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Telemedizin in Netphen
Projekt "e-Health first" soll angestoßen werden

sos Netphen. Skeptisch, aber nicht abgeneigt. So könnte man den Eindruck der Netphener Ratsmitglieder wohl unterm Strich zusammenfassen. Dr. Olaf Gaus, Geschäftsführer des Forschungskollegs der Universität Siegen (FoKoS), war ins Rathaus eingeladen worden, um ein mögliches Projekt der Telemedizin in der Keilerkommune vorzustellen, über das er Vertreter aus der Ärzteschaft sowie einige Kommunalpolitiker bei einem gesonderten Termin im September bereits informiert hatte (die SZ berichtete).
Interviews mit MedizinernZunächst soll über ein Jahr hinweg eine Studie erstellt werden, an der die teilnehmenden Ärzte maßgeblich mitarbeiten. In Interviews – etwa zwei bis drei Stunden im Quartal, schätzte Gaus – sollen die Mediziner mitteilen, wie eine Aus- bzw.

sos Netphen. Skeptisch, aber nicht abgeneigt. So könnte man den Eindruck der Netphener Ratsmitglieder wohl unterm Strich zusammenfassen. Dr. Olaf Gaus, Geschäftsführer des Forschungskollegs der Universität Siegen (FoKoS), war ins Rathaus eingeladen worden, um ein mögliches Projekt der Telemedizin in der Keilerkommune vorzustellen, über das er Vertreter aus der Ärzteschaft sowie einige Kommunalpolitiker bei einem gesonderten Termin im September bereits informiert hatte (die SZ berichtete).

Interviews mit Medizinern

Zunächst soll über ein Jahr hinweg eine Studie erstellt werden, an der die teilnehmenden Ärzte maßgeblich mitarbeiten. In Interviews – etwa zwei bis drei Stunden im Quartal, schätzte Gaus – sollen die Mediziner mitteilen, wie eine Aus- bzw. Weiterbildung von nichtärztlichen Assistenten aussehen könnte, damit diese im Delegationsverfahren bestimmte Aufgaben übernehmen und damit den Arzt entlasten können.
Bei der Informationsveranstaltung vor drei Monaten hatte er dies noch weiter ausgeführt und erklärt, dass die Assistenten beispielsweise in der telemedizinischen Patienten-Anamnese geschult würden. Nach einem Erstkontakt per Tablet könnten diese dann entscheiden, wann ein Arztbesuch notwendig ist.

Vorbehalte bei schweren Erkrankungen

Im Rahmen des Projekts „Digitale Modellregion Gesundheit Dreiländereck“, zu dem auch „e-Health first“ in Netphen gehören würde, sei bereits festgestellt worden, dass es vor allem bei chronischen oder seltenen Erkrankungen Vorbehalte gegenüber der Telemedizin gebe, berichtete Olaf Gaus. In anderen, weniger speziellen Bereichen seien die Menschen da jedoch schon offener.

Zunächst wird "nur" Zeit investiert

Welche Kosten auf die Arztpraxen zukämen, wollte Wolfgang Decker (CDU) wissen. „Wir wollen niederschwellig einsteigen“, so der FoKoS-Geschäftsführer. Deshalb werde anfangs nur die Zeit für die Interviews investiert. Im zweiten Schritt gehe es dann darum, wie ein Entwicklungsprojekt geschaffen werden könnte. Das würde deutlich teurer, zumal die Praxen technisch auch entsprechend ausgerüstet werden müssten.

Fördermöglichkeiten suchen

Für den Projektzeitraum 2020 bis 2021 seien 180 000 Euro wünschenswert, und zwar für die Bezahlung von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern. Einer sollte sich im Gesundheitswesen auskennen, der andere in der Informatik. Wenn die Stadt Netphen aber finde, dass ein Mitarbeiter reiche, sei man flexibel genug, um sich anzupassen. Das Geld müsse beantragt werden, die Möglichkeiten seien vielfältig. In Burbach seien Mittel aus dem Leader-Topf generiert worden, in Sundern über das Landwirtschaftsministerium.

Sicherheit der Daten

„Das wird unsere eigentlichen Probleme nicht lösen“, meinte Ekkard Büdenbender (Linke), denn mehr Ärzte kämen so nicht nach Netphen. Er fürchtete, dass die Versorgung gerade bei schweren Erkrankungen auf der Strecke bleiben könnte und man insgesamt in die falsche Richtung laufe. Und: „Viele Daten werden durch die Gegend geschoben, das bereitet mir Kopfschmerzen.“

Neue Wege unverzichtbar

Die Wissenschaftler suchten nach einer alternativen Unterstützung für die Ärzte. Wenn sich die Anzahl der Mediziner irgendwann halbiert und die der Patienten verdoppelt habe, seien neue Wege unverzichtbar, unterstrich Gaus. „Die Grundskepsis bezüglich der Digitalisierung teile ich“, gab er zu. Immerhin würden die Informationen nicht auf einem Server in den USA liegen, sondern in Deutschland.

Mediziner über Praktika nach Netphen holen

Auf weitere Nachfrage von Bürgermeister Paul Wagener fügte Olaf Gaus hinzu, dass die Uni Siegen weiterhin mit der in Bonn kooperiere. Über Praktika würden die Studenten in die Region geführt, und im besten Fall blieben sie schlussendlich hier. Moderne, technische Entlastungsmöglichkeiten für Ärzte, wie Netphen sie dann anbieten könnte, seien womöglich ein Anreiz dafür.

Verschiedene Kritikpunkte

Helga Rock (Grüne), die sich selbst als „analoges Fossil“ bezeichnete, wollte sich erst einmal in Ruhe damit auseinandersetzen, einen Beschluss könne sie jetzt noch nicht fassen. Ignaz Vitt (UWG) hatte Bedenken, dass die Anzahl der Fehldiagnosen steigen werde. Und Ulrich Müller (SPD) verstand zwar die Faszination für die Forschung, die sein Fraktionskollege Manfred Heinz zuvor hatte durchklingen lassen, doch sah er die Gefahr der Entmenschlichung. Der Weg zur Telemedizin sei ein Gewöhnungsprozess, lenkte Gaus ein. Diese sei nur ein Baustein und kein Ersatz für die Präsenzversorgung, wie er es nannte.

Startschuss fürs Projekt

Dem Beschlussvorschlag, den Wolfgang Decker am Ende verlas, folgten dann aber doch alle. So wurde die Verwaltung beauftragt, Gespräche mit der Uni Siegen zu führen mit dem Ziel, das Projekt zu verwirklichen.

Autor:

Sonja Schweisfurth (Redakteurin) aus Siegen

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