»Nordpol-Richard-4« – höchste Gefahr im Verzug

Zwei Deuzerinnen erinnern sich noch sehr genau an die schwere Zeit des Zweiten Weltkriegs

sz Deuz. »Man sagte immer wieder, wir würden den Krieg gewinnen, aber wir liefen in ein großes Unglück«, erinnert sich Gerlinde Müller (Name von der Redaktion geändert) an die schweren Zeiten des Zweiten Weltkriegs. Sie hat ihr Leben in Deuz verbracht und wird die Kriegszeit nicht vergessen. Wie Else Kämpfer war sie zu Beginn des Kriegs Anfang 20. Beide heirateten, als man vom Krieg am Oberlauf der Sieg noch nicht viel spürte. »Es gab eine kirchliche Trauung und danach auch ein Essen. Natürlich musste man mit allem sparen, aber uns ging es noch etwas besser«, erzählt Else Kämpfer. Die Familie besaß eine Metzgerei.

Beide Frauen erinnern sich merkwürdig genau an viele Ereignisse und konkrete Daten jener Zeit. »Bei Fliegeralarm stellten wir das Radio an. Wenn gemeldet wurde ,Viele Flieger von Köln in Richtung Kassel unterwegs’ wussten wir, dass sie wahrscheinlich hierher kamen«, sagt Gerlinde Müller. »Wenn sie meldeten, ,Flieger über Nordpol-Richard-4’, dann waren sie ganz nah.« Nordpol-Richard-4…

Wo fand man Zuflucht? Else Kämpfer eilte bei Fliegeralarm mit ihrer Familie in den Gewölbekeller des Gasthofs Klein. »Hätte eine Bombe das Haus getroffen, hätte uns der Keller wahrscheinlich auch nicht schützen können.« In der Gemeinsamkeit fühlte man sich aber einfach wohler. Gerlinde Müller suchte mit ihrem Mann und der einjährigen Tochter Schutz im Kuhstall. Ihre Tochter war das bald gewohnt, und sie schlief zumeist ruhig im Kinderwagen. »Mein Vater sagte, im Kuhstall sei die Decke stabil. Zum nächsten Stollen hätten wir durch das ganze Dorf gemusst, also blieben wir zu Hause.«

Als im Jahr 1944 die Luftangriffe im Siegerland immer häufiger und immer schwerer wurden, zogen es die Kämpfers vor, den Keller eines Nachbarhauses aufzusuchen. Am 28. Dezember des Jahres, gerade wurde Olpe bombardiert, brachte Else Kämpfer dort im Kerzenschein ihren Sohn zur Welt.

Überall galt es, auf der Hut zu sein. Gerlinde Müller hielt sich mit den Ihren im Herbst des Jahres tagelang zur Kartoffelernte auf den Feldern auf. »Wir versteckten uns bei Luftalarm in Kartoffelsäcken, um nicht entdeckt zu werden. Sie schossen sogar auf einzelne Personen.« Als sich die Müllers eines frühen Morgens in den Hauberg begeben hatten, heulten die Sirenen auf. Ein Flugzeug kreiste über Deuz. »Wir nahmen uns die weißen Kopftücher ab, um im kahlen Wald nicht entdeckt zu werden.« Die Bomben trafen die die Kleinbahn bei der Firma Irle. »Nur um die Menschen in Aufruhr und Schrecken zu halten, kam abends gegen 20 Uhr ein einzelner Bomber und warf mal hierhin und mal dahin eine Bombe«, empört sich Else Kämpfer. Im ganzen Siegerland kannte man diesen Einzelgänger und nannte ihn den »Eisernen Heinrich«.

Bei dem schweren Angriff auf Siegen am 16. Dezember waren die Erschütterungen durch die Bombeneinschläge sogar in Deuz zu spüren. Else Kämpfer: »In Richtung Siegen war der Himmel hell erleuchtet.«

Als im Frühjahr 1945 immer mehr deutsche Panzer in Deuz Stellung bezogen und die Amerikaner schon weit vorgestoßen waren, suchte die Familie Müller doch noch einen Stollen auf. Es war Karfreitag. Die kleine Tochter fand das wohl unpassend und schrie in einem fort. »Da sagte ich zu meinem Mann: ,Lass uns nach Hause gehen und dort sterben, aber hier halte ich es nicht aus.« Sie eilten zurück in den Kuhstall, wo sich die Tochter schnell beruhigte. Sie überlebten die schlimme Nacht. Auch die Familie Kämpfer wollte schließlich noch in einen der drei Stollen flüchten. Doch die Hauptstraße war von deutschen Panzern versperrt, und beim Bahnhof fällten die Soldaten dicke Eichen, um Straßensperren gegen die anrückenden Amerikaner zu errichten. So mussten die Kämpfers im Keller des alten Fachwerkhauses ausharren.

Die Lage spitzte sich zu. Deuz sollte unbedingt gehalten werden. Doch dann verlagerte sich das Gefecht unerwartet nach Netphen, und zwei Tage später konnten die Menschen wieder aus den Stollen kommen. Deuz war inzwischen von amerikanischen Soldaten besetzt. »Ich blickte in dieser schweren Zeit eigentlich immer zu meinem Vater auf, der in all der Aufregung stets die Ruhe bewahrte«, erklärt Gerlinde Müller. Das gab ihr selbst die Kraft, die furchtbare Angst durchzustehen. So wundert es nicht, dass sich beide Frauen in einem einig sind: »Jeder, der diese Zeit nicht miterleben musste, kann froh sein!«

Dana Obermann, Gymnasium Netphen

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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