Aufgespießt

Der Fürst von „Kein-Wittgenstein“

SZ-Redakteur Holger Weber

SZ-Redakteur Holger Weber

Na, dann zaubern wir mal was aus der Klatsch- und Tratsch-Kiste: Ob seine Agentur die E-Mail an die ganze Welt, ins All oder auch gezielt an die Siegener Zeitung geschickt hat? Man weiß es nicht. Jedenfalls wirbt Fürst Karl-Heinz mit seinen exklusiven Coachings, die er für rund 255 Euro verkauft. Dafür gibt es unter anderem ein Live-Call per Zoom-Meeting mit dem Prominenten. Was der Kunde, der sich für die Kurse anmeldet, lernt: die Erfolgsgeheimnisse vom armen Schlucker zum Selfmade-Millionär von Sayn-Wittgenstein. Bitte was? Zum Stammhaus derer zu Sayn-Wittgenstein im südwestfälischen Bad Berleburg pflege er „beste Beziehungen“, sagte Karl-Heinz von Sayn-Wittgenstein einmal im Interview. Das sieht man bei den Sayn-Wittgensteins natürlich völlig anders. Dennoch kam dieser Tage besagte Mail des reichen „Fürsten“, ein ehemaliger Kunst-Auktionator und Immobilienhändler, der heute mit seiner neuen Freundin Sylvia (46) in Berlin lebt, nachdem er 25 Jahre lang mit seiner Liebsten Andrea (56) verheiratet war und zuletzt auf Mallorca residiert hatte. In der Heimatredaktion jedenfalls sorgte die Werbe-Mail für Verwirrung – eben weil hier ein Wittgenstein-Fürst ein solches Angebot unterbreitet. „Kennt ihr den?“ leitete der Kollege aus Siegen die Mail an die Lokalredaktion in Bad Berleburg weiter. Womöglich könne dahinter eine Story stecken? Die Heimatredaktion in der Odebornstadt frühstückte „Herrn von und zu Luxus“ schon 2003 in einem Artikel ab. Damals sendete Pro7 mit dem Format „BIZZ“ eine Story über den Liebhaber von Luxus-Yachten inklusive Helikopter-Landeplatz und millionenschweren Genüssen. Für 65 000 Euro die Woche wollte Karl-Heinz Fürst von Sayn-Wittgenstein eine Yacht mieten – hieß es damals. Dekadenz lässt grüßen. Und das bei einem Adelshaus in der Provinz, das sein Geld mit dem Verkauf von Holz aus dem Privatwald erwirtschaftet? „Ich habe mal gegen ihn prozessiert, beziehungsweise er gegen mich“, sagt Alexander Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Sayn. Das ist der echte Adlige, der sozusagen die Wittgenstein-Häuser aus Sayn, Bad Berleburg und Bad Laasphe in der Hinsicht vertritt. „Mir sind rund 60 adoptierte Fürsten von Sayn-Wittgenstein bekannt“, lüftet er im SZ-Gespräch das Geheimnis. Damit klärt sich auch die Namensgebung auf. Von den „echten“ Sayn-Wittgensteins hatten sich über die vielen Jahre und Jahrhunderte einige Zweige abgespalten, darunter im Oktober 1904 der bayerische Zweig des einstigen Laasphers Hermann Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein. Der heiratete die Bürgerliche Gertrude Katharina Westenberger und verzichtete am 23. Januar 1905 auf die Zugehörigkeit zum Sayn-Wittgenstein-Hohenstein-Haus auf Schloss Wittgenstein. Stattdessen ließ er sich in die Adelsmatrikel von Bayern als „Fürst von Sayn-Wittgenstein“ eintragen. Die „Fürst von Sayn-Wittgenstein“-Linie starb aber im Mannesstamm mit dem Tode der beiden Söhne Alexander und Adalbert im Jahre 1959 aus. Schluss, Aus, Ende, sollte man meinen. Alexander hatte jedoch eine Tochter. Die 1927 geborene Elisabeth Gertrud heiratete im Jahre 1979 einen gewissen Bruno Lothar Koch – und zwar auf Vermittlung des damaligen Titelhändlers Hans-Hermann Weyer. Satte 100 000 Deutsche Mark soll Elisabeth Gertrud laut Münchner „tz“ für den Namensverkauf erhalten haben. Was danach passierte: Bruno Lothar Koch nahm den adeligen Namen ebenso mit wie „ein adoptierter Immobilienhändler“. Wer damit wohl gemeint ist? Mit Ausnahme von Elisabeth Gertrud von Sayn-Wittgenstein trügen sämtliche rund 30 in der Öffentlichkeit auftretenden Fürsten von Sayn-Wittgenstein diesen Namen nicht seit ihrer Geburt, so Prinz Alexander gegenüber der SZ. Allerdings: Mit der Adoption sind die Namensträger „von Sayn-Wittgenstein“ aus der letzten Linie von Elisabeth Gertrud nicht nur berechtigt, den Namen auch zu tragen. Wer die Internetauftritte des reichen Karl-Heinz Fürst von Sayn-Wittgenstein sieht, der mag sich über die freie Nutzung des fürstlichen Wittgenstein-Wappens der Familie wundern. Nach deutschem Recht darf das der adoptierte „Fürst“. Pikant am Rande: Karl-Heinz Richard Böswirth, so der bürgerliche Name des „Fürsten“, stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wuchs nach SZ-Informationen in Regensburg in einem sozialen Brennpunktviertel bei der Großmutter auf, nachdem seine Eltern sich scheiden gelassen hatten und ausgewandert waren. Heute wird sein Vermögen auf rund 55 Millionen Euro geschätzt. Allein seine 1000-Quadratmeter-Colani-Villa auf Mallorca wird auf 25 Millionen Euro taxiert. mailto: h.weber@siegener-zeitung.de

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