KOMMENTAR

Wem gehört der Wald?

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.

SZ-Redakteur Dr. Andreas Göbel.

Wer mal in England oder Wales gewesen ist, der weiß unser Bundeswaldgesetz zu schätzen. Wälder und Wiesen dürfen dort nur betreten werden, wenn entweder ein öffentliches Wegerecht besteht, oder das jeweilige Gelände als „Access Land“ explizit ausgewiesen ist. Der Spaziergang endet dort meistens am Stacheldraht. Bei uns erlaubt das Gesetz sowohl das Reiten als auch das Radfahren und Spazieren in den Wäldern, Näheres regeln die Landesgesetze. Es geht aber vergleichsweise liberal zu in den Grimm’schen Wäldern. Allerdings hat die Pandemie zu einer Überdehnung der Rechte geführt. Förster und Waldarbeiter verdrehen die Augen, wenn man sie auf das Thema anspricht. „Da herrscht Wildwest“, gab jetzt ein Forstdirektor zu Protokoll. Naturschützer sind stinksauer auf Mountainbiker, die die Wege verlassen und sich querfeldein auf die Strecke machen, neuerdings oft verstärkt durch Akkus, die die steilsten Hänge bezwingen. Jäger berichten, dass ihnen die Spaziergänger mitten in die Treibjagden hineinstolpern und Absperrungen missachten. Auch die Ansitzjagd läuft nicht mehr störungsfrei. Und Wildbiologen registrieren in ihren Untersuchungen starke Beunruhigung von Hirschen, Wildschweinen und Rehen mit dem Effekt, dass Verbiss- und Schälschäden an Bäumen zunehmen. Und als wär’s nicht genug: Hochempfindliche Naturschutzgebiete werden von sogenannten „Scouts“ im Netz als „Naturbäder“ beworben. Wer mal auf den Rummel will, der muss sich nur mal im Sommer am NSG Mahlscheid in Struthütten oder an der Klebsandgrube zwischen Weitefeld und Elkenroth umschauen: Jeder nimmt sich, was er will. Der deutsche Wald steckt in einem Dilemma. Alle wollen sie etwas von ihm, dabei ging es ihm noch nie so schlecht wie heute. Sicherlich lässt der Druck im Kessel nach, sobald die Pandemie besiegt ist, aber die Querfeldeinfahrer und Naturstörer werden bleiben. Sie stellen für die Lebensgemeinschaften der Tiere und Pflanzen eine echte Gefahr da. Über dieses Thema müssen wir einen ernsthaften gesellschaftlichen Dialog führen.

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a.goebel@siegener-zeitung.de

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