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Ein Vormittag im Demenzzentrum Haus St. Anna
Eintauchen in die Welt des Vergessens

Dieser Puppenjunge hält stundenlang still auf dem Schoß. Immer wieder streicheln die Hände der alten Frau über die weiche Wolle. Still sitzen, in sich versunken sein – das genügt wohl.
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  • Dieser Puppenjunge hält stundenlang still auf dem Schoß. Immer wieder streicheln die Hände der alten Frau über die weiche Wolle. Still sitzen, in sich versunken sein – das genügt wohl.
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  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ihm Netphen. Verführerischer Plätzchenduft steigt den Besuchern in den Nase. Im Ofen ein Backblech mit Vanillebatzen, auf dem Tisch steht ein Teller mit Kokosmakronen – neben einer Flasche Sekt. Fünf Damen haben es sich an diesem Vormittag hier gemütlich gemacht. Auf die Frage „Haben Sie mitgeholfen beim Backen?“ schüttelt eine resolut den Kopf: „Wir? Nein, dafür haben wir unsere Leute!“ In das Gelächter stimmen die beiden Altenpflegerinnen ein und holen das Blech mit den knusprigen Keksen aus dem Backofen.
Viele Angehörige schaffen es nicht alleinVormittag im Haus St. Anna in Netphen. Das erst im Sommer eröffnete Haus ist ein ganz besonderes Altenheim. Hier leben Menschen mit Demenz. Und zwar nur solche.

ihm Netphen. Verführerischer Plätzchenduft steigt den Besuchern in den Nase. Im Ofen ein Backblech mit Vanillebatzen, auf dem Tisch steht ein Teller mit Kokosmakronen – neben einer Flasche Sekt. Fünf Damen haben es sich an diesem Vormittag hier gemütlich gemacht. Auf die Frage „Haben Sie mitgeholfen beim Backen?“ schüttelt eine resolut den Kopf: „Wir? Nein, dafür haben wir unsere Leute!“ In das Gelächter stimmen die beiden Altenpflegerinnen ein und holen das Blech mit den knusprigen Keksen aus dem Backofen.

Viele Angehörige schaffen es nicht allein

Vormittag im Haus St. Anna in Netphen. Das erst im Sommer eröffnete Haus ist ein ganz besonderes Altenheim. Hier leben Menschen mit Demenz. Und zwar nur solche. Alle 60 Plätze sind belegt, Einrichtungsleiter Stephan Berres muss laufend Anfragen ablehnen. „Das sind oft verzweifelte Angehörige, die es zu Hause einfach nicht mehr schaffen.“

Die Tür nach draußen ist geschlossen

Wer ins Haus St. Anna an der Brauersdorfer Straße einzieht, für den beginnt ein neues Leben. Voraussetzung für den Einzug ist ein Unterbringungsbeschluss des Amtsgerichts nach Begutachtung durch den Facharzt, denn die Bewohner können das Haus nicht einfach verlassen. „Freiheitsentziehende Maßnahme“ nennt man das im Juristendeutsch. Die Tür nach draußen ist verschlossen, aber das merkt kaum jemand. Der Ausgang sieht aus wie ein bunt bestücktes Bücherregal.

Jeder, wie er mag

In St. Anna ist vieles anders als in einem normalen Altenheim. Das beginnt schon am Morgen. Geweckt wird hier niemand. Die Bewohner dürfen schlafen, solange sie wollen. Wecken gilt sogar als „Pflegefehler“, denn bei der Krankheit Demenz ist der Schlaf häufig gestört. Werden die Menschen aus dem Schlaf gerissen, dann nehmen Verwirrtheit und womöglich Aggression nur noch zu.
Und das Frühstück? Jeder, wie er mag. Und wenn es nachmittags um 3 ist? Stephan Berres nickt: „Ja, warum denn nicht?“

Einige suchen das Gespräch

Auf dem Flur ist Herr Irle unterwegs (Namen der Bewohner von der Redaktion geändert). Er erzählt begeistert von früheren Skitouren. Und federt in den Knien, während er zum imaginären Schwung ansetzt. Dann tanzt er ein paar Schritte durch den Gang und wiegt sich in den Hüften. Herr Irle war bei den Damen ein begehrter Tänzer. Bestens gelaunt strebt er dem Aufenthaltsraum zu.
Im Treppenhaus begegnen die Besucher Herrn Schneider. Er ist auf der Suche nach einem Geldautomaten. „Ich hab kein Geld mehr“, informiert er Stephan Berres und kehrt zum Beweis die leeren Hosentaschen nach außen. „Ja, ich hab’ auch kein Geld“, sagt der Heimleiter. „Da müssen wir zur Sparkasse. Ich komm gleich mit ihnen.“ Und der alte Mann folgt zufrieden in den Wohnflur. Aber er weiß genau, was er will, und erinnert den Heimleiter noch ein paarmal an die Geldfrage.

Andere sind nicht so kommunikativ

Nicht alle Bewohner sind so kommunikativ wie Herr Irle und Herr Schneider. Herr Thomas geht wortlos vorüber und schaut eine Weile aus dem Flurfenster in den Garten. Als er wieder Richtung Aufenthaltsraum geht, bleibt eine große Pfütze auf dem Fußboden zurück, Herr Thomas hat die ruhige Ecke zum Urinieren genutzt. Das regt hier keinen auf. Stephan Berres: „Ich sag mal eben Bescheid, dass das weggemacht wird.“

Flure zum Laufen

Auf Wohnebene 1 ist gerade niemand im Aufenthaltsraum, dafür trifft man etliche Bewohner auf den Gängen. Der Bewegungsdrang ist bei Demenz oft groß. Breite, freundliche Flure laden zum Laufen geradezu ein. Die Bilder an den Wänden sehen aus wie Aquarelle, bestehen aber aus waschbarem Stoff. Anfassen erlaubt. An der Wand oder im Regal findet man „Nesteldecken“. Das sind sind Stoffstücke aus verschiedenen Materialien mit Knöpfen, Bändern, Reißverschlüssen, die zum „Fummeln“ einladen – nicht nur Menschen mit Demenz!

Ruhe in der Sofaecke

Auf dem Sofa, etwas versteckt hinter dem Garderobenregal, sitzt Frau Utsch. Sie schaut niemanden an, sie hebt den Kopf nicht. sie spricht nicht. Aber sie hält eine babygroße Puppe fest auf ihrem Schoß. Manchmal streicheln die Hände über Pullover und Gesicht der bunten „Empathiepuppe“, wie das in der Fachsprache heißt. Frau Utsch sitzt nach eineinhalb Stunden immer noch in ihrer Sofaecke. „Das muss man auch aushalten“, sagt Stephan Berres.

Gefühle wichtiger als der Verstand

Was in den Köpfen der Bewohner vorgeht, in welcher Gedankenwelt sie sich gerade befinden, weiß man oft nicht. „Die Persönlichkeit ändert sich nicht, aber die Lebensphase“, sagt der Heimleiter. Gefühle sind wichtiger als die Ratio. Zeit spielt kaum eine Rolle. Sich hineinfühlen in die Bewohner, ihnen zuhören, beobachten, was sie wohl brauchen – darauf kommt es in St. Anna für das Pflegepersonal an. Dafür braucht es Kreativität und Freundlichkeit in einer Welt, die zwischen Vergessen und Erinnern liegt. Hier geht nichts nach Schema F. Und Hetze sollte nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die Beschäftigten ein Fremdwort sein.

Stammtisch und Werkbank für die Männer

Rund ein Drittel der Bewohner von St. Anna sind Männer. Sie haben Glück. Denn Stephan Berres findet, dass sie ruhig auch mal „Männer-Sachen“ machen sollen. Deshalb hat er eine Werkbank gekauft. Und eine Modelleisenbahn. Ein Männerabend am Stammtisch – da gibts’s natürlich auch ein Bierchen – war neulich eine tolle Sache. „Ich hab’ alte Platten besorgt, Als ,Lilli Marleen’ erklang, wurde es mucksmäuschenstill.“ Die legendäre Aufnahme der Radioreportage von der Weltmeisterschaft 1954 – „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt – Tor, Tor, Tor, Tooor!“ – ist ein Renner für die Männer.

Das erste Weihnachten für St. Anna

Haus St. Anna, das zur Marien-Gesellschaft gehört, erlebt 2020 sein erstes Weihnachtsfest. Es ist geschmückt, im Innenhof steht eine Krippe, aber nichts wirkt überladen. Der Lichterglanz am Weihnachtsbaum, das Adventsfrühstück, gemeinsam Waffeln backen und die alten Lieder – all das kann innere Saiten zum Klingen bringen. Oder eben auch nicht. Und das ist auch in Ordnung.

Corona darf nicht ins Haus gelangen

Und Corona? Stephan Berres und sein knapp 70-köpfiges Team treibt die große Angst um, dass das Virus einen Weg ins Haus findet. Wenn das passiert, dann ist keiner der Bewohner zu schützen, das wissen alle. Denn Menschen mit Demenz tragen keine Masken. „Das geht nicht, weil sie es nicht verstehen. Sie würden sich die Dinger innerhalb von Sekunden wieder abreißen.“ Natürlich sind die Mitarbeiter und Besucher mit Masken ausgestattet. Auf freiwilliger Basis werden Angehörige getestet, bevor sie ins Haus kommen. Nach 20 Minuten ist das Ergebnis des Schnelltests da.
Stephan Berres. „Unser dringender Appell ist: Holen Sie Ihre Angehörigen zum Weihnachtsfest nicht nach Hause in die Familie!“ Denn wenn dort eine Infektion geschieht, dann würde St. Anna im Nu zum Corona-Hotspot.

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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