Scharrenbach bleibt auf Millionenförderung sitzen

Corona verändert auch die Siegener City

Das Blinden-Bronzemodell der Siegener Innenstadt im Maßstab 1:600. Klein, aber fein. Wer weiter große Veränderungen für die City anstoßen möchte, muss neu denken, sagt Wissenschaftlerin Lamia Messari-Becker (kl. Bild) von der heimischen Hochschule.	Fotos: ch/Uni

Das Blinden-Bronzemodell der Siegener Innenstadt im Maßstab 1:600. Klein, aber fein. Wer weiter große Veränderungen für die City anstoßen möchte, muss neu denken, sagt Wissenschaftlerin Lamia Messari-Becker (kl. Bild) von der heimischen Hochschule. Fotos: ch/Uni

ch/sz Siegen. Bau- und Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) hat 100 Millionen für die Stärkung der Innenstädte in NRW zu vergeben. Sie möchte den „Innovationsraum Innenstadt“ an den Start bringen, die City zum Marktplatz des 21. Jahrhunderts machen. Doch das Geld wird nicht abgerufen. Ein Fehler. Denn die Corona-Pandemie verändert gerade unsere Innenstädte, wie z. B. das Siegener Viertel zwischen Hammerhütte, Cinestar-Komplex und Löhrtorbad.

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Stadtumbau sozial und ökologisch

Diese Veränderungen sollten wir als Chance begreifen, sagt Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker, Bauingenieurin und Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Uni Siegen. Ihr Interview mit der SZ ist ein Plädoyer dafür, die Innenstadt-Entwicklung zur Chefsache für die Bürgermeister von großen Städten und kleinen Gemeinden zu machen:

Lamia Messari-Becker

Lamia Messari-Becker

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Frau Prof. Messari-Becker, was macht die Pandemie mit unserer Innenstadt? Im Moment verursacht die Pandemie die größten Ruinen unserer Zeit. Büros stehen leer während viele Arbeitnehmer im Homeoffice arbeiten. Der Einzelhandel stirbt, während der Onlinehandel boomt. Nach der Pandemie wird nicht alles wieder so sein wie vorher, und das sollten wir auch gar nicht anstreben. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wie geht es nach der Pandemie weiter? Was lernen wir daraus und was können wir gemeinsam besser machen?

Konkret: Wie schaffen wir es, die Leerstände als Chance zu nutzen? Ein sozial-ökologischer Stadtumbau steht an. Diesen sollten wir nutzen, indem wir den Leerstand als Leergut begreifen und eine neue Baukultur etablieren. Bauen mit dem Bestand dürfte räumlich, architektonisch und ingenieurtechnisch eine der spannendsten Aufgaben der jüngeren Baugeschichte werden.

Wie kann diese neue Baukultur denn aussehen und wie wollen Sie sicherstellen, dass Sie die Bürger – auch bei uns im ländlichen Raum – mitnehmen? Wir müssen Bau-, Raum und Stadtentwicklung mit der Lebensrealität der Menschen zusammenbringen. Das geschieht bisher zu selten. Der Bau-, Raum und Stadtentwicklungspolitik wurde in den letzten Jahren keine große politische Bedeutung beigemessen. Das muss anders werden. Generell brauchen wir kleinteiligere kompaktere Strukturen, Orte der kurzen Wege, klimaresiliente Infrastruktur, mehr Urbanität, bezahlbares Wohnen – egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit sollten wenn möglich eng beieinander liegen.

Wie kann man sich das in Dörfern oder Gemeinden mit keiner oder kleiner Fußgängerzone vorstellen? Der ländliche Raum müsste mittel- und langfristig so umgestaltet werden, dass es Möglichkeiten zum Einkaufen in der Nähe und klimafreundliche Mobilitätsangebote gibt. Durch Orte der kurzen Wege fallen automatisch einige Gründe zum Pendeln weg. Das verringert die Flucht vom Land und es stärkt auch die heimische Wirtschaft. Und wir nehmen so den Druck von der Stadt. Dazu kommt: Die Arbeit von vielen Menschen hat sich während der Pandemie ins Digitale verlagert. Homeoffice kann künftig teilweise beibehalten werden. Der ländliche Raum ist damit nicht mehr ausschließlich ein grüner oder günstiger Ort zum Wohnen, sondern auch zum Arbeiten, insbesondere wenn wir dafür sorgen, dass die „Baustelle Digitalisierung“ insgesamt angegangen wird.

Klimaschutz und bezahlbar

Würden sich das auch positiv auf den Klimaschutz auswirken? Ja, denn wir geben den Menschen dadurch die Möglichkeit, sich klimafreundlich zu verhalten. Es muss darum gehen, dass sich Menschen von A nach B sicher, schnell, ökologisch und bezahlbar bewegen können. Viele Menschen möchten etwas für den Klimaschutz tun. Aber die Hürden, die Bürokratie und die Kosten sind für viele zu hoch.

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Thema Sanierung im Bestand: Wie sieht bei diesem Thema die Realität der Menschen aus? Wenn mir Rentner erzählen, dass sie ihr Haus gern sanieren möchten, das Förderrecht aber vorsieht, dass meist Maßnahmenpakete gefördert werden – dann sind das exorbitant hohe Summen, die viele nicht stemmen können. Ich plädiere dafür, dass es ermöglicht wird, dass jeder in seinem eigenen Tempo sanieren können soll. Einzelne Schritte nacheinander für z.B. Fenstererneuerung, Fassadendämmung und Heizungsaustausch wären viel realitätsnäher als ein komplettes, unflexibles Maßnahmenpaket.

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