SZ

Hochwasser-Gefahr in Netphen
Kritik an der Verwaltung: Experte warnt vor Sorglosigkeit

Dichter Bewuchs und wenig Platz für das Wasser: Beim Dreisbach in Herzhausen kann es eng werden, wenn große Regenmengen den Bach anschwellen lassen. Die Herzhausener haben leidvolle Erfahrungen mit Hochwasser.
  • Dichter Bewuchs und wenig Platz für das Wasser: Beim Dreisbach in Herzhausen kann es eng werden, wenn große Regenmengen den Bach anschwellen lassen. Die Herzhausener haben leidvolle Erfahrungen mit Hochwasser.
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  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

ihm Netphen. Mit dem 100-jährigen Hochwasser ist das so eine Sache. Im Bau- und Planungsrecht gilt es als Maßstab. Aber im Juli gab es in den Katastrophengebieten in NRW und Rheinland-Pfalz Regenmengen, die viermal so groß waren wie bei einem Jahrhundert-Hochwasser. Wasserbau-Experte Prof. Dr. Jürgen Jensen von der Universität Siegen: „Soll man dann mit einem Risiko kalkulieren, das statistisch alle 1000 oder 10.000 Jahre auftritt?“ Und die nächste Frage: Ist die Statistik in Zeiten der rasanten Klimaveränderung überhaupt noch verlässlich? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte sich am Montag der Netphener Stadtentwicklungsausschuss.

ihm Netphen. Mit dem 100-jährigen Hochwasser ist das so eine Sache. Im Bau- und Planungsrecht gilt es als Maßstab. Aber im Juli gab es in den Katastrophengebieten in NRW und Rheinland-Pfalz Regenmengen, die viermal so groß waren wie bei einem Jahrhundert-Hochwasser. Wasserbau-Experte Prof. Dr. Jürgen Jensen von der Universität Siegen: „Soll man dann mit einem Risiko kalkulieren, das statistisch alle 1000 oder 10.000 Jahre auftritt?“ Und die nächste Frage: Ist die Statistik in Zeiten der rasanten Klimaveränderung überhaupt noch verlässlich? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte sich am Montag der Netphener Stadtentwicklungsausschuss.

Schäden bei einem Hochwasser in Netphen nach Ansicht der Verwaltung nur gering

Sollte es zu einem Jahrhundert-Hochwasser kommen, seien nach den vorliegenden Berechnungen die Auswirkungen auf die Gebäude an Sieg, Netphe und Dreisbach nur sehr gering, berichtete die Stadtverwaltung. 2009 habe man eine Berechnung für den Dreisbach, den Unglinghäuser Bach und den Breitenbach erstellt und acht hochwassergefährdete Bereiche in den Ortslagen ermittelt. „Von den acht vorgeschlagenen Maßnahmen wurden zwei in der Folge umgesetzt.“

Die Rolle der Obernautalsperre sieht die Stadtverwaltung so: „Sie reduziert die Hochwassergefahr für die Sieg ab der Einmündung der Obernau in Obernetphen.“ Die Talsperre verfüge über einen Hochwasserschutzraum, der das Risiko bei Obernau und Sieg erheblich verringere. „Nach erster Einschätzung des Wasserverbands Siegen-Wittgenstein hätte die Obernautalsperre unter Berücksichtigung des derzeit noch verhältnismäßig niedrigen Füllstandes das Niederschlagsereignis vom Juli 2021 vollständig puffern können.“

Wasserbau-Experte kritisiert Stadt Netphen scharf

Vor Sorglosigkeit oder „Hochwasser-Demenz“ warnte der Wasserbau-Experte. Prof Dr. Jürgen Jensen sagte: „Jeder, der an Sieg, Obernau und Netphe lebt, muss sich darüber klar sein, dass davon Gefahren ausgehen.“ Ein Jahrhundert-Hochwasser sei eben nicht mehr verlässlich das Schlimmste, womit man rechnen müsse. Je näher die Häuser an die Gewässer rückten, desto problematischer sei die Situation. „Früher war es üblich, die Gewässer leistungsfähig zu halten. Heute haben sich die Prioritäten verschoben, und zwar zugunsten der Renaturierung.“

Jensen plädierte dafür, einerseits die kleinen Gewässer in den Fokus zu nehmen, von denen auch nach Ansicht der Stadtverwaltung Gefahr ausgeht. Insbesondere, wenn bei Starkregen Material mitgerissen werde, das dann die Bachläufe verstopfe. Die Obernautalsperre sei Schutz und Risiko zugleich, mahnte der Professor.

Mitarbeiter des Kreises nicht für Menschenrettung zuständig

Die Illustration für den Wettstreit zwischen gezähmten Bachlauf und naturnahem Gewässerzustand lieferte Alfred Oehm. Der CDU-Politiker aus Herzhausen schilderte die Lage drastisch. Früher sei es üblich gewesen, den Dreisbach alle paar Jahre auszubaggern, damit das Wasser frei abfließen konnte – zuletzt 2012. Inzwischen versande der Bach im Unterdorf regelrecht. „Er ist mit Gras und Pflanzen zugewachsen, sodass der Bauhof auf den entstandenen Inseln zum Rasenmähen ausrücken musste“.
2019 habe man baggern wollen, aber beim Ortstermin hätten zwei Mitarbeiter des Kreises erklärt, sie seien weder für Gebäude noch für Menschenrettung zuständig. Ihre Aufgabe sei es, Umwelt und Natur zu schützen und es gebe viele Organismen und Kleintiere, die beim Ausbaggern Schaden nehmen könnten. So Alfred Oehm in seiner Chronik der Ereignisse.
Die Darstellung schlug im Stadtentwicklungsausschuss hohe Wellen. Wasserrahmenrichtlinie und Bürokraten im Kreishaus bekamen gleichermaßen verbales Sperrfeuer.

Breiter Bach dämmt die Gefahr „An diese Äußerung erinnert sich bei uns niemand“, sagte Kreisumweltdezernent Arno Wied auf die Frage der SZ, ob Vertreter der Unteren Wasserbehörde oder der Umweltabteilung tatsächlich der Meinung seien, dass sie nicht für den Schutz von Menschen und Häusern, sondern nur von Kleinlebewesen zuständig seien. Wied ließ jedenfalls keinen Zweifel an seiner Priorität: „Ziel der Gewässerpflege ist der Schutz von Menschen und Gebäuden.“ Im Fall des Dreisbachs allerdings gebe es ein Fließgewässerkonzept, das die Stadt Netphen vor Jahren habe erarbeiten lassen. Mit den Maßnahmen könne man die Hochwassergefahr eindämmen. Aber dafür brauche man Anliegergrundstücke. „Die beste Lösung ist, das Gewässer breiter zu machen.“ Die Anlieger jedoch wollten offenbar nichts abgeben. Unter den jetzigen Bedingungen müsse man in immer kürzeren Abständen die Verlandungen beseitigen. Und wenn das nichts hilft und Häuser bedroht sind? Kann dann richtig ausgebaggert werden? Wied: „Wenn das das einzige Mittel ist, um eine akute Gefahr zu beseitigen, dann geht auch das.“
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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