Frühling für Western

Westwärts, Ho! – die Serie „1883“ zieht zum Start von Paramount+ in die Prärie

Milchblaue Himmel über der Prärie: Shea Brennan (Sam Elliott) ist der Führer des Siedlertrecks nach Oregon. Szene aus der Westernserie „1883“, die am 8. Dezember zum Launch des Streamingdienstes Paramount+ in Deutschland startet.

Milchblaue Himmel über der Prärie: Shea Brennan (Sam Elliott) ist der Führer des Siedlertrecks nach Oregon. Szene aus der Westernserie „1883“, die am 8. Dezember zum Launch des Streamingdienstes Paramount+ in Deutschland startet.

„Dämonen sind überall“, so beschreibt die junge Elsa Dutton (Isabel May) den Westen, als wir sie kennenlernen. Beim ersten Mal, als sie die „great plains“, die Prärie, gesehen habe, hätten ihr die Worte gefehlt, den Anblick zu beschreiben.

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Elsa ist unsere Erzählerin in Taylor Sheridans neuer Serie „1883″. Mit ihrer Familie – Eltern, kleinem Bruder, Tante und Cousine – will sie der Armut in Texas entkommen. Mit dem Planwagen schließen sich die Duttons einem Treck deutscher Siedler nach Oregon an. Elsa wird im Verlauf der ersten Staffel auch noch Worte der Verzauberung für diese unglaubliche Reise finden.

Ein Planwagen brennt zu Beginn, Siedler sterben

Aber zum Auftakt der ersten Episode tanzen die Dämonen wirklich. Ein Planwagen brennt, Indianer töten Siedler, der Krieger, der Elsa verblüffenderweise auf Englisch anspricht, jagt ihr in dem Moment, in dem sie ihn mit dem Revolver erschießt, einen Pfeil durch den Leib.

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Ein äußerst dramatischer Auftakt. Wer sich erinnert, wie schockierend die Mutterserie „Yellowstone“ begann, der erkennt die Handschrift Sheridans. Sein Motto: Pack den Zuschauer oder die Zuschauerin sofort am Schlafittchen und zieh ihn oder sie so tief in die Geschichte hinein, dass er oder sie nicht nur nicht mehr herausfindet, sondern auch nie mehr herausfinden will.

1883 war das Jahr, als aus dem Wilden Westen Unterhaltung wurde

1883 – das war schon fortgeschrittenes Dampf- und Industriezeitalter. Es war das Jahr, in dem vor Borkum der Passagierdampfer Cimbria sank – mit Hunderten Toten. Es war das Jahr, als in Paris der erste Orientexpress losfuhr, als der Ausbruch des Krakataus 36.000 Todesopfer forderte. In New York wurde die Brooklyn Bridge eröffnet.

Und Buffalo Bills Wildwestshow erlebte ihre Uraufführung in Omaha im Bundesstaat Nebraska – ein erstes aber untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Wilde Westen als blutige Realität seinem Ende näherte und bereits von der Unterhaltungskultur vereinnahmt wurde. Nur noch ein paar Jahre waren es 1883 bis zur Geburt des Filmgenres Western, das lange Jahrzehnte ein verklärendes Narrativ über eine Zeit von Landnahme, Genozid an den Ureinwohnerinnen und Ureinwohnern und Gesetzlosigkeit breitet. Gute Cowboys, böse Indianer. Später wurde es differenzierter im Kino.

„1883″ ist einer der großen Titel zum Start von Paramount+

„1883″ ist neben der Sci-Fi-Serie „Star Trek: Strange New Worlds“ einer der großen Titel, mit denen der Streamingdienst Paramount+ heute (8. Dezember) in Deutschland loslegt. Darin startet in Fort Worth ein Treck mit hoffnungslos naiven Neuanfängern, denen Treckführer Shea Brennan (der wohl cowboyigste aller amerikanischen Westerndarsteller – Sam Elliott) und sein Kompagnon Thomas (LaMonica Garrett) erst einmal klar machen müssen, dass fehlende Bewaffnung und Reitkenntnisse eine solche Reise ebenso schwierig bis unmöglich machen wie die Ochsengespanne, die untauglich sind für die klimatischen Strapazen.

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Es gibt des Weiteren Belehrungen über Giftefeu und Klapperschlangen und darüber, Flusswasser in jedem Fall vor dem Trinken abzukochen. Die Pockenkranken werden vor dem ersten „Westwärts, Ho!“ aussortiert, ihnen wird geraten, sich ein angenehmes Örtchen in der Natur zu suchen, um dort in Ruhe zu sterben. Drei Tage hätten sie noch. Es wird nicht viel Federlesens gemacht. Die Leben der Leute sind eben verschieden und verschieden lang und es sind harte Zeiten. Kommt klar damit!

Claire Dutton wird früh vom Schicksal ausgezählt

Das gilt auch für manche der Duttons. Mutter Margaret und Vater James (gespielt von den in den USA berühmten Countrymusikstars Faith Hill und Tim McGraw, die auch in Wirklichkeit miteinander verheiratet sind) sind hart im Nehmen und miteinander glücklich – und sie haben mit Elsa („Alex & Katie“) eine dezent rebellische, dem Leben zugewandte Tochter sowie mit dem kleinen John (Audie Rick) einen Sohn, der das Nest nicht so schnell leer werden lässt.

Anders ist es bei James’ strenger Schwester Claire (Dawn Olivieri). Sie ist eine mit ihrem Los hadernde Witwe und nur notgedrungen mit ihrer stillen Tochter Mary Abel (Emma Malouff) im Dutton-Tross. „Gott verdamme dich, James, und deine Träume“, entfährt es ihr, als sie nach einer dramatischen Sequenz am Ufer eines Flusses kniet, wo sie vom Schicksal bereits früh in der Serie den K.-o.-Treffer abbekommen hat.

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Taylor Sheridan versteht sich darauf, Zuschauerinnen und Zuschauer zu fesseln

Wie schon in „Yellowstone“ erweist sich Sheridan als Meister des Erzählens, der seine Charaktere eindrucksvoll skizziert, sie plastisch macht und ihnen immer wieder Zeilen in den Mund legt, die dem Zuschauer und der Zuschauerin Freude bereiten oder auf denen sie eine Weile herumkauen können. Sheridan ist unschlagbar bei Cliffhangern und pointierten (unvergesslichen) Szenen innerhalb der Episoden, die sich oft ans Rechtsempfinden des Betrachtenden wenden – der sich dann dabei ertappt, wie er rüde Outlaw-Lösungen begrüßt.

So befriedigt es zutiefst, wie Treckchef Brennan gegen eine Gruppe Männer vorgeht, die glauben, man könne einer „dreckigen Zigeunerin“, deren Mann bei einem Unfall unter den Planwagen kam, ungestraft Hab und Gut stehlen. Und wie Billy Bob Thornton als Sheriff im Saloon der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft, indem er fragt und gleichzeitig schießt, ist geradezu spektakulär: „Es gibt nur einen Killer in der Stadt, und das bin ich“, zischt der Sternträger durch die Zähne, als der Pulverdampf seines Colts noch nicht verraucht ist und als sich bis auf die Handvoll Toter an den Tischen und am Piano alle Geduckten wieder aufrichten.

Anders als in der Mutterserie „Yellowstone“ sind die Helden gleich sympathisch

Für den Sympathielimbo braucht das Publikum dabei nicht in so tiefe Rückenlage zu gehen wie bei der Mutterserie. In der in der Gegenwart spielenden Neowesternserie „Yellowstone“ ist Kevin Costner – der wohl markanteste Westerndarsteller seit Gary Cooper – der größte Rancher in Montana, der einem engen Zirkel von Cowboys und -girls das Brandzeichen seiner Rinder auf den Leib drückt. John Dutton macht sie sie zu Mitwissern von Mord und Totschlag, weshalb sie nie wieder lebend aus dem Job können.

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John Dutton ist zudem das Oberhaupt einer dysfunktionalen Familie, in der Tochter Beth (eine geradezu furchterregende Kelly Reilly) dem Vater an Skrupellosigkeit in nichts nachsteht. Und doch schließt man diese Leute, die ähnlich moralisch verkommen sind wie einst Francis Ford Coppolas Corleone-Clan in den „Pate“-Filmen, ins Herz, weil noch ruchlosere Leute ihnen ans Land wollen. Die Duttons in „1883″ sind zumindest in der ersten Staffel rundum rechtschaffene Leute. Man muss sehen, was charakterlich aus ihnen wird, wenn die Dämonen der Prärie erst wild genug tanzen.

In einer kleinen Szene gibt sich ein Superstar des Kinos die Ehre

Traumatisiert ist James Dutton bereits. Eine Rückblende auf ein Bürgerkriegsschlachtfeld zeigt ihn als Überlebenden inmitten von Leichen. Eine berittene Abteilung Yankees kommt an dem zerschlissenen Graurock vorbei. Der Colonel der Siegertruppen setzt sich zu dem tränengeschüttelten Verlierer auf eine Munitionskiste und legt ihm beruhigend den Arm auf die Schulter. „Ich weiß“, sagt er mitfühlend, „ich weiß.“ Auch für Zuschauerinnen und Zuschauer ein berührender Moment.

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Tom Hanks ist es, dessen versöhnlicher Auftritt nur eine Minute dauert. Es ist seine zweite Westernrolle nach dem phänomenalen „Neues aus der Welt“. Anscheinend hat er Geschmack gefunden, vielleicht spielt er demnächst noch den Ben Cartwright in einem Neuversuch von „Bonanza“.

Großes Kino: Die Kamera fängt weite Himmel und Landschaften ein

Alles ist gut geraten in „1883″ – auch, wie es sich seit den Zeiten von Regiealtmeister John Ford gehört, der Umgang der Kamera mit der Weite. Die unermesslichen milchblauen Himmel mit ihren fliederfarbenen Wolkenkeilen, die pfirsichfarbenen Sonnenuntergänge, vor denen sich die Silhouetten von Cowboys und Rindern tummeln und das goldene Präriegras geben dem Zuschauer und der Zuschauerin den Rest.

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Eine Brise fährt den Siedlern durchs Haar und man meint, vorm Fernseher ihre Wärme zu spüren. Der Western ist wieder im Aufwind.

„1883″, erste Staffel, zehn Episoden, von Taylor Sheridan, mit Tim McGraw, Isabel May, Sam Elliott, Faith Hill, LaMonica Garrett, Gratiela Brancusi, Billy Bob Thornton, Tom Hanks, (ab 8. Dezember Paramount+)

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