Ein Leben für die Dichtkunst

Wilhelm Dietrich schrieb zahlreiche Gedichte / Mit 91 Jahren erste Veröffentlichung

dan Beienbach. Wilhelm Dietrich schreibt Gedichte. Mehr noch, er liebt sie. Der 91-Jährige genießt das Schreiben noch immer. Als Beweis kann man seinen kürzlich erschienenen Gedichtband »Die letzte Strophe« zu Rate ziehen. Darin finden sich über 48 ganz unterschiedliche Gedichte aus den letzten zwei Jahren.

Geschrieben hat er in seinem Leben tausende, doch an eine Veröffentlichung dachte er dabei nie. Lediglich seine Tochter, der er seine Gedichte, die sie mit der Schreibmaschine festhält, diktiert, kam auf die Idee, den Kontakt zu einem Verlag herzustellen. #B4Trotz des hohen Alters strömt aus Wilhelm Dietrich eine lebhafte Energie, wenn er von Lyrik spricht. Mit scharfem Verstand erklärt er, was diese so einzigartig macht: Das Geheimnis liegt in der Musik, denn erst in der Mischung von Rhythmus, Klang und Betonung kann das Gedicht seine volle Kraft entfalten. »Ein Gedicht singt in jeder Zeile«, sagt er. Gleich einer Pflanze, die vom Kern her langsam aufblüht, bis sie ihre gänzliche Reife erlangt hat, entsteht bei Wilhelm Dietrich ein Gedicht. In »Der Herd« z. B. beginnt er mit selbigem und weitet das Gedicht über die Familie bis zu den Jahreszeiten aus. Die Krone der Dichtkunst stellt für ihn der Dreizeiler dar, denn er ist, im Gegensatz zum Vierzeiler, unteilbar und besitzt eine besondere Dynamik.

Im poetischen Spiel mit Worten und Bildern bringt er seine Gefühle und Leidenschaft zum Ausdruck. Er offenbart sein Wesen in der Art und Weise, wie er über die Liebe, die Natur, Soziales und Schicksal reimt. »Nur das Gefühl ist produktiv. Solange man fühlt, kann man schaffen, ein Gedicht entsteht nicht aus Verstand.« Wenn er beginnt, weiß er nie genau, wie das fertige Werk aussieht. Mit jedem Vers kreiert er etwas Neues und steht gleichzeitig wieder vor dem Nichts. So teilt er das Schicksal des Künstlerdaseins, denn der Künstler steht nicht auf festem Boden, sondern nur auf dem, was er selber hervorbringt, ist also permanent auf das Zukünftige bedacht. Da die Kunst bekanntlich brotlos ist, entschied sich der gebürtige Banfer, seine Brötchen als Lehrer zu verdienen. Obwohl er bereits mit 24 Jahren in Psychologie promovierte, trat er erst spät in den Schuldienst ein, denn kurz vor seinem Examen wurde er in den Krieg berufen. Ab 1952 unterrichtete er für 25 Jahre Deutsch und Philosophie am Löhrtor-Gymnasium Siegen, bevor er mit 77 Jahren in Rente ging. Leicht hat der Dichter es im Leben nicht gehabt, denn er stammt aus einer Arbeiterfamilie. Am Beispiel seines Vaters erlebte er, wie die Menschen in den Fabriken ausgebeutet wurden, nur für den Profit einiger weniger. In dem Gedicht »Räuber und Schinder« greift er diese Problematik auf. »Vor den Toren der Fabrik endet die Demokratie«, lautet seine soziale Anklage. Für ihn persönlich steckt wahre Leistung im Willensentschluss und nicht in der Arbeit, die getan wird. »Das Denken und das Wollen sind die zwei Tätigkeiten, die den Menschen ausmachen«, sagt er. Diese Maxime setzte er in die Tat um, indem er schon früh den Entschluss fasste, so viel und so lange wie möglich zu studieren. Er verfolgte seine Interessen in Deutsch, Philosophie, Erdkunde, Geschichte und Psychologie in Göttingen und Marburg. Im Selbststudium lernte er zeitlebens Kunstgeschichte. Für ihn ein wichtiges Feld, denn »die Existenz eines Volkes lässt sich nur anhand ihrer Kunst erkennen«, meint er. Nicht zuletzt aus seinen Studien zog und zieht er Inspiration für sein lyrisches Schaffen, ganz gleich ob daheim in Beienbach bei Netphen oder in seinem Sommerhaus in Potsdam.

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