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Brot- und Kartoffeltag in Beienbach
Dieses Dorf kriegt alles gebacken

Im sogenannten Sechskanntsichter werden Mehl und Kleie voneinander getrennt.
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sos Beienbach. Während die Lebensmittel vor Jahrzehnten immer vom Bauern um die Ecke kamen, ist heute oft nicht nachvollziehbar, woher Milch, Eier oder Mehl eigentlich genau kommen. Zwar nimmt das Interesse und Bewusstsein stetig zu, doch am einfachsten ist es immer noch, sich im Supermarkt einzudecken, beispielsweise mit Brot. In Beienbach aber ticken die Uhren anders. Hier wird das Mehl aus dem eigenen Roggen in der Mühle gemahlen. Daraus wird mit den selbst gebundenen Schanzen im Backes Brot gebacken, das im Gefrierhaus wenige Meter weiter gelagert wird.
Ein schöner Dreiklang„Das ist ein Dreiklang, den wir funktionsfähig halten wollen“, sagt der Beienbacher Henner Braach.

sos Beienbach. Während die Lebensmittel vor Jahrzehnten immer vom Bauern um die Ecke kamen, ist heute oft nicht nachvollziehbar, woher Milch, Eier oder Mehl eigentlich genau kommen. Zwar nimmt das Interesse und Bewusstsein stetig zu, doch am einfachsten ist es immer noch, sich im Supermarkt einzudecken, beispielsweise mit Brot. In Beienbach aber ticken die Uhren anders. Hier wird das Mehl aus dem eigenen Roggen in der Mühle gemahlen. Daraus wird mit den selbst gebundenen Schanzen im Backes Brot gebacken, das im Gefrierhaus wenige Meter weiter gelagert wird.

Ein schöner Dreiklang

„Das ist ein Dreiklang, den wir funktionsfähig halten wollen“, sagt der Beienbacher Henner Braach. Und der ehrenamtliche Müller Oliver Schneider fügt hinzu: „Auf diese ursprüngliche Struktur, die es im Siegerland nicht mehr oft gibt, sind wir stolz.“ So wundert es nicht, dass der Ort diese Besonderheit schon seit Jahren feiert, und zwar mit dem Brot- und Kartoffeltag, der am Samstag, 21. September, ab 12 Uhr stattfindet.

Alte Mühle braucht Pflege

105 Jahre alt ist die Mühle, in der u. a. Oliver Schneider für das Fest rund sechs Zentner Roggen zu Mehl verarbeitet hat. In diesem Sommer musste die Mühlengenossenschaft ordentlich Geld und Zeit investieren, um die Anlage auf Vordermann zu bringen. Die Siebe wurden ausgetauscht, das Becherwerk – eine kleine Fördermaschine – erneuert und einige Holzarbeiten erledigt. 3000 Euro habe man mindestens reingesteckt, schätzt Schneider. Aber eine Mühle, die nicht mahlt, ist eben nicht zu gebrauchen.

Gute Ernte

So werden die Körner weiterhin zwischen schweren Steinen zerrieben und durch die Fliehkraft nach außen getrieben. Das sogenannte Becherwerk befördert sie zum Sechskantsichter, in dem sie durch ein Sieb geschleudert werden: Das feine Mehl fällt in den einen Kasten, die Kleie in den anderen.
„Wir hatten eine wirklich gute Ernte. Ich bin echt gespannt, wie es wird“, freut sich Schneider, als er, Karola Küthe und Reinhard Bender am Freitagvormittag den Brotteig bearbeiten. Um kurz vor 8 war Treffpunkt in der Waschküche von Küthes; den Vorteig hatten sie bereits am Abend vorher angesetzt, weil er mehrere Stunden gehen muss. Abgewogen wurde da nichts, die Erfahrungswerte reichen mittlerweile völlig aus.

Gemeinschaftliches Kneten

Normalerweise backe jede von den fünf Familien der Backhausgemeinschaft für sich allein, so viel, wie sie für den Eigenbedarf brauchen. „Das ist kein besonderes Event für uns“, sagt Karola Küthe, die zu Hause nur das selbstgebackene Backesbrot isst. Nur vor Festen wie dem Brot- und Kartoffeltag oder dem Naturmarkt stelle man sich gerne zusammen an den Trog.

Eine anstrengende Arbeit

„Die gehen jetzt in den Teig, und ich gehe zum Heizen“, kündigt Stephan Küthe, Vorsitzender der Gefriergemeinschaft, an. Während er sich in Richtung Backes verabschiedet, kneten die drei Verbliebenen den Teig in mehreren Durchgängen durch und fügen hier und da Salz sowie weiteres Mehl hinzu. „Das ist anstrengend“, betont Schneider. Dann schätzt Reinhard Bender die passende Teigmenge ab und gibt die klebrige, hellbraune Masse an Karola Küthe weiter, die mit Leichtigkeit einen Laib nach dem anderen formt – erst eine Kugel, dann eine Rolle. Oliver Schneider würde zwar eigentlich lieber den Ofen anheizen, packt aber auch konzentriert mit an.

"So klappt es"

Rund 40 Laibe sind in kurzer Zeit entstanden, und inzwischen sieht auch der Glutteppich im Backes gut aus. Bevor die Brote in den Ofen kommen, werden sie mit Wasser bestrichen und mit der Gabel gestochen. „Siebenmal, für jeden Wochentag einmal“, lacht Karola Küthe, die die Regel nicht ganz so ernst meint. Ihr Mann jedenfalls vertritt die Theorie, dass das Gärgas so besser entweichen kann und die Kruste sich nicht vom Teig löst. „Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber so klappt es!“ Außerdem sind die Brote am Ende besser zuzuordnen, und jeder kann am Muster erkennen, welchen Laib er geformt hat oder wo zusätzliche Zutaten verarbeitet wurden wie beispielsweise Körner.

Auf Plastik verzichten

Alles wird hier naturnah erzeugt, darum ist es den Beienbachern außerdem wichtig, so wenig Plastik wie möglich zu verursachen. Deswegen wurden Teller aus Pappe und Metallbesteck angeschafft. Letzteres können die Gäste für einen Euro kaufen und beim nächsten Fest wieder nutzen. „Oder sie bringen Geschirr und Besteck direkt selbst mit“, zeigt sich Karola Küthe offen für jede Möglichkeit, die Müll spart. Und ihr Mann ergänzt, dass Teller und Gabel vor Ort grob abgewaschen werden könnten. „Wir wollen sehen, wie das ankommt“, erklärt Henner Braach. „Es gibt vielleicht Leute, die das merkwürdig finden, aber das stört uns nicht.“

Verbundenheit mit Mühle, Backes und Gefrierhaus

Der Erlös des Verkaufs am Brot- und Kartoffeltag wird in anstehende Sanierungsarbeiten an der Mühle, dem Backes oder im Gefrierhaus gesteckt. Alle sind sich im Klaren darüber, dass sich die ganzen Mühen wirtschaftlich gesehen keineswegs rechnen. „Ohne Idealismus geht das nicht“, bringt Karola Küthe es auf den Punkt. Aber das mache das Dorfleben in Beienbach aus. „Da ist nichts Aufgesetztes dran, wir alle leben das“, so Oliver Schneider. Von Kindheit an habe der Mittelpunkt aus Mühle, Backes, Gefrierhaus bestanden. Umso glücklicher seien die Beienbacher darüber, dass auch die nächste Generation Freude an den Traditionen finde. Hauptsache, alle Anlagen bleiben funktionstüchtig. „Museen wollen wir hier nicht haben.“

+++ Das Programm +++ 

Der Brot- und Kartoffeltag beginnt heute um 12 Uhr in der Ortsmitte von Beienbach. Ob Quell- oder Bratkartoffeln, Reibeplätzchen oder Pommes – „Duffel“-Freunde werden in jedem Fall ein Mittagessen nach ihrem Geschmack finden. Neben rund 200 Laiben Brot werden ab 14 Uhr außerdem im Backes gebackene Reibe- und Hefekuchen angeboten. Die Mühle kann besichtigt werden und Kinder können sich auf Ponyreiten und Stockbrotbacken freuen. Insgesamt sind an diesem Samstag rund 100 Beienbacher im Einsatz. Geschirr und Besteck dürfen gerne selbst mitgebracht werden.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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