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Bruno Obermann im SZ-Interview zur Arbeit als Künstler in der Corona-Krise
„Kunst ist unabdingbar“

Bruno Obermann im Ausstellungsraum seines Ateliers vor den Arbeiten „wie lange noch“ und „under construction“.
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  • Bruno Obermann im Ausstellungsraum seines Ateliers vor den Arbeiten „wie lange noch“ und „under construction“.
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pebe  Deuz. Wie erleben bildende Künstler die Pandemie mit ihren Einschränkungen, wie wirkt sie sich auf ihre Kunst und sie selbst aus? Diesen Fragen ging die SZ nach und befragte stellvertretend zwei bildende Künstler/-innen aus und in der Region. Nach Annette Besgen (vgl. SZ vom 18. Februar) gibt nun Bruno Obermann (Netphen) Auskunft auf die Fragen der SZ.

Wie reagiert ein künstlerisch tätiger Mensch auf den Lockdown mit seinen Beschränkungen?
Wenn man künstlerisch arbeitet, ist man es ja in der Regel gewohnt, allein im stillen Kämmerlein (Atelier) viel Zeit zu verbringen. Im Großen und Ganzen ist mir der Lockdown daher nicht so schwer gefallen.

pebe  Deuz. Wie erleben bildende Künstler die Pandemie mit ihren Einschränkungen, wie wirkt sie sich auf ihre Kunst und sie selbst aus? Diesen Fragen ging die SZ nach und befragte stellvertretend zwei bildende Künstler/-innen aus und in der Region. Nach Annette Besgen (vgl. SZ vom 18. Februar) gibt nun Bruno Obermann (Netphen) Auskunft auf die Fragen der SZ.

Wie reagiert ein künstlerisch tätiger Mensch auf den Lockdown mit seinen Beschränkungen?

Wenn man künstlerisch arbeitet, ist man es ja in der Regel gewohnt, allein im stillen Kämmerlein (Atelier) viel Zeit zu verbringen. Im Großen und Ganzen ist mir der Lockdown daher nicht so schwer gefallen. Ich wusste die freie Zeit gut zu nutzen, und die Selbstreflexion ist, glaube ich, eine der wichtigsten Voraussetzungen, um gute und authentische Kunst zu schaffen.

Schaffen diese Einschränkungen kreative Räume, oder verschärfen sich die existenziellen Fragen?

Die freie Zeit verschafft kreative Freiräume, und die existentiellen Fragen geben sicher auch der künstlerischen Arbeit neue Anstöße, gerade, wenn man wie ich die menschlichen Existenzbedingungen, das Ausgesetztsein des Individuums zwischen anderen Menschen und die sich daraus ergebenden Abhängigkeiten sehr stark zur Grundlage seiner Kunst macht.

Gibt es da so etwas wie eine Isolation? Ein Zurückgeworfensein auf sich selbst oder eine besondere Weise der Selbstreflexion?

Ja, aber diese Auswirkungen sind ja einer engagierten Kunst nicht zwangsläufig abträglich. Bei mir haben sie auch zu einem besonderen Kreativitätsschub geführt, der zu vielen Ideen, Skizzen auf Papier und anschließend auch zu Bildern geführt hat.

Arbeiten Sie mehr, länger, versunkener, intensiver?

Ja.


Corona verändert die künstlerische Arbeit


Ist die Pandemie – und damit ist nicht nur die virale Erkrankung gemeint, sondern ihre Auswirkung auf die Gesellschaft und die Individuen – bei der Arbeit präsent? Ändert sich möglicherweise sogar die Arbeit (Ausdruck, Material, Themen, Output)?

Da die Pandemie, wie wir alle tagtäglich am eigenen Leib erfahren, massiv in das soziale Leben eingreift und den Menschen psychisch und viele auch physisch sehr stark beeinträchtigt, bleibt das natürlich gerade bei meiner Kunst nicht außen vor. Obwohl ich mich schon immer bemüht habe, die Themen und Inhalte meiner Malerei nicht allzu konkret oder zeitgeistig auszulegen. Deshalb ist die Pandemie auch in meinen Bildern nicht konkret ablesbar oder thematisiert, die sich daraus ergebenden Konsequenzen für das einzelne Individuum oder das menschliche Zusammenleben aber schon. Bereits in den 1980er- und 1990er-Jahren habe ich mich in meiner Serie der „Inselbilder“ mit solchen Zusammenhängen beschäftigt. Aktuell könnte man fast den Eindruck bekommen, dass unsere Existenz gerade pulverisiert wird. Große Herausforderungen der letzten Jahre wie Klimawandel, ungleiche Arbeits- und Vermögensverteilung, zunehmend autokratische Herrscher in vielen Ländern, die Pandemie und die aus all dem entstehenden Migrationsprobleme werden unser Leben nachhaltig verändern. Ich habe den Eindruck, dass ich in meiner künstlerischen Arbeit dadurch ungeduldiger werde, vieles schneller auf den Punkt bringen möchte und dies durch sehr starke Reduktion und Verzerrung des Dargestellten ausdrücke.

Corona, Kultur und Geld

Die Pandemie hat natürlich auch wirtschaftliche Auswirkungen: kein Galeriebetrieb, keine Besucher-/Rezipient/-innen, keine Kunst in der Verbindung mit den Kosten, die sie wert ist. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Ich habe im Herbst 2019 meinen aktuellen Katalog „Nirgendland“ herausgegeben, der in Verbindung mit fünf geplanten, überregionalen Ausstellungen, die bis ins Jahr 2020 gehen sollten, erschienen war. Die erste dazu, in Düsseldorf konnte noch wie geplant in 2019 erfolgen, und die zweite Einzelausstellung in der Galerie Dagmar Schill in Stuttgart wurde auch noch wie geplant Ende Januar 2020, gerade als in China die ersten Corona-Fälle gemeldet wurden, beendet.
Alle anderen geplanten Ausstellungen sind momentan auf unbestimmte Zeit verschoben. Das Jahr 2020 war bis auf mein „Offenes Atelier“, welches im Rahmen des KunstSommer 2020 stattfand (ich war einer der wenigen, die diesen Termin des Kunstvereins durchgezogen haben) und einer spontanen „Corona-Benefit“-Ausstellung verschiedener Siegerländer Künstler in der Art Galerie Helga Kellner praktisch veranstaltungsfrei.
Derzeit schiebe ich acht zugesagte Einzelausstellungen, davon die Hälfte außerhalb des Siegerlandes, ohne feste Terminvereinbarung vor mir her. Deshalb freue ich mich umso mehr, wenn gerade in diesen Zeiten spontane Besucher mich in meinem Atelier besuchen (natürlich unter Einhaltung der Sicherheitsregeln).

Waren/sind die staatlichen Unterstützungsgelder hilfreich, haben Sie die in Anspruch genommen?
Sind natürlich hilfreich, habe aber keine in Anspruch nehmen müssen.

"Bin skeptisch, was die Lernfähigkeit des Menschen angeht"

Kunst geht unzweifelhaft den ganzen Menschen in seiner kommunikativ eingebetteten Geschichtlichkeit an. Wird sich die Kunst verändern, wenn die Pandemie dauerhaft abgeklungen ist? Wenn ja, was deutet sich da möglicherweise an?
Generell bin ich skeptisch, was die Lernfähigkeit der Spezies Mensch und damit auch die Konsequenzen aus der Pandemie für die Zukunft angeht. Nötige Veränderungen unserer Verhaltensweisen werden sich aus meiner Sicht nicht langfristig durchsetzen.
Für die Kunst sehe ich eine stärkere Zunahme von digitalen Umsetzungen und Präsentationen, was ich nicht nur positiv sehe. Das wunderbare Gefühl einer tollen Ausstellung in einem passenden Ausstellungsraum in Verbindung mit anderen Besuchern und die daraus entstehende direkte Kommunikation sowie die haptische Qualität von Material und Ausführung der künstlerischen Objekte geht dabei sicherlich oft verloren. Das Sterben von insbesondere kleinen und mittleren Galerien wird sich fortsetzen, und viele Künstler und Künstlerinnen werden wieder einmal spüren, dass man allein von begeisterter Zustimmung auf die Dauer auch nicht satt werden kann.
Aber all diese Widrigkeiten bestätigen mich gerade jetzt in meiner Meinung, dass die Kunst in unserer Gesellschaft unabdingbar ist, da sie mir und anderen in dieser Zeit sehr viel Kraft und Zerstreuung gibt.

Bruno Obermann im Ausstellungsraum seines Ateliers vor den Arbeiten „wie lange noch“ und „under construction“.
„Grenzland“ (2020) heißt diese großformatige Arbeit von Bruno Obermann – vielschichtige Signaturen, die wie Codierungen unserer Zeit wirken, deren Entschlüsselung drängt und doch dauert …
Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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