Siegen-Wittgenstein und Kreis Olpe: Rund 70 Personen in Salafistenszene

Gefährder leben unter uns

Auch in den beiden Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe sind islamistische Gefährder zu Hause. Sie werden rund um die Uhr von den Sicherheitsbehörden in NRW beobachtet (Symbolfoto).

Auch in den beiden Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe sind islamistische Gefährder zu Hause. Sie werden rund um die Uhr von den Sicherheitsbehörden in NRW beobachtet (Symbolfoto).

kalle Siegen/Olpe. Der Terror ist zurück, die Salafisten waren nie weg. Es gibt sie nicht, die 100-prozentige Sicherheit vor radikalen Islamisten. Auch NRW-Innenminister Herbert Reul ist sich dessen bewusst. Die Anschläge von Mitgliedern der internationalen Salafistenszene bereiten den nordrhein-westfälischen Sicherheitsorganen große Sorgen. Nach dem verheerenden Anschlag am Montagabend in Österreichs Hauptstadt Wien mit mehreren Toten, den Terrorakten in Nizza, Paris und Dresden haben sich die Sorgenfalten bei den zuständigen Sicherheitsorganen vertieft. Minister Reul informierte Anfang der Woche im Gespräch mit dem Kölner Stadtanzeiger, dass derzeit 200 Gefährder und 175 relevante Personen im Kontext Islamismus in NRW eingestuft sind. Von den 200 Gefährdern wird eine hohe zweistellige Zahl als „aktionsfähig“ bezeichnet. Insgesamt geht sein Ministerium landesweit von rund 3500 Anhängern dieser kruden Religionsauslegung aus.

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Frauen spielen immer größere Rolle

Wer nun hofft, unsere beschauliche Region – weit weg von den großen Metropolen – sei eine Insel der Glückseligen, der irrt. Für die beiden Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe liegen ebenfalls Zahlen vor, die ein Sprecher des Verfassungsschutzes auf Anfrage der SZ offenlegte. Danach leben in den beiden südwestfälischen Kreisen rund 70 Personen, die der Salafistenszene zuzurechnen sind. Dabei spielten Frauen eine immer größere Rolle.

Müller: „Absolute Sicherheit gibt es nicht“

Wie der Landrat und Chef der Kreispolizeibehörde, Andreas Müller, gegenüber der Siegener Zeitung ausführte, habe man die kleine Personengruppe, die zu den Gefährdern gehört, im Blick. „Wir sind auch bei uns, wie im gesamten Land NRW, in der Gefahrenabwehr gut aufgestellt.“ Die Gefährder in der Region werden rund um die Uhr beobachtet. Eine exakte Zahl für den Kreis Siegen-Wittgenstein wollte Landrat Müller aus Sicherheitsgründen nicht nennen. „Eine absolute Sicherheit gibt es nicht“, so Müller. Der SI-Kreis sei sicherlich keine Hochburg der Salafisten. Der Landrat: „Wir haben zuletzt polizeiliche Zugriffe vorgenommen, die frühzeitig erfolgt sind, weit bevor es zu Terrorakten kommen konnte.“ Immerhin, es hat bereits mehrere Vorgänge gegeben, die gezeigt haben, dass auch im beschaulichen Siegerland und im Olper Land Salafisten leben, aktiv sind und von hier Terrorplanungen ausgegangen sind.

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Siegen Versteck für mutmaßlichen Terroristen

Zur Erinnerung: Im Dezember 2013 verübte eine Gruppe junger Islamisten einen Einbruch in die katholische Kirche St. Augustinus in Dahlbruch. Vom Erlös der Beute sollten verschiedene Terrorgruppen unterstützt werden. Die jungen Männer aus Siegen, Kreuztal und Dreis-Tiefenbach wurden von Spezialkräften festgenommen, anschließend vor einem Gericht in Köln verurteilt. Ein noch gravierenderer Fall spielte sich im Rahmen des NRW-Tages in Siegen ab. Damals hatte sich ein 20 Jahre alter Salafist damit gebrüstet, bei dieser Veranstaltung mit vielen Tausend Besuchern mit einem Lastwagen voll Sprengstoff die Krönchenstadt zu attackieren. Der Verfassungsschutz erhielt Hinweise auf den geplanten Anschlag. Man habe die Terrorwarnung sehr ernst genommen, so die Siegener Staatsanwaltschaft damals. Von dem verdächtigen Studenten, Selim D., fehlt seitdem jede Spur. Im Juli 2015 war ein IS-Terrorist aus Hilchenbach mit dem Kampfnamen Abu Mujahid bei einem Gefecht nahe Ramadi im Irak getötet worden. Der junge Mann war vermutlich in Frankfurt radikalisiert worden. Aktuell in diesem Jahr wurde im März ein in Siegen lebender Terrorverdächtiger festgenommen. Ihm wirft man vor, Mitglied der Vereinigung Islamischer Staat (IS) zu sein. Siegen erwies sich erneut als Versteck und Heimat für einen mutmaßlichen IS-Terroristen. Die Zelle um ihn beabsichtigte nach Angaben der Bundesstaatsanwaltschaft, in Deutschland tödliche Anschläge zu begehen. Sie stand dabei in Kontakt mit zwei hochrangigen IS-Führungsmitgliedern in Syrien und Afghanistan, von denen sie entsprechende Anweisungen erhielt.

Ministerium: „Strukturen bereiten Sorge“

Die Siegener Zeitung bat das Innenministerium NRW um eine aktuelle Einschätzung der Lage in der heimischen Region. Dazu teilte die stellv. Sprecherin des Ministeriums (u. a. zuständig für den Verfassungsschutz), Pia Leson, mit: „Südwestfalen spielte vor einigen Jahren eine wichtige Rolle im Bereich der salafistischen Szenen in Nordrhein-Westfalen. Ein Hauptakteur aus den mittlerweile verbotenen Organisationen Millatu Ibrahim und Tauhid Germany hatte hier seinen Wohnsitz. Auch einzelne Anhänger dieser Organisationen waren dort mit Wohnsitz bekannt. Aktuell ist die Lage etwas ruhiger. Nach wie vor gehen die Sicherheitsbehörden von einem Anhängerpotenzial von rund 200 Salafisten in Südwestfalen aus, wobei nur ein kleinerer Teil als gewaltbereit eingeschätzt wird. Neue, größere Organisationsnetzwerke haben sich in Südwestfalen nicht wieder gebildet. Allerdings bereiten lokale Strukturen durchaus Sorge, darunter beispielsweise Personen mit einem tadschikischen Migrationshintergrund. Darüber hinaus bestätigen die Anschläge in Frankreich, Wien und Dresden die aktuelle Einschätzung der Sicherheitsbehörden: Jihadistische Organisationen – allen voran der sog. ,IS‘ – sind nicht besiegt, sondern nur zurückgedrängt worden. Die salafistische und islamistische Ideologie ist nach wie vor ein Nährboden für terroristische Gewalt. Deshalb ist der Salafismus eine langfristige Herausforderung für die Sicherheitsbehörden und die Gesellschaft – auch in Nordrhein-Westfalen.“

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