenamt ausüben. Wie viele Fälle sie in den vergangenen Jahren bearbeitet haben, das wissen sie nicht. Manchmal habe es in einem Monat keinen Fall gegeben, in einem anderen dafür zwei oder drei. Für die 77-jährige ehemalige Kaufmännische Angestellte ist aber klar: „Wir sind es müde geworden nach 20 Jahren, uns mit dem Ärger anderer Menschen herumzuschlagen.“ Auch ihr Mann muss zugeben: „Das ist mit sehr viel Arbeit verbunden.“

Beide haben festgestellt, dass die Schiedsverfahren weniger geworden sind, die sogenannten „Tür- und Angelfälle“ aber zugenommen haben, also Gespräche, mit denen sich Anrufer oder Besucher erst einmal informieren wollen über ihre rechtlichen Möglichkeiten. Hier kann das Schiedsehepaar oft schon helfen und empfiehlt, das Gespräch mit der anderen Partei zu suchen. „Wenn die hier beim Schiedsamt sind, dann ist die Freundschaft vorbei“, hebt der Schiedsmann hervor.

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Zum gemeinsamen Grillabend eingeladen

Nur einmal sei es vorgekommen, dass sich Nachbarn wieder so gut vertragen hätten, dass sie einen gemeinsamen Grillabend veranstalteten und Hamichs dazu einluden. Ein positives Erlebnis, das dem Ehepaar in Erinnerung geblieben ist.

Ende März wollen die beiden ihr Ehrenamt niederlegen. Bis dahin muss ein Nachfolger gefunden werden.

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