Die dörfliche Gemeinschaft will gepflegt sein

Früher war sie einfach von existenzieller Bedeutung / Von der »Rentnerband« bis zum Mähwettbewerb

sz Nenkersdorf. »Fröher wor ne schürne Zitt.« Martin Schneider, mit 85 Jahren einer der älteste Bürger von Nenkersdorf, besinnt sich darauf, was die Menschen in seinem Dorf früher zusammengehalten hat und was sie heute zusammenhält. Man brauchte nur um Hilfe zu bitten und viele kamen, um bei der Renovierung des Hauses oder im Hauberg zu helfen. Nach getaner Arbeit setzte man sich zusammen, um Kaffee zu trinken und Neuigkeiten und Probleme auszutauschen.

Die frühere Arbeit, so Schneider, brachte auch keinen um den Verstand. Die Männner arbeiteten hauptberuflich in einem Betrieb und im Nebenerwerb als Landwirte, was sich mit der Zeit jedoch nicht mehr lohnte. Die Frauen kümmerten sich unterdessen daheim um das Haus und die Kinder. Zu ihren Arbeiten gehörte auch das Backen von Brot, wofür sie vorab Schanzen binden mussten. Trotz der harten und langen Arbeit war immer Zeit für die Nachbarn, erzählt der alte Herr. Man habe sich einfach gemeinsam »vor de Dür gesatt«.

Den Zusammenhalt, konnten kleine Differenzen nicht ernsthaft belasten. So leben in Nenkersdorf die beiden Konfessionen seit langem weitgehnd reibungslos nebeneinander. Einmal, so die Erzählung Schneiders, stieß allerdings der Plan, eine Gemeinschaftsschule zu errichten, bei einer Kirche und einem Teil der Bevölkerung auf Widerstand. Ein andermal gab es Unstimmigkeiten um den Bau der evangelischen Kapelle, die man jedoch dadurch ausräumte, dass auch eine katholischen Kapelle gebaut wurde.

Der mit »Hacke und Schaufel« in den 40er Jahren errichtete Sportplatz, der spätere Hallenbau und die Anlage eines Grillplatzes in den 80er Jahren – alles in Eigenleistung der Bewohner – sind Belege für den Gemeinschaftssinn. Auf dem Sportplatz findet alljährlich ein Fussballturnier statt, das von Nenkersdorf und Walpersdorf veranstaltet wird und beide Orte verbindet. Innerhalb der Dorfgemeinschaft entstand später die »Rentnerband«, zu der auch Martin Schneider gehört. Sie besteht noch heute, nur sind einige Mitglieder verstorben.

Der Zusammenhalt der Menschen im Ort hatte in früheren Zeiten aber vor allem existenzielle Bedeutung. So hatten sie eine eigene »Viehversicherung« geschaffen. Verlor eine bäuerlicher Betrieb sein Vieh, sammelte man Geld für Ersatz. Die »Hilfe am Grab« unterstützte die Hinterbliebenen eines Verstorbenen finanziell. Sie besteht noch heute. Die Gründung des Dorfverschönerungsvereins (DKS) förderte dann den schon ausgereiften Dorfgemeinschaftsgeist.

Diesen zeigt auch der alljährliche Ausflug des Dorfes, der sich bis zu acht Tagen erstreckt. Entstanden ist dieser Ausflug, nachdem Nenkersdorf in dem Wettbewerb »Unser Dorf soll schöner werden« die Silbermedaille auf Bundesebene im Jahre 1977 errungen hatte und diese Medaille in Berlin auf der Grünen Woche abzuholen war. 666 Jahre nach der ersten urkundliche Ersterwähnung im Jahre 1311 machte dieser Wettbewerb Nenkersdorf erstmals weithin bekannt.

Darüber, dass Nenkersdorf als einst selbstständige Gemeinde mit eigenem Bürgermeister zu Netphen gekommen ist und nur noch einem Ortsvorsteher hat, klagt niemand. Ohne Netphen hätte man ja noch nicht einmal eine eigene Kanalisation. Doch was zu erhalten war, wurde erhalten: Bräuche und Bauwerke, soweit sich dies machen ließ. So gibt es vor allem noch die alte Mühle und daneben zwei Fachwerkhäuser, die im 18. Jahrhundert erbaut wurden.

Der alte Backes wurde in der Nachkriegszeit noch bis in die 80er Jahre genutzt. Man war Mitglied in einer sogenannten »Backesgenossenschaft«, in der jede Familie einen eigenen Backestag hatte, um ihr Brot zu backen. Doch die Tradition endete. Anfang der 90er Jahre entstand dann das neue Backesfest, das alljährlich veranstaltet wird. Tatkräftig engagiert ist dabei Paul Giesler, mit 82 Jahren ebenfalls Mitglied der »Rentnerband«. Der Backes ist seine Hobby und er bereitet ihm immer wieder Freude.

Wo soviel gemeinsam gemacht wird, finden auch neu hinzugezogene Bewohner schnell Anschluss. Die intergrierten sich sehr gut in die Gemeinschaft, so dass keine Schwierigkeiten auftreten, berichtet Giesler. Die Bewohnerzahl des Dorfes von 1960 bis 1985 von 377 Bürgern auf 486 Bürger gestiegen. Heute leben um die 500 Einwohner in Nenkersdorf.

Doch der Zusammenhalt ergibt sich heute nicht mehr einfach von selber. Heinrich Groß, mit 80 Jahren gleichfalls Mitglied der »Rentnerband«, hebt hervor, dass man heute etwas für die Gemeinschaft tun muss, um sie zu erhalten. Genauso sieht es Corie Schmidt, die Ortsvorsteherin von Nenkersdorf. Als im Jahr 1993 hinzugezogene Fremde kannte sie niemanden und hatte keinerlei Verpflichtungen den Bürgern gegenüber. Sie konnte also unvoreingenommen auf die Menschen zugehen und dann hat sie offensichtlich schnell »Wurzeln geschlagen«.

Ausgehend von dem, was als »Grundsubstanz« vorhanden war, hat die Ortsvorsteherin Projekte angestoßen, wie z. B. das Pizzafest, den 2002 neu hinzugekommenen Mäh-Wettbewerb oder die Renovierung der Gebäude. Weil die gewachsene Identität des Ortes bewahrt werden sollte, kam 2003 als spontane Idee das Projekt »Unser Dorf soll schöner werden« hinzu. Dieser Wettbewerb sollte die Gemeinschaft fördern, um Nenkersdorf wieder interessant und schön zu machen.

Corie Schmidt weiß nur zu gut, dass es schwer ist und immer schwerer wird, den Gemeinschaftssinn wach zu halten und so das Gemeinschaftswohl zu fördern. Vor allem die Jugend ist nur schwer zu motivieren. Da helfe nur, die Projekte konsequent durchzuziehen, Vereine zu unterstützen und Kompetenzen an zuverlässige Personen übertragen. Aus einer Dorfgemeinschaft, an der alle mitwirken, kann viel entblühen...

Christina Leyener, Gymnasium Netphen

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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