SZ-Gespräch mit Diabetologe Dr. Philipp Kneppe
Patienten kommen später und mit schlechteren Werten zum Arzt

Uschi Esser ist überzeugt vom Walken in der freien Natur, da kann sie die Gedanken laufen lassen und bekommt den Kopf frei.
  • Uschi Esser ist überzeugt vom Walken in der freien Natur, da kann sie die Gedanken laufen lassen und bekommt den Kopf frei.
  • Foto: rt
  • hochgeladen von Christian Schwermer (Redakteur)

mir Netphen. Weidenau an einem Werktag um 12 Uhr mitten im Lockdown: Sechs, sieben Autos stehen Schlange am Drive-In eines Burger-Braters, zig Tüten voll mit kalorienhaltigen Schnell-„Menüs“ werden angereicht. Guten Appetit. Dr. Philipp Kneppe (Netphen), Facharzt für Diabetologie und Allgemeinmedizin, kennt das Phänomen nur zu gut: „Wenn die Menschen Stress haben, und der Lockdown ist eine permanente Anspannung, wird mehr gegessen. Wenige ernähren sich in einer solchen Lebensphase gesünder.“ Selbst disziplinierte Personen halten nur eine gewisse Weile durch, verteidigen ihre Verweigerung gegenüber süßen oder anderswie verführerischen Leckerchen. Kneppe vergleicht das mit der Ikea-Strategie: „Die Leute laufen durch den ganzen Laden, wollen alle nur schauen oder einen Regentag überbrücken. Spätestens in der Markthalle bricht der Gedanke durch: Irgendeine Kleinigkeit könnte ich mir doch noch gönnen.“

Im Corona-Lockdown gehen weniger Leute zum Arzt

Im Praxisalltag von Dr. Kneppe zeigt sich im Lockdown, dass sich weniger Patienten genau an die verordnete Therapie halten. Kneppe: „Weniger Leute gehen zum Arzt. Und wenn, dann später. Die gemessenen Langzeitwerte sind deutlich schlechter geworden.“ Das hat seiner Erfahrung zufolge erkennbare Folgen: Nerven und/oder Augenschäden können massiver ausfallen. Der Facharzt für Diabetologie macht sich vor allem um die junge Generation Sorgen. Kinder und Jugendliche im Homeschooling haben gar keine Bewegung mehr, nicht einmal in den Pausen das Spielen auf dem Schulhof. „Mal ehrlich, Übungen im Wohnzimmer sind kein Gegenmittel. Welches Kind macht das freiwillig auf Dauer mit“, stellt der Arzt eine rhetorische Frage in den Raum.

Kinder leiden vermehrt an Übergewicht

„Deutlich mehr Kinder als vor der Corona-Zeit werden Adipositas bekommen. Es gibt einen Sinnspruch: Wie man in die Pubertät reingeht, geht man auch wieder heraus“, führt er als Detail an. Heißt: Junge Erwachsene haben längst einen Bauch oder wenigstens einen Ansatz, und sie werden ihn nach seiner Einschätzung auch über Jahre behalten müssen. Kneppe kennt ein probates Gegenmittel: „Wer früh was dagegen macht, ist besser dran. Wir Ärzte müssen frühzeitig tätig werden, an der Stelle reingrätschen und Schlimmeres verhindern.“
Schulungen sind der eine Weg. In der Vor-Corona-Zeit waren solche Unterweisungen mit bis zu acht Personen leicht auch in der Praxis am Mühlenbach möglich. Mit einer Diät- bzw. Ernährungsberaterin. Aktuell sind nur Einzelschulungen möglich, das ist sonnenklar. Aber auch Video-Meetings sind mittlerweile üblich, an denen zwei oder drei Patienten teilnehmen. Es sei denn, die Personen sind über 70 Jahre alt und haben keinerlei Online-Erfahrungen.

Vorsicht bei Lebensmitteln aus der Industrie

Zum Team der Beraterinnen gehört Uschi Esser aus Drolshagen. Sie gibt den von Diabetes 2 betroffenen Menschen gezielt Hilfe, wie sie mit einzelnen Maßnahmen ihre langfristigen Blutwerte verbessern können. Das Weglassen süßer Speisen ist wichtig, aber sie zeigt auch solche Lebensmittel an, die zu viel Zucker enthalten. Grundsätzlich sollte man bei industriell hergestellten Lebensmitteln vorsichtig sein und am Etikett nachschauen, wie hoch der Zuckerwert ist.
Grundsätzlich von besonderer Wichtigkeit ist für Diabetes-Patienten und solche, die gefährdet sind, ein Mindestmaß an Bewegung. Jeden Tag. Oder wenigstens dreimal in der Woche: montags, mittwochs, freitags – feste Termine einführen und daran festhalten: „Nur so wird das alles konkret, sonst schleichen sich Ausreden ein, und die wollen wir bitte nicht zulassen“, gibt Esser als Devise aus.
Ein gezielter Spaziergang in der Mittagspause kann schon helfen, „eine Stunde Spaziergang um den Block oder im eigenen Wohnviertel sollte es schon sein“, sagt Esser. Nach jedem Essen sollte man/frau sich bewusst bewegen und nicht vom Esszimmerstuhl nahtlos in den Fernsehsessel wechseln. „Die Chipstüte bitte erst gar nicht kaufen. Gesüßte Getränke allesamt weglassen.“

Walken als wunderbarer Ausgleich

Was Uschi Esser als Fachkraft in Sachen Ernährung/Diät alles aufzählt, hört sich simpel an. Ist es aber nicht. Das gesamte Leben umkrempeln, geht nicht so leicht und schon gar nicht einfach. Esser: „Wer in seiner Mobilität nicht eingeschränkt ist, den animiere ich, wieder körperlich aktiv zu werden. Nicht im Fitnessklub, das fällt aus wegen Corona. Mir hat das Walken wunderbar geholfen, das kann ich jedem nur empfehlen.“ Dreimal in der Woche hält sie für angebracht.
Leider seien unter ihren Patienten aber viele Menschen, die ängstlich seien, einsam oder gar unter Depressionen litten. In solchen Fällen gelte es, die Depression erst einmal zu behandeln, bevor andere Dinge des alltäglichen Lebens umgekrempelt werden könnten.
Raus in den Wald und die freie Natur, das bedeutet für Uschi Esser Erholung pur: „In freier Natur kann ich die Gedanken laufen lassen, bekomme den Kopf frei. Das tut mir ausgesprochen gut.“

Autor:

Michael Roth (Redakteur) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

5 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen