Leserfragen an Oberarzt Dr. Paul Fiedler

"Insgesamt scheint der Corona-Impfstoff sicher zu sein"

Zwei Impfstoffe werden momentan EU weit verimpft, sofern der Impfstoff vorrätig ist.

Zwei Impfstoffe werden momentan EU weit verimpft, sofern der Impfstoff vorrätig ist.

sabe Siegen. Er ist in aller Munde, aber längst nicht in aller Oberarme: Der Impfstoff gegen Covid-19 wird wohl noch eine ganze Weile Thema jeder Debatte sein. Die Mythen und Meinungen beginnen bereits zu ranken. Zwischen Fakten und Fake News kommt man schnell in unsicheres Fahrwasser. Wir haben Sie auf unseren sozialen Netzwerken nach Ihren Fragen zum Corona-Impfstoff befragt. Dr. Paul Fiedler, leitender Oberarzt der Klinik für Pneumologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin am Weidenauer Kreisklinikum, liefert Antworten. Herr Fiedler, immer wieder gibt es heiße Diskussionen um das Vakzin, die in beide Richtungen polarisieren. Woran liegt das?

  • Es gibt seit jeher einen kleinen, aber lautstarken Teil der Bevölkerung, der Impfungen gegenüber sehr skeptisch eingestellt ist. Demgegenüber gibt es einen kleinen Teil, der am liebsten eine generelle Impfpflicht einführen würde. Beide Meinungslager werden durch plakative Beiträge in sozialen Medien erheblich verstärkt und zum Teil bewusst verzerrt dargestellt. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Großteil der Bevölkerung eine gesunde Einstellung zu der aktuellen Impfdiskussion hat.
Wie sicher sind denn die Corona-Impfstoff, die eine solche schnelle Entwicklungsphase hinter sich haben?
  • Insbesondere die sogenannten mRNA-Impfstoffe (Gen-Impfstoffe) sind an einer sehr großen Anzahl an Patienten getestet. Im Rahmen einer Pandemie fällt es natürlich auch sehr viel leichter, eine ausreichende Anzahl an Probanden zu finden. Insgesamt scheint der Impfstoff, nach unserem jetzigen Wissen – es wurden bereits mehrere Millionen Dosen verimpft –, sicher zu sein.
Manche befürchten, dass der Impfstoff sich auf das menschliche Erbgut auswirkt?
  • Die mRNA in den Impfstoffen kann nach aktuellem Stand der Wissenschaft nicht in das menschliche Erbgut eingebaut werden. Somit besteht hier keine Gefahr. Abgesehen davon nehmen wir jeden Tag fremde Gene bzw. DNA mit der Nahrung in uns auf. Weder wachsen uns Hörner, wenn wir ein Steak vom Jungbullen essen, noch wird eine Kuh grün, wenn sie wochenlang grasend auf der Weide steht. Und die im Impfstoff benutzte RNA ist nochmals deutlich sensibler und instabiler als DNA.
Was weiß man denn bereits über Langzeitfolgen bzw. Nebenwirkungen der Impfung?
  • Wie jeder andere Impfstoff auch können die zugelassenen Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 natürlich Nebenwirkungen haben. Dies fängt an bei häufigen und vorübergehenden Nebenwirkungen, wie Schmerzen an der Injektionsstelle und erhöhter Temperatur und geht über seltener auftretende Nebenwirkungen, wie allergische Reaktionen. Auch bleibende Nebenwirkungen, wie sie extrem selten zum Beispiel bei Masern- und Mumpsimpfungen auftreten können, sind nicht zu hundert Prozent auszuschließen. Aktuell lassen sich aber keine schwerwiegenden Langzeitfolgen absehen. Die jetzt in der EU zugelassenen Impfstoffe unterliegen aber genau aus diesem Grund einer zusätzlichen Überwachung, um hier im Zweifelsfall sofort reagieren zu können. 
Gibt es dabei unterschiedliche Reaktionen bei Männern und Frauen?
  • Hier sind keine gravierenden Unterschiede zu erwarten.
Was ist mit Allergikern?
  • Das Vorgehen bei der Impfung ist hier abhängig von der Schwere und der Art der Allergie. Die Allergie muss vor der Impfung individuell mit dem Arzt besprochen werden; dieser entscheidet dann, ob die Impfung durchgeführt werden kann. Nach der Impfung ist ein Beobachtungszeitraum einzuhalten, um auf etwaige allergische Reaktionen angemessen reagieren zu können. Die Impfzentren sind darauf aber bestens vorbereitet.
Wie hoch ist der Schutz bei der altersbedingten Risikogruppe ab 75 Jahren?
  • Bei den beiden aktuell zugelassenen mRNA-Impfstoffen ist auch bei älteren Menschen von einer guten Wirksamkeit auszugehen. Bei dem voraussichtlich demnächst in der EU zugelassenen schwedisch-britischem Impfstoff liegen bei hochbetagten Menschen schlicht und einfach weniger Daten vor. Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts (RKI) empfiehlt bei diesem Impfstoff daher zunächst nur einen Einsatz bei Menschen unter 65 Jahren.
Hat die Impfung für mich einen Nutzen, wenn ich bereits Antikörper nach einer Infektion habe?
  • Ja, die Impfung kann möglicherweise dennoch für einen besseren Schutz vor Re-Infektion sorgen. Es gibt hier allerdings noch unzureichende Daten für eine sichere Aussage. Auf jeden Fall schadet die Impfung nicht, wenn man asymptomatisch an Covid erkrankt war und jetzt geimpft wird.
Warum braucht man zwei Dosen?
  • Eine Impfung trainiert das Immunsystem. Wie bei nahezu allen Impfungen, sind auch hier zwei Trainingseinheiten effektiver als eine.
Kann ich nach erfolgter zweiter Impfung andere weiterhin anstecken?
  • Es ist aktuell unklar, ob und wie lange diese sogenannte sterile Immunität vorliegt. Daher müssen wir trotz der Impfung weiterhin Masken tragen und die entsprechenden Regeln beachten, bis die Datenlage klarer ist.
Denken Sie, dass die Impfung verpflichtend sein wird, beispielsweise im Bezug auf Reisen?
  • Es ist durchaus denkbar, dass insbesondere private Unternehmen (wie eben z. B. Fluggesellschaften) bestimmte Angebote nur an geimpfte Menschen richten. Mehrere große IT-Firmen arbeiten bereits an einem international gültigen digitalen Impfausweis. Somit kann eine Art „Impfpflicht“ durch die Hintertür eingeführt werden. Der politische Druck wird hier stetig wachsen, je mehr (jüngere) Menschen geimpft sind und je größer die wirtschaftlichen Folgen für einzelne Branchen sind.
Ist das Ihrer Meinung nach sinnvoll?
  • Diese Entwicklung wird unabhängig von meiner bescheidenen Meinung geschehen.
Ab wann können wir Ihrer Meinung nach mit einer flächendeckenden Impfstoffversorgung rechnen?
  • Ich kann aktuell noch nicht einmal genau abschätzen, wann die Menschen in der Prioritätsgruppe 1 geimpft sind, da die gelieferte Impfstoffmenge doch noch erheblichen Schwankungen unterliegt. Ich würde mir allerdings wünschen, dass spätestens im Sommer allen Menschen in Deutschland ein Impfangebot gemacht werden kann.

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