Prüfung absurd: Antworten im Netz

„Hundekrieg” in Netphen

Sachkundenachweis Farce? – PC lüftet Geheimnisse – Hund starb an Verordnungsstress

Netphen. Rechtsanwalt Daniel Nierenz und sein Bürovorsteher Klaus Jürgen Stanek sprechen vom Hundekrieg in Netphen: „Viele, die einen größeren Hund haben, werden angezeigt.” Und dann gibt es Post vom Ordnungsamt. Insgesamt sechs Bürgerinnen und Bürger der jungen Stadt gehen per Klage gegen die von der Netphener Ordnungsbehörde verhängten Auflagen (meist Anlein- und Maulkorbpflicht für ihre Vierbeiner) Auflagen vor. In der Schusslinie also das Ordnungsamt. Dessen Leiter Johannes Schneider sieht den Begriff „Hundekrieg” zwar als überspitzt an, spricht aber von einem „Klagebombardement” aus der Anwaltskanzlei.

Mitten hinein in das Gerangel platzte die Nachricht vom Ableben eines Hundes, der durch „Auflagen der Landeshundeverordnung unter tödlichen Stress geraten” war. Das trauernde Herrchen Klaus Kopetzki (Grissenbach) auf Anfrage der SZ: „Ungewohnter Maulkorb- bzw. Leinenzwang hat meinem Mastino Neapolitano letztlich den Rest gegeben. Irgendwie hat er das nicht verkraftet.” Halter so genannter gefährlicher Hunde (u.a. in der Landeshundeverordnung in zwei Listen klassifiziert) müssen einen Eignungstest (Sachkundenachweis) erbringen. Den darf nach Ukas des zuständigen NRW-Ministeriums nur ein amtlicher Veterinär abnehmen. So geht der Kreisveterinär auf Tournee, gibt Einführungen und verteilt schließlich die Fragebögen für die Sachkundeprüfung. 118 Fragen werden gestellt. 420 Antwortmöglichkeiten (Ankreuzverfahren – ähnlich wie bei der Führerscheinprüfung) gibt es.

Die Fragen (mehr als 20 Seiten) sind nicht von Pappe. Viele Halterinnen und Halter haben Bammel davor. Brauchen sie nicht zu haben, denn: Die richtigen Antworten werden von pfiffigen Zeitgenossen im Internet präsentiert. Einpauken, ankreuzen, bestanden. Der Veterinär wird vom guten Schnitt der abgelieferten Arbeiten überrascht sein. Sachkundeprüfung ad absurdum?

Schneider sieht das nicht ganz so: „Auch beim Auswendiglernen beschäftigen sich Halter mit dem Tier, seinem Wesen usw. Das ist schon ein gewisser Erfolg.” Marianne Weber aus Brauersdorf geht am 1. Dezember zum Prüfungstermin in Netphen. Sie tut es für Dobermann-Mix „Akira” und Boxer-Ridgeback „Rex”. Sie nimmt die Sache sehr ernst: „Ich bereite mich gut vor. Zwei Stunden hören wir einen Vortrag. Dann ist eine Stunde lang Prüfung.” Wer durchfällt, bekommt eine zweite Chance. Klappt auch dieser Anlauf nicht, ist das Ende der Fahnenstange erreicht: Der Hund muss abgegeben werden. Um die Auflagen der Landeshundeverordnung zu erfüllen, hat Marianne Weber bereits 2500 DM ausgegeben. Beispielsweise hat sie zig Maulkörbe angeschafft: „Es gab bei meinen Hunden allergische Reaktionen – wie Pusteln. Außerdem scheuerten sich Haare ab. Mit einem Metallmaulkorb geht es so einigermaßen.” Marianne Weber legt die Begleithundeprüfung bei den Hundefreunden Siegen-Mitte (Lindenberg) ab. Ein Witz sei, dass „der auf die NRW-Gefahrenliste gesetzte Dobermann-Mix ein paar Meter weiter, in Rheinland-Pfalz nämlich, völlig frei herumlaufen kann. Die haben ihn nicht in der Kategorie gefährlich eingestufter Hunde.”

Anwalt Nierenz: „Die Landeshundeverordnung beinhaltet Tierquälerei und stellt einen Eingriff in die Grundrechte des Menschen dar.” Außerdem sei das Tierschutzgesetz ein Bundesgesetz, das der Landeshundeverordnung übergeordnet sei. Nicht nur das Ablegen der Sachkundeprüfung berechtigt zum Halten so genannter gefährlicher Hunde; u.a. muss ein polizeiliches Führungszeugnis herbei. Ob das rechtens ist, fragt sich der Datenschutzbeauftragte des Landes NRW. Evtl. sei das ein Eingriff in das Recht auf informelle Selbstbestimmung.

Bürovorsteher Stanek: „Die Stimmung ist vergiftet. Heute ist eine Schusswaffe leichter zu vererben als ein Hund.” Die Rechtsexperten bezweifeln, ob ein Veterinär überhaupt „der richtige Mann zur Beurteilung der Dinge” ist. Aufgrund ihrer Ausbildung seien Tierverhaltensforscher die richtigen Leute. Stanek: „Ein geplatztes Abflussrohr lasse ich nicht von einem Feinmechaniker reparieren.”

dige

Autor:

Archiv-Artikel Siegener Zeitung aus Siegen

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