Einebnungen können mitunter teuer werden
Altlasten im Grab

Der Beton ist per Hand nicht zu entfernen, da muss der Bagger ran.
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sos Netphen. Weil ihm die Pflege des Doppelgrabes seiner Tanten zu aufwendig wurde, hatte Friedrich Stötzel aus Brauersdorf sich gemeinsam mit seinen Geschwistern dazu entschlossen, das Grab frühzeitig einebnen zu lassen. Dass sie dann für die restlichen Jahre, also bis die Ruhezeit von 30 Jahren abgelaufen ist, eine Gebühr für den Gärtner zahlen müssen, war ihm klar. Mit einer anderen Summe hatte er jedoch keineswegs gerechnet: Für die Einebnung des Grabes sollte Stötzel 870,19 Euro zahlen. „Früher hat das gar nichts gekostet“, ärgert er sich im Gespräch mit der SZ. „Wie kommt diese Summe zusammen?“ Bei solchen Zahlen stehe für ihn fest: „Friedwald in Deuz – wir kommen!“

Ev. Kirchengemeinde ist zuständig

Zuständig für den Friedhof ist in diesem Fall die ev. Kirchengemeinde Netphen. „Wir befassen uns schon lange mit den Gebühren und haben uns die Köpfe hitzig geredet“, erklärt Nicole Schmallenbach vom Presbyterium. In früheren Zeiten seien Einebnungen alleine oder zu zweit im „Hand- und Spanndienst“ vonstatten gegangen, im Nebenerwerb. Vor etwa zwei Jahren habe sich das Presbyterium aber dafür entschieden, einen Unternehmer damit zu betreuen. „Der ist versichert, fachlich geeignet und kümmert sich um die Entsorgung“, begründet sie den Entschluss.

Tonnenweise Beton im Boden

Entsorgt werden müssten nicht nur Grabstein, Erde und Bepflanzung, sondern auch tonnenweise Beton. „Da muss man mit dem Bagger arbeiten“, weiß Schmallenbach. Mit den Betonfundamenten habe man bei dem Anlegen des Grabes dafür sorgen wollen, dass nichts absackt; es habe für die Ewigkeit halten sollen, sagt Oliver Berg als Leiter des Kreiskirchenamts bei einem Ortstermin auf dem Friedhof. „Das sind Altlasten, die wir haben.“ Und Nicole Schmallenbach gibt zu bedenken: „Wir haben das nicht selbst verschuldet, müssen es aber auffangen“; das Verursacherprinzip greife hier leider nicht. Aber ihr gehe es jetzt gar nicht um die Frage der Schuld, sondern darum, zu reagieren.

Nicht an die nächste Generation weitergeben

Es habe auch Stimmen gegeben, die gesagt hätten, man solle alles so lassen, wie es vorher gehandhabt wurde. „Das können wir aber nicht machen. Wir wissen von dem Problem und wollen es nicht an die nächste Generation weitergeben“, so Schmallenbach.
Die Kosten, die eines Tages mit der Entfernung zusammenhängen würden – Entsorgen und Bodenaustausch – habe damals wohl niemand im Sinn gehabt, glaubt Oliver Berg. Ganz früher seien die Abfälle in den Wald gefahren oder verbrannt worden, das sei einfach üblich gewesen. „Wir wissen ja auch nicht, was die Leute in 20 Jahren darüber denken, wie wir das jetzt handhaben.“

Veränderte Beerdigungskultur

Hinzu komme, dass die Beerdigungskultur sich geändert habe, erklärt Schmallenbach. „Früher hätte man sich nie woanders als in seinem Heimatort begraben lassen“, heute richteten sich die Menschen danach, wo die von ihnen gewünschte Bestattungsart angeboten werde, beispielsweise im Kolumbarium oder eine Baumbestattung. Man sei damals von anderen Belegungszahlen ausgegangen.

Kosten hängen von mehreren Faktoren ab

Im Schnitt dauere die Einebnung eines Doppelgrabes acht bis zehn Stunden, weiß Schmallenbach vom beauftragten Unternehmer. Dann sei alles auch schon wieder neu eingesät. 20 bis 30 Prozent der Kosten würden für die Entsorgung aufgewendet, 60 Prozent für das Personal. Der Rest seien Materialkosten. „Das alles wird oft unterschätzt.“ Die Kosten hängen auch von der Erreichbarkeit, der Grabsteingröße und dem Bewuchs ab; außerdem wisse man im Vorhinein nie, wie viel Beton tatsächlich verbaut wurde.

Summe wird 1:1 an den Nutzer übertragen

Umso weniger Verständnis hat Friedrich Stötzel dafür, dass er 870 Euro in Vorkasse zahlen sollte. Dabei handele es sich vermutlich um ein Missverständnis, glaubt Nicole Schmallenbach. Die Summe sei sicher als Richtwert zu sehen. Schließlich würden die Kosten für die Einebnung derzeit 1:1 an den Nutzer übertragen, und das sei natürlich nur im Nachhinein möglich; dann gebe es eine „nachvollziehbare Rechnung“.

Unternehmer selbst wählen ist möglich

Die Friedhofssatzung, die seit zwei Jahren gültig ist, regele zunächst, dass der Grabstein, die Grabumrandung usw. vom Nutzungsnehmer entfernt werden müssen, so Schmallenbach weiter. Er könne dies mit Hilfe des kirchenbeauftragten Unternehmers vornehmen lassen oder selbständig ein Unternehmen damit beauftragen. „In beiden Fällen ist er allerdings für die Übernahme der entstehenden Kosten zuständig“, betonte sie.
Eine neue Friedhofssatzung sei im Moment im Genehmigungsverfahren, erläutert Oliver Berg. In diesem Zusammenhang werde sich vermutlich auch die Abrechnung ändern. Statt die Kosten 1:1 weiterzugeben, solle eine Pauschale für Einebnungen festgelegt werden.

Einebnung storniert

Friedrich Stötzel und seine Frau Christa haben die Einebnung des Grabes der Tanten zunächst storniert. Ob sie die Regelruhezeit bis 2022 einhalten werden oder doch früher einebnen lassen, wollen sie später entscheiden. Zufrieden zeigte Christa Stötzel sich bezüglich der Nachricht, dass man sich den Unternehmer selbst aussuchen kann. Für die eigene Ruhestätte der 75-jährigen Eheleute sei in der Tat der Bestattungswald eine Option, fest stehe aber noch nichts. Bis diese Entscheidung zum Tragen kommt, dauert es auch hoffentlich noch. Hilfreich ist es aber sicher, sich frühzeitig Gedanken zu machen, damit später alles im eigenen Sinne geregelt ist.

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Kommunale Aufgabe

Nicole Schmallenbach vom Presbyterium betont, dass die Kirchengemeinde als Trägerin des Friedhofs im Grunde eine kommunale Aufgabe übernehme. „Ob man das mit dem Wissen von heute noch machen würde … wahrscheinlich nicht“, sagt Oliver Berg, Leiter des Kreiskirchenamtes. Die kath. und die ev. Kirchengemeinde in Netphen sind ihm zufolge die einzigen im Siegerland, die ihre eigenen Friedhöfe verwalten. Natürlich gehöre dieser Bereich im inhaltlichen Sinne auch zur Kirchenarbeit dazu, Stichwort: Seelsorge. „Im formalen Sinne aber nicht“, hakt Nicole Schmallenbach ein. Für die Pflege der parkähnlichen Anlage und auch für die Instandhaltung der denkmalgeschützten Mauer habe die Kirche keinen Bauhof zur Hand, die Kosten dürften nur aus Rücklagen und dem Geld von Beerdigungen gedeckt werden. „Nicht durch Steuergelder“, betont sie. Darüber wüssten die wenigsten Bescheid, bei der Betrachtung der Kosten sei es aber wichtig, den Friedhof als Konstrukt zu sehen. Die Einebnung ist auf den kommunalen Friedhöfen der Stadt Netphen laut Gebührensatzung im Übrigen im Preis für die Grabherstellung inbegriffen.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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