SZ

Zwei Schwestern setzen sich durch
Erste jagdfreie Zonen im Kreis

Wenn die Jagdstrecke gelegt wird, wie hier vor zwei Jahren nach einer großen Jagd im Siegener Hitschelsbachtal, ist das für Jagdgegner ein Greuel. Sie lehnen das Töten von Tieren aus ethischen Motiven ganz grundsätzlich ab.  Archivfoto: Dirk Manderbach
2Bilder
  • Wenn die Jagdstrecke gelegt wird, wie hier vor zwei Jahren nach einer großen Jagd im Siegener Hitschelsbachtal, ist das für Jagdgegner ein Greuel. Sie lehnen das Töten von Tieren aus ethischen Motiven ganz grundsätzlich ab. Archivfoto: Dirk Manderbach
  • hochgeladen von Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin)

ihm Unglinghausen. Beim Thema Jagd treffen Welten aufeinander – und in Unglinghausen liegen diese Welten so dicht beieinander wie sonst nirgendwo im Kreisgebiet – sozusagen Grashalm an Grashalm. Jagdpächter Gerhard Schott darf zwar Rehe, Wildschweine und Füchse jagen, aber seit dem vergangenen Herbst nicht mehr überall in seinem ausgedehnten Jagdrevier. Auf sechs Wiesengrundstücken, jedes zwischen 600 und 3000 Quadratmeter groß und verstreut in der Unglinghausener Feldflur gelegen, darf kein Tier geschossen werden.

Das haben die Eigentümerinnen der Grundstücke, zwei Schwestern, die in Norddeutschland leben, durchgesetzt. Henning Setzer, Chef der unteren Jagdbehörde des Kreises Siegen-Wittgenstein, schildert den Fall.

ihm Unglinghausen. Beim Thema Jagd treffen Welten aufeinander – und in Unglinghausen liegen diese Welten so dicht beieinander wie sonst nirgendwo im Kreisgebiet – sozusagen Grashalm an Grashalm. Jagdpächter Gerhard Schott darf zwar Rehe, Wildschweine und Füchse jagen, aber seit dem vergangenen Herbst nicht mehr überall in seinem ausgedehnten Jagdrevier. Auf sechs Wiesengrundstücken, jedes zwischen 600 und 3000 Quadratmeter groß und verstreut in der Unglinghausener Feldflur gelegen, darf kein Tier geschossen werden.

Das haben die Eigentümerinnen der Grundstücke, zwei Schwestern, die in Norddeutschland leben, durchgesetzt. Henning Setzer, Chef der unteren Jagdbehörde des Kreises Siegen-Wittgenstein, schildert den Fall. Im Dezember 2017 ging der Antrag auf jagdrechtliche Befriedung der Grundstücke bei der Jagdbehörde ein. Die Schwestern begründeten ihn ethisch: Sie lehnten das Töten von Tieren ab und wollten es auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht dulden. Sie lebten vegan, teilten sie mit, um die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens zu unterstreichen.

Jagdgegnerinnen dokumentieren ihre Sicht

Auf der Website „Zwangsbejagung ade“ ist der Vorgang aus Sicht der Jagdgegnerinnen dokumentiert. Da heißt es, dass nach Anforderung weiterer Unterlagen von der Behörde eineinhalb Jahre lang keine Nachricht gekommen sei. Henning Setzer begründet die lange Zeitspanne mit umfangreichen Anhörungen, die vorgeschrieben seien. „Insgesamt 19 Betroffene und Träger öffentlicher Belange mussten gehört werden.“ Die Stadt Netphen machte zum Beispiel Bedenken wegen der Gefahr übermäßiger Wildschäden geltend, wenn nicht mehr überall gejagt werden könne. Der Landesbetrieb Wald und Holz gab sich ablehnend, weil vor allem das Schwarzwild überhandnehmen werde und damit die Gefahr von Tierseuchen steige. Die Landwirtschaftskammer gab ebenfalls eine negative Stellungnahme ab, auch das Veterinäramt stimmte nicht zu. Die Untere Naturschutzbehörde beim Kreis machte keine naturschutzrechtlichen Bedenken geltend. Die Jagdgenossenschaft sprach sich gegen die Zerstückelung der bejagbaren Fläche aus.

Schließlich bekam der Jagdbeirat die Sache vorgelegt Und der entschied im November 2018 einstimmig, den Antrag der Schwestern abzulehnen. Er sei nicht ausreichend begründet, und man hegte Zweifel an der Glaubhaftmachung der ethischen Motivation.

Rechtsanwalt zur Unterstützung

Die Jagdgegnerinnen schalteten daraufhin Rechtsanwalt Peer Fiesel aus Dortmund ein. Er ist Präsident des nordrhein-westfälischen Tierschutzverbands. Durch den anwaltlichen Brief kam Bewegung in die Sache. Die Argumente der Schwestern: Bedenken wegen Wildschäden seien unbegründet, weil nicht konkret nachgewiesen. Die Schweinepest als Gefahr sei nicht maßgeblich, weil es sie in Deutschland derzeit nicht gebe. Wenn sie ausbreche, dürften die Schweine nach dem Tierseuchengesetz ohnehin geschossen werden. Zudem untermauerte der Anwalt die ethischen Beweggründe der Schwestern noch einmal.

Henning Setzer: „Daraufhin haben wir in der Abwägung zwischen privaten und öffentlichen Interessen entschieden, den Anträgen stattzugeben, zumal die Flächen von der Größe her zu vernachlässigen sind.“ Im Herbst 2019 wurden die Wiesen jagdfrei gestellt.

Für die die vereinigte Waldgenossenschaft Unglinghausen war diese Entscheidung eine Überraschung. Reiner Engelhard vom Vorstand berichtete, man habe den Jagdpächter genau eingewiesen, wo die neuerdings befriedeten Wiesen liegen. Allerdings: „Der Eigentümer muss seine Flächen nicht kennzeichnen. Das ist natürlich für den Jäger schwer zu erkennen.“

Ecke "jagdlich praktisch tot"

In der Tat: Die Minigrundstücke liegen mitten neben und zwischen anderen Wiesen und werden zusammen mit diesen von Landwirten bewirtschaftet. Grenzpfähle sind nicht zu erkennen oder gar nicht vorhanden. Das macht das Leben von Gerhard Schott nicht gerade leicht. Er ist seit sechs Jahren Pächter der Jagd in Unglinghausen und ebenso wie seine Frau Christina fast täglich im Revier unterwegs. Vor allem eine kleine Fläche am Waldrand macht ihm Sorgen. Hier stehen die Wildschweine gern, vom Hochsitz aus könnte man sie ins Visier nehmen. Aber ein Streifen der Wiese ist nun mal befriedet. Gerhard Schott: „Das bedeutet: Die ganze Ecke ist für uns jagdlich praktisch tot.“

Das merken die schlauen Schweine schnell. Gerhard Schott weiß, dass die Schwarzkittel sich nur dort blicken lassen, wo wenig Gefahr droht. Das Tälchen am Wald ist nun sozusagen ein kleines Schweineparadies geworden. „Man kann von Glück sagen, dass jetzt nur wenig Wildschweine da sind. Im letzten Jahr, als wir die Mast hatten, da hätte es hier anders ausgesehen.“

Ein Problem ist bisher in der Jagdpraxis noch nicht aufgetaucht: Was geschieht mit einem Tier, das durch den Schuss nicht auf der Stelle tot ist, sondern zunächst flüchtet und auf eine befriedete Wiese läuft? Gerhard Schott: „Wir bemühen uns sehr, so zu schießen, dass das Tier sofort tot umfällt.“ Wenn das aber doch einmal nicht gelingen sollte, sieht der Jagdpächter den Tierschutz als oberste Maxime: „Dann dürften wir das Tier auch in der jagdfreien Zone erlösen.“

Wenn die Jagdstrecke gelegt wird, wie hier vor zwei Jahren nach einer großen Jagd im Siegener Hitschelsbachtal, ist das für Jagdgegner ein Greuel. Sie lehnen das Töten von Tieren aus ethischen Motiven ganz grundsätzlich ab.  Archivfoto: Dirk Manderbach
Der Hochsitz im Hintergrund ist verwaist, denn in dem Wiesental liegt ein schmaler Streifen, der jagdlich befriedet wurde. Wo genau die Grenze verläuft, kann Jagdpächter Gerhard Schott gar nicht feststellen.  Foto: ihm
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

10 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

1 Kommentar

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen