In 80 Tagen bis ans »Ende der Welt«

Bernhard Ott meisterte den Jakobsweg / 2700 km zu Fuß von Deuz bis ans Cap Finisterre

js Deuz. »Ich habe nicht zu mir selbst finden wollen, wollte nichts hinter mir lassen, nicht noch einmal von vorn anfangen,« versichert Bernhard Ott. Und dennoch ist der Deuzer den Jakobsweg gelaufen – von seinem Heimatort im Herzen des Siegerlandes bis Santiago de Compostela im Norden Spaniens. 2700 Kilometer per pedes, im Rucksack lediglich viel Wasser und eine zweite Garnitur bestehend aus Hemd und Hose. »Und ein paar Extra-Socken.«

Seit etwa 30 Jahren hatte der heute 62-Jährige mit dem Gedanken gespielt, »irgendwann einmal« den mittelalterlichen Pilgerpfad zu erwandern. »In den vergangenen zehn Jahren wurde dieser Wunsch immer konkreter.« Vor anderthalb Jahren dann begannen die Planungen. »Das kostet schließlich einiges an Vorbereitungszeit«, erklärt Bernhard Ott und fügt lachend zu: »Ich bin ein bisschen komfortverwöhnt und habe deshalb hauptsächlich in Hotels übernachtet.«

Im Mai machte sich der wanderbegeisterte Siegerländer auf die Socken. »Ich habe mir zwar keinen zeitlichen Rahmen gesetzt, wollte aber zügig vorankommen.« Und das tat er: In nur 80 Tagen bewältigte Bernhard Ott den seit Jahrhunderten beliebten Pilgerweg, legte nur wenige Ruhetage ein und kam – diese Pausen eingerechnet – auf ein tägliches Durchschnittspensum von 35 Kilometern. »Es lag oft an der Entfernung zum nächsten Hotel«, berichtet Ott. »Manchmal bin ich nur 20 Kilometer gewandert, an anderen Tagen bis zu 55.« Auch wenn der Grund für seine Wanderschaft kein religiöser gewesen sei, habe er immer wieder Gotteshäuser angesteuert. »Ich bin ein Fan romanischer Kirchen, habe mir deshalb einige angesehen und auch Gottesdienste besucht.«

Ende Juli erreichte der Deuzer schließlich das Ziel des Jakobswegs, den Wallfahrtsort Santiago de Compostela. »Ich wollte aber noch weiter.« Als kleine »Zugabe« wanderte der 62-Jährige noch weiter gen Westen – zum Cap Finisterre, dem einstigen »Ende der Welt«. Bernhard Ott: »Das waren noch einmal etwa 100 Kilometer.« Eine reife Leistung also, die der rüstige »Jungsenior« da auf Schusters Rappen hingelegt hat. »Und genau darum ging es mir: Ich habe den Pilgerweg sportlich gesehen.« Wandern sei eine Leidenschaft, die ihn auch hierzulande gerne einmal weit weg führe. »Ich wandere gerne früh los und schaffe dann schon mal bis zu 90 Kilometer an einem Tag.«

Dennoch: Eine solche Langzeitstrapaze hatte Ott zuvor noch nicht gewagt. War er sich von Anfang an sicher, dass er es bis Nordwestspanien schaffen würde? »Nein, natürlich nicht«, gibt er im Gespräch mit der Siegener Zeitung zu. »Aber als ich erst einmal in Genf angelangt war, da war ich schon überzeugt davon.« Doch immer wieder habe es Momente gegeben, in denen er am Weitermarsch gezweifelt habe. Gesundheitlich sei der Jakobsweg kein Problem für ihn gewesen. »In Frankreich zog es sich nur ein wenig in die Länge«. Zwar seien die Landschaften am Wegesrand immer wieder »faszinierend« gewesen: die Blumenpracht, die Schmetterlinge und die »abwechslungsreichen Landschaften Europas« – all das habe sich dem Deuzer eingeprägt. »Doch hinter Le Puy im Zentralmassiv wollten die Kilometer bis zur spanischen Grenze einfach nicht weniger werden.« Auf und ab sei es gegangen, nicht nur in den Pyrenäen – mitunter sogar über Stock und Stein.

Einsam habe sich der Jakobswanderer nicht gefühlt, auch wenn er im die Tour im Alleingang bewältigt habe. »Immer wieder trifft man auf andere Pilger,« sagt Ott. »Alle grüßen einander – und wenn man das Gespräch sucht, dann läuft man einfach ein paar Kilometer zusammen.« Zehn Gleichgesinnte hat Bernhard Ott auf diese Weise kennengelernt. »Sie alle waren aus Deutschland, der Schweiz oder dem Elsass unterwegs und haben wie ich die gesamte Strecke zu Fuß bewältigt.« Hunderte, ja Tausende andere hätten sich zumindest Teiletappen des Jakobswegs vorgenommen. »Der Sommer ist eine wahre Pilgersaison.« Santiago de Compostela sei menschenüberflutet gewesen. »Der Ort ist durchaus kommerzialisiert.« Wer im Anschluss an den Besuch der angeblichen Grabstätte des Apostels Jakobus noch ein wenig zur Besinnung kommen wolle, wandere – wie Bernhard Ott – noch weiter bis zum Cap Finisterre. Dafür gab’s eine Urkunde, ebenso wie für die Ankunft in Santiago de Compostela.

Seit knapp zwei Wochen ist Bernhard Ott wieder zurück in seiner Heimat, muss nun nacharbeiten, Fotos sortieren, sich wieder in seinem Alltag einfinden. Die Rückreise war um einiges einfacher als der Hinweg: »Ich bin ein Bahnfan und deshalb mit dem Zug nach Hause gefahren.« Eine weitere Wandertour dieses Ausmaßes sei nun erst einmal nicht geplant, sagt er. »Vielleicht gehe ich noch einmal ein paar Teilstücke des Jakobswegs mit Freunden ab.«

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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