"Quälendes Sterben auf Raten"

Viele Unternehmen werden sich leise verabschieden

Im Vergleich zum Herbst sind Verbesserungen zu erkennen - aber nicht in allen Branchen.  „Es ist ein Auf ohne Schwung", sagt Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der IHK.

Im Vergleich zum Herbst sind Verbesserungen zu erkennen - aber nicht in allen Branchen. „Es ist ein Auf ohne Schwung", sagt Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der IHK.

win Olpe/Siegen/Bad Berleburg. Die Corona-Pandemie hat die heimische Wirtschaft weiter im Würgegriff. Der Präsident der heimischen Industrie- und Handelskammer, der Altenhundemer Unternehmer Felix Hensel, und IHK-Hauptgeschäftsführer Klaus Gräbener stellten am Mittwoch in der Olper Geschäftsstelle der Kammer das Ergebnis der alljährlich im Januar durchgeführten Konjunkturumfrage vor, und das Ergebnis ist einerseits zwiegespalten, andererseits insgesamt wenig erfreulich.

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Starke Unterschiede je nach Branche

572 Firmen mit zusammen über 40.000 Beschäftigten haben sich an der Umfrage beteiligt und geben einen Konjunkturklimaindex wider, der zwar gegenüber dem Herbst leichte Verbesserungen zeigt, aber deutlich unter dem Wert der Vorjahre liegt. Gräbener: „Es ist ein Auf ohne Schwung.“ Hensel: „Niemals zuvor war die wirtschaftliche Situation innerhalb der und zwischen den Branchen derart unterschiedlich.“

Innenstädte werden sich ändern

Industrie, Großhandel und Dienstleister geben überwiegend zufriedenstellende Einschätzungen ab, in den vom Lockdown besonders getroffenen Branchen Gastgewerbe, Einzelhandel – mit Ausnahme der Lebensmittel – sowie der Kultur- und Eventbranche sei die Stimmung erwartungsgemäß „äußerst gereizt, ja fast schon düster“. Gräbener erwartet angesichts der angespannten Finanzlage ein „quälendes Sterben auf Raten“, viele Unternehmer lebten von der Substanz. Insbesondere beim innenstadtrelevanten Handel sieht er Umbrüche: „In ein bis zwei Jahren haben wir nicht mehr die Innenstädte, die wir kennen. Da wird man über Rückbau oder Umnutzung von Flächen reden müssen. Viele werden sich hier leise verabschieden, entweder durch Insolvenz oder indem sie einfach zumachen und gehen.“

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Kurzarbeit löst nicht alle Probleme

In der Industrie: ein geteiltes Bild. Im Kreis Olpe sieht es recht gut aus, laut Gräbener den unterschiedlichen Schwerpunkten geschuldet: „Alles, was nahe am Auto und bei der Gebäudeausstattung ist, läuft gut an“, dem Schwerpunkt der Industrie an Bigge und Lenne. Schlechter sehe es in Siegerland und Wittgenstein aus, wo Metallerzeugung sowie Maschinen- und Anlagenbau mit negativen Lageeinschätzungen überwiegen. Allein mit Kurzarbeit lasse sich das Problem nicht aussitzen, so Klaus Gräbener: „Wir sagen schon lange, dass es ein Fehler war, Kurzarbeit nicht automatisch mit Qualifizierung zu verknüpfen.“ Ein Hoffnungsschimmer sind positive Exporterwartungen. IHK-Konjunkturexperte Stephan Häger berichtete, dass die jüngsten Entwicklungen in Großbritannien und den USA hier Hoffnungen geweckt hätten. Gut durch die Krise kommt der Bausektor, wobei der Wohnungs- den Wirtschaftsbau deutlich auf die Plätze verweist, der negativen Investitionsbereitschaft der Unternehmen geschuldet.

Hilfsprogramme zu kompliziert

An die Politik hat die IHK die Forderung, angekündigte Hilfen auch tatsächlich ankommen zu lassen. Klaus Gräbener: „Wenn da die Bazooka angekündigt wird und am Ende nicht mal homöopathische Dosen ankommen, verlieren die Unternehmen die Hoffnung.“ Es gebe viel zu viele und viel zu komplizierte Programme, ergänzte Felix Hensel. „Etlichen Händlern, Dienstleistern und Gastronomen fehlt eine staatliche Exit-Strategie aus dem Lockdown.“ Der Rückgang bei den Beschäftigten sei eine Hiobsbotschaft, eine viel schlimmere der Einbruch bei den Ausbildungsverträgen. Hier sei eine doppelte Unsicherheit verantwortlich: bei Unternehmen, die nicht wissen, wie sie in Zukunft aufgestellt sein werden, und bei möglichen Auszubildenden, die weder Praktika noch Berufsmessen erleben können, um sich ein Bild vom Traumberuf machen zu können. Helfen würde hier nach Ansicht der IHK, wenn der Staat zumindest vorübergehend die Sozialversicherungsbeiträge übernähme – „ein einfaches, funktionierendes Instrument, um bei den Unternehmen die Belastung zu senken und kein solcher Rohrkrepierer wie die viel zu komplizierte Ausbildungsprämie“. Ein Licht am Ende des Tunnels sieht Klaus Gräbener bei der gigantischen Sparquote in Deutschland: „Wenn die Wirtschaft wieder anspringt, dann aber richtig.“ Nur – wann dies der Fall sein wird, lässt sich derzeit nicht mal ahnen.

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