Studie der Uni Siegen

Hartz-IV-Empfänger mit ausländischem Namen werden benachteiligt

Bei dem Projekt MEPYSO erforschen Nachwuchswissenschaftler welche Erklärungen es für Armut, Arbeitslosigkeit und frühkindliche Entwicklung gibt.

Bei dem Projekt MEPYSO erforschen Nachwuchswissenschaftler welche Erklärungen es für Armut, Arbeitslosigkeit und frühkindliche Entwicklung gibt.

sz Siegen. Wer in Deutschland Hartz IV bezieht und sich nicht an die geltenden Mitwirkungspflichten hält, riskiert eine Leistungskürzung. Extreme Kürzungen erklärte das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) 2019 jedoch für menschenunwürdig und damit verfassungswidrig. In einer repräsentativen Studie der Universität Siegen haben Wissenschaftler nun erforscht, wie die Bevölkerung in Deutschland zu diesen Sanktionen steht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

77 Prozent halten Sanktion für angemessen

An der Online-Vignettenstudie nahmen laut Mitteilung der Uni 2621 Befragte teil. Ihnen wurden fiktive Fallbeispiele vorgelegt, aufgrund derer sie eine Sanktionshöhe zwischen 0 und 100 Prozent auswählen sollten. „Uns interessiert die Meinung der Bevölkerung vor allem deswegen, weil die Akzeptanz sozialpolitischer Maßnahmen bedeutsam für den sozialen Zusammenhalt und das Gerechtigkeitsempfinden ist“, erklärt Philipp Linden, Doktorand im Forschungsprojekt MEPYSO (Medikalisierung und Psychologisierung sozialer Probleme) der Uni Siegen.

Philipp Linden

Philipp Linden

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mehr als 77 Prozent der Befragten halten zwar grundsätzlich eine Sanktion für angemessen. Dabei würden die meisten (54 Prozent) allerdings maximal 30 Prozent der Bezüge kürzen. Die Ergebnisse der Studie zeigten damit deutlich, dass als Sanktionen verhängte Leistungskürzungen extremer Höhe keine Zustimmung finden, so Linden.

Mit ausländischem Namen stärker sanktioniert

In der Studie wurde darüber hinaus deutlich, dass Leistungsbezieher, die wenig Motivation bei der Jobsuche zeigen, höher bestraft werden, als solche, die motiviert sind. Auch wer nicht zum Termin im Jobcenter erscheint, erhält weniger Leistung. Bei älteren Sozialleistungsbeziehern und solchen, bei denen die Kündigung aufgrund einer Erkrankung erfolgte, verringert sich die Akzeptanz von Sanktionen dagegen stark.

Hieraus ergibt sich eine doppelte Bestrafung für Personen, die einen ausländisch klingenden Namen haben. Philipp Linden Doktorand im Projekt MEPYSO
Auffällig: Unter der Bedingung, dass die Person als gering motiviert wahrgenommen wird oder Termine verpasst, wurden Leistungsbezieher stärker sanktioniert, wenn sie einen ausländischen Namen hatten. Die vermutete Herkunft des Leistungsbeziehers spielte offenbar bei der Entscheidung eine ausschlaggebende Rolle. Die Befragten kürzten „Herrn Bergmann“ bei Regelverstößen mit 26 Prozent durchschnittlich weniger stark die Leistungen als „Herrn Yildirim“ (33 Prozent).

Schutz vor Diskriminierung

In den wenigen Fällen, in denen Befragte die Leistungen von Beziehern komplett streichen wollten, waren die Leidtragenden ebenfalls häufiger Menschen mit ausländischem Namen. „Hieraus ergibt sich eine doppelte Bestrafung für Personen, die einen ausländisch klingenden Namen haben, was im Grundgesetz und Sozialrecht explizit nicht vorgesehen ist“, so Linden. Das sei von Bedeutung, weil nicht ausgeschlossen werden könne, dass ähnliche Einstellungen auch unter den Fallmanagern in Jobcentern zu finden sein können. Weitere Forschung solle überprüfen, ob es entsprechende Praktiken in den Jobcentern gibt und gegebenenfalls Schulungsmaßnahmen begleiten.

Der Gesetzgeber sollte deshalb im Zuge einer anstehenden Reform der Sanktionspraxis veränderte Rahmenbedingungen schaffen, die extreme Eingriffe in das Existenzminimum verhindern und auch vor Diskriminierung schützen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Forschungsprojekt MEPYSO, bei dem Nachwuchswissenschaftler untersuchen, welche Erklärungen es für Armut, Arbeitslosigkeit und frühkindliche Entwicklung gibt, wird mit knapp 1 Million Euro gefördert. Träger ist das Fördernetzwerk Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

Mehr aus Siegen

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Top Themen

Universität
 
 

Letzte Meldungen