"Warum seid ihr hier?"

42 Tage Klimacamp in Siegen

Lukas Hübner.

Lukas Hübner.

sabe Siegen. Nicht immer gefällt Steffen Mues der Blick auf das Zeltlager vor dem Rathaus, sagt Chris Gerber. Er ist einer der Aktivisten, die seit einigen Wochen vor dem Siegener Rathaus campen, um die politische Untätigkeit in Sachen Klimaschutz anzuprangern. Dem Bürgermeister sei mal eines der bunten Banner vor der Rathaus-Front sauer aufgestoßen, aber sonst, sagt Gerber, habe es keine Probleme gegeben. Er spricht von einem „friedlichen Miteinander.“ In Anbetracht der Tatsache, dass in diesem Moment zwei Rathaus-Mitarbeiter langsam in ihren Feierabend trotten und den Campierern nicht mal einen besonderen Blick zuwerfen, sollte man vielleicht besser von Co-Existenz sprechen.

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Viele Anwohner unterstützen Klimacamper

Leben und leben lassen. Ignoranz? Akzeptanz? Der Aufschrei jedenfalls blieb aus. Die Eroberung des prominentesten Platzes in der Siegener Innenstadt im Zeichen des Klimaschutzes ging doch erstaunlich leise, eher gutmütig über die Bühne. Anwohner kämen, brächten heißes Wasser, manchmal sogar Mittagessen, böten ihre Sanitäranlagen an, eine Firma hat sogar eine kleine Photovoltaik-Anlage spendiert. Auch die nächtlichen Flaschenwerfer und Oberstadt-Vermüller, denen mittlerweile mit der viel diskutierten Sperrstunde Einhalt geboten wird, hätten das Camp größtenteils in Ruhe gelassen.

Rhetorik und viel Atem

Trotzdem. Nicht immer ist Friede, Freude, Eierkuchen, sagt Camp-Gründer Lukas Hübner (22), nicht umsonst redet er von einem „Klima-Kampf“, für den es waffenscharfe Rhetorik braucht, viel Atem für Diskussionen mit dann doch dem ein oder anderen Passanten und vor allem: ziemlich viel Sitzfleisch und ein gutes Nervenkostüm. Mit allzu gesundem Schlaf sei man hier am Siegberg nämlich nicht gesegnet. Nicht nur hat das Wetter die Gruppe das ein oder andere Mal urplötzlich Land unter geschickt, auch Neugierige stören nicht selten die Nachtruhe, um im Dämmerschlaf Diskurse über die Klimakatastrophe loszutreten.

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"Wir bleiben, bis die Politik handelt"

Aber Lukas Hübner bleibt entspannt, wirkt sogar euphorisch. „Da entstehen teilweise die besten Gespräche.“ Und, sagt er, genau dafür habe man hier die Zelte ja schließlich aufgeschlagen. Die Motivation hinter der Becampung, die in ähnlicher Form momentan in vielen Städten Deutschlands vor Rathäusern und neuralgischen Punkten in ähnlicher Weise passiert, ist nämlich eine ziemlich zeitintensive: „Wir bleiben, bis die Politik handelt“, so der Slogan.

Aktivisten mit vielen Forderungen

Grund genug für Landrat Andreas Müller, da mal nach dem Rechten zu schauen. Ende vergangener Woche war es, als er sich Zeit für Smalltalk zwischen den Zelten nahm. Lukas Hübner zeigt sich zufrieden: „Ein guter Austausch.“ Nur in Sachen Route 57, da sei man sich nicht ganz einig geworden. Denkbar. Mit autofreien Innenstädten hat dieses Projekt nicht ganz so viel am Hut. Die Camper aber schon. Und es gibt natürlich noch mehr Forderungen. CO2-Budget einhalten, ÖPNV ausbauen, 100 Prozent erneuerbare Energien – solche Dinge. Man kennt das von Fridays for Future.

Das gemeinsame Ziel

Aber man sollte die Camper – und das ist zum Beispiel Sven Völkel, ebenfalls Camp-Insasse, sehr wichtig – nicht unter den Scheffel anderer Klimabündnisse stellen. Man habe extra keine FFF- oder Grünen-Fahne aufgehängt, um sich nicht in eine Ecke einsortieren zu lassen. Es gehe nicht um das Banner irgendeiner Organisation, es gehe um das gemeinsame Ziel. Und das, so sagen es die Klimacamper, sei Dreh- und Angelpunkt ihrer Straßen-Gespräche mit Passanten, Marktbesuchern, Zaungästen. Gerade nach den jüngsten Flutkatastrophen-Ereignissen mehre sich das Interesse um ihre Aktion fürs Klima. „Warum seid ihr hier?“ Eine der meistgestellten Fragen, sagt daher Mitcamperin Marlene Meyer.

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Warum seid ihr hier?

Lukas Hübner (22, technischer Produktdesigner) Ich bin hier im Camp, weil ich glaube, dass wir die Klimakrise längst nicht durchgestanden haben, sondern dass das Schlimmste noch vor uns liegt. Dass es, neben der Corona-Krise, die größte Krise ist, die wir momentan als Menschheit bewältigen müssen. Und wir haben nicht mehr viel Zeit, das Ganze noch zu drehen. Und da ist es mir auch dieser großer Zeiteinsatz, wie jetzt hier sechs Wochen im Camp, allemal wert, um daran immer wieder zu erinnern.

Marlene Meyer (30, Erzieherin im Sabbatjahr) Ich habe das hier für mich als die Endstation meines Sabbatjahres genommen. Ich wollte mich engagieren und einbringen mit dem, was ich so kann. Ich schaue zwischendurch immer mal wieder, ob es allen gut geht. Fühlen sich alle aufgehoben? Und was braucht es vielleicht noch, damit sich alle ein kleines bisschen besser fühlen?

Ingrid Blissenbach (63, ehemalige Krankenschwester) Ich komme hier her, weil ich die Bewegung toll finde und unterstützen möchte. Ich selbst habe ungefähr vor 20 Jahren angefangen, meine Lebensweisen umzustellen, habe mein ökologisches Bewusstsein geschärft. Ich hatte auch überlegt, hier zu übernachten. Aber da wurde mir gesagt, dass man hier nur schlecht ein Auge zubekommt. Also schlafe ich lieber zu Hause und komme über Tag mal vorbei.

Chris Gerber (29, Künstler und Designer) Ich finde es schön zu sehen, wie alle irgendwie etwas beitragen. Jeder kann was nehmen, was geben. Ob es die Gespräche untereinander oder mit den Passanten sind – die Leute verändern sich. Es ist einfach viel Wachstumspotenzial für alle da.

 Dominik Korczak (29, Student Wirtschaftsinformatik) Ich bin von Anfang an hier im Klimacamp dabei. Weil ich mir vorstellen kann, dass Siegen im Bereich von klimaneutralen Städten die Chance hätte, ein Leuchtturm zu sein. Wir sind jetzt schon die grünste Stadt Deutschlands. Wir haben also Potenzial, ich glaube aber auch, dass da noch viel mehr geht. Die Camp-Forderungen sind auf jeden Fall Schritte auf dem Weg dahin.

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Dominik Korczak.

Dominik Korczak.

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