Alte Tradition
Böllern zur Ehre Gottes

Schon am Mittwoch hat es beim Anböllern ordentlich geknallt. Peter Jüngst, Stephan Göhrke, Frederic Meina, Michael Jüngst und Fabian Schulz (v. l., es fehlt Michael Zöller) finden diese alte Tradition klasse, sie wissen aber auch, dass das nicht bei allen Netphenern der Fall ist. Übertreiben möchten sie es mit ihren Böllern deswegen nicht. Fotos: sos
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  • Schon am Mittwoch hat es beim Anböllern ordentlich geknallt. Peter Jüngst, Stephan Göhrke, Frederic Meina, Michael Jüngst und Fabian Schulz (v. l., es fehlt Michael Zöller) finden diese alte Tradition klasse, sie wissen aber auch, dass das nicht bei allen Netphenern der Fall ist. Übertreiben möchten sie es mit ihren Böllern deswegen nicht. Fotos: sos
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

sos Netphen. „Wir sind keine verrückten Jugendlichen, die ballern“, sagt Peter Jüngst, der weiß, dass nicht alle Netphener von den Böllerschützen begeistert sind. Dabei gehe es der Gruppe einfach darum, eine alte Tradition wieder aufleben zu lassen, die auch in Netphen viele Jahrzehnte lang gepflegt wurde. Das Böllerschießen habe mit Sicherheit vor der Jahrhundertwende begonnen, so Gruppenleiter Markus Zöller, das wisse er aus mündlichen Überlieferungen. Abgesehen von einer Pause während des Zweiten Weltkrieges sei der Brauch bis 1967 fortgeführt worden; dann haben die beiden letzten Schützen ihr Gerät an den Nagel gehängt. Fast 50 Jahre war es seitdem still. Bis sich im Mai 2016 drei Männer zusammentaten und sich des Themas Böllern annahmen.

Böller sind keine Waffen

Inzwischen ist die Böllerschützen-Gruppe, die dem Schützenverein Netphen angegliedert ist, auf sechs Mitglieder zwischen 25 und 57 Jahren angewachsen. Und diese haben sich längst zu Experten gemausert. So legen sie beispielsweise Wert darauf, den Böller als „Gerät“ zu bezeichnen, um eine Waffe handle es sich nämlich nicht. „Er unterliegt nicht dem Waffengesetz, sondern dem Beschussgesetz“, erklärt Markus Zöller. Sonst könnten Böllerschützen gar nicht in Festzügen mitlaufen, auch nicht, wenn das Gerät ungeladen ist. Der Tradition zuliebe gelte hier eine Sonderregelung.

Anböllern einen Tag vorher

So auch an Christi Himmelfahrt. Schon einen Tag vorher treffen sich die Männer oberhalb des Bernstein zum Anböllern. 30 Gramm Schwarzpulver füllen sie für einen Schuss in das Rohr und verdichten es mit einem Stößel. Dann wird ein Korken hinterhergeschoben und ebenfalls mit Hammer und Stößel in den Lauf gedrückt; sonst rieselt das Schwarzpulver raus. Jetzt nur noch das Anzündhütchen auf den Kolben stecken, und der Böllerschütze kann abdrücken. In diesem Moment entfacht der Zündfunke das Schwarzpulver: Es knallt, es raucht, es stinkt. „Ich mag das sehr“, so Zöller.

"Mittelsmann" läuft bei der Prozession mit

Damit die Männer aber überhaupt wissen, wann sie abdrücken sollen, brauchen sie einen „Mittelsmann“, der bei der Prozession mitläuft. In diesem Fall ist das der Sohn von Böllerschütze Stephan Göhrkes, der seinen Vater zum ersten Mal anruft, wenn der Pfarrer die Kirche mit dem Allerheiligsten verlässt. Der erste Schuss geht los. Vor jeder der vier Stationen gibt er erneut Bescheid, dass es losgehen kann. Jeweils drei Schüsse sind zu hören, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Sicherheitsabstand muss gewährt sein

Eine direkte Gefahr bestehe nicht, das Einhalten eines Sicherheitsabstandes – 50 Meter nach vorne und 10 Meter nach hinten – sei aber Pflicht. Die Männer erinnern sich noch gut an einen tragischen Unfall vor vier Jahren in Marsberg. Dort war der neue Schützenkönig bei einem Salutschuss ums Leben gekommen, vermutlich weil zu viel Sand ins Rohr geschüttet worden war. Dieser sollte das Schwarzpulver daran hindern herauszurieseln. Aufgrund der großen Menge konnte die Explosion aber nicht mehr nach vorne entweichen, sodass das Rohr explodierte.

Kein günstiger Spaß

Man müsse eben sehr sorgsam mit den Geräten umgehen und sich gut damit auskennen, finden die Böllerschützen, schließlich handle es sich um explosives Schwarzpulver. „Das macht man nicht mal eben so.“ Sowohl Aufwand als auch Kosten seien mit dem Hobby verbunden. Die 11 Kilogramm schweren Schaftböller der Netphener wurden in einer Manufaktur in Bayern angefertigt, 1000 Euro mussten sie für ein Gerät in die Hand nehmen.
Doch der Spaß war es ihnen wert. Denn viele Netphener freuten sich sehr darüber, dass diese Tradition vor drei Jahren wiederbelebt wurde, so die Böllerschützen. Peter Jüngst erklärt, dass es gerade ältere Menschen seien, denen der Brauch viel bedeute. „Sie machen dann Zuhause das Fenster auf und wissen genau, wann der Segen gesprochen wird.“ Bis nach Brauersdorf und Oelgershausen seien die Schüsse zu hören.

Nicht jeder freut sich über das Böllern

„Als ich mit Pfarrer Werner Wegener über die Idee gesprochen habe, hat er sich gefreut, aber gleichzeitig gesagt: Die bösen E-Mails beantworten Sie!“, erinnert sich Stephan Göhrke. Und in der Tat seien einige gekommen. Zum Beispiel sei die Sorge geäußert worden, dass Kinder und Tiere Angst bekämen. Aber vielleicht müsse man sich nur daran gewöhnen, glaubt Peter Jüngst, und hofft auf mehr Verständnis. In Bayern oder im Sauerland sei die Tradition doch auch sehr verbreitet.

"Das ist Magie"

Die Netphener jedenfalls sind begeistert von ihrem Hobby. „Es ist wie wenn man am Meer steht und diese Urgewalt sieht, den Wind, das Wasser, die Brandung. Bei uns ist es der Feuerball, der Knall. Das ist Magie“, fasst Zöller die Faszination fürs Böllerschießen zusammen. Übertreiben möchten sie es aber nicht. „Das passiert nicht zur Eröffnung eines Autohauses. Es soll etwas Besonderes bleiben.“

Schon am Mittwoch hat es beim Anböllern ordentlich geknallt. Peter Jüngst, Stephan Göhrke, Frederic Meina, Michael Jüngst und Fabian Schulz (v. l., es fehlt Michael Zöller) finden diese alte Tradition klasse, sie wissen aber auch, dass das nicht bei allen Netphenern der Fall ist. Übertreiben möchten sie es mit ihren Böllern deswegen nicht. Fotos: sos
Mit Hammer und Stößel verdichtet Stephan Göhrke das Schwarzpulver.
Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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