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Wie viel Raum braucht der Glaube?
Siegerland bei Entwidmungen ganz vorn

Die Christuskirche in der Eiserfelder Hengsbach wurde Neujahr 2019 entwidmet – die Vermarktung ist nach wie vor im Gang.
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  • Die Christuskirche in der Eiserfelder Hengsbach wurde Neujahr 2019 entwidmet – die Vermarktung ist nach wie vor im Gang.
  • Foto: Sarah Panthel
  • hochgeladen von Pascal Mlyniec (Redakteur)

ihm Netphen. Die schönste Siegerländer Fachwerkkapelle ist keine Gottesdienststätte mehr. Die SZ berichtete ausführlich über die Entwidmung des wunderschönen Kapellchens in Grissenbach. Auch in den Dorfkapellen von Nenkersdorf und Werthenbach kommen die Christen nicht mehr zusammen. Die Gottestdienste in den Netphener Dörfern Eckmannshausen, Herzhausen, Eschenbach, Afholderbach, Sohlbach, Beienbach und auch im Siegener Dorf Feuersbach seien gestrichen worden, kritisiert Manfred Schröder. Er ist Küster der St.-Peters-Kapelle in Netphen, die vom Petersplatzverein wieder aufgebaut wurde. Hier entfaltet sich Glaubensleben, der Zuspruch bei den vielen Veranstaltungen ist groß.

ihm Netphen. Die schönste Siegerländer Fachwerkkapelle ist keine Gottesdienststätte mehr. Die SZ berichtete ausführlich über die Entwidmung des wunderschönen Kapellchens in Grissenbach. Auch in den Dorfkapellen von Nenkersdorf und Werthenbach kommen die Christen nicht mehr zusammen. Die Gottestdienste in den Netphener Dörfern Eckmannshausen, Herzhausen, Eschenbach, Afholderbach, Sohlbach, Beienbach und auch im Siegener Dorf Feuersbach seien gestrichen worden, kritisiert Manfred Schröder. Er ist Küster der St.-Peters-Kapelle in Netphen, die vom Petersplatzverein wieder aufgebaut wurde. Hier entfaltet sich Glaubensleben, der Zuspruch bei den vielen Veranstaltungen ist groß.

„Während früher das calvinistisch-pietistische Siegerland als besonders frommer Landstrich bezeichnet wurde, ist man heute an vorderster Stelle in Westfalen bei der Schließung von Kirchen und Kapellen“, findet Schröder. In Nenkersdorf sei mit dem Verkauf der Kapelle der uralte Kapellenstandort begraben worden. „Warum die ca. 650 evangelischen Bürger im oberen Siegtal so still und ohne Eigeninitiative von ihren beiden Kapellen sich verabschiedeten, ist vielen ein Rätsel. Die rund 600 Katholiken in Grissenbach, Nenkersdorf und Walpersdorf haben weiterhin ihre Gotteshäuser zur Feier der Heiligen Messe.“

Zwei Argumente kaum zu widerlegen

Superintendent Peter-Thomas Stuberg sieht sich nicht als der große „Kirchen- und Kapellenschließer“. Man wolle das kirchliche Leben in den Dörfern nicht abschneiden, aber vor allem zwei Argumenten könnten sich die Gemeinden nicht verschließen: Zum einen den hohen Kosten, die die Vielzahl der Gebäude verursache. „In den 60er- und 70er-Jahren ist überall so viel gebaut worden, das können wir jetzt nicht alles halten.“ Die Landeskirche mache Vorgaben, was finanzielle Rückstellungen betreffe: „Das tut ja auch jeder Siegerländer Hausbesitzer.“ Dabei geht die Zahl der Gemeindeglieder zurück – von der Zahl der regelmäßigen Kirchgänger ganz zu schweigen.

Éntwidmet: die Kapelle in Nenkersdorf.

Zweites Argument: die dünne Personaldecke. Die Pastoren schaffen es einfach nicht mehr, an so vielen Orten sonntags zu predigen. Beispiel Netphen: In der zusammengeführten Kirchengemeinde Dreieinigkeit, die für ein riesiges Gebiet von Dreis-Tiefenbach über das gesamte Netpherland bis Rudersdorf zuständig ist, gibt es nur noch drei Pastoren.

Jede Entwidmung ist ein Verlust

„Die Kapelle im Dorf zu entwidmen, ist ein Verlust, gar keine Frage. So etwas gibt niemand leichtfertig auf“, sagte Stuberg. Hier habe Glaubensleben einen Ort gehabt, viele Erinnerungen und Erfahrungen seien damit verbunden. Aber: „Die Menschen sind ja auch viel mobiler geworden.“ Der Weg in den nächsten Ort zum Gottesdienst sei nicht mehr die große Barriere für die meisten. Älteren, weniger mobilen Gemeindegliedern müsse man ein Angebot machen, vielleicht mit einem Shuttle-Dienst.

Éntwidmet: die Kapelle in Werthenbach.

Lasst die Kirche im Dorf! Das ist nicht nur ein Hinweis auf die Gemeinschaft der Gläubigen, sondern auch eine Identitätsfrage. „Es mag sein, dass eine Kapelle auch zum Wir-Gefühl im Dorf beiträgt“, räumte Stuberg ein. Er ermutigt die Gemeinden, vielleicht durch Gottesdienste an anderen Stellen im Ort dieses Wir-Gefühl nicht aufzugeben. Wobei die Personalknappheit dieser Idee wohl Grenzen setzen wird.

"Ich möchte nicht als jemand in die Geschichte eingehen, der mit Freuden überall den Rotstift ansetzt."
Tim Winkel
Pfarrer

Theologisch hob Stuberg auf den Kern des Gottesdienstes ab: „Es geht um die Dignität des Augenblicks.“ Jesus selbst sagt es im Matthäus-Evangelium so: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Éntwidmet: die Kapelle in Grissenbach.

Der Deuzer Pfarrer Tim Winkel, der bei der Entwidmung der Grissenbacher Kapelle davon sprach, wie schmerzhaft dieser Schritt sei, „möchte nicht als jemand in die Geschichte eingehen, der mit Freuden überall den Rotstift ansetzt“. Aber es habe keine Alternative gegeben. Um so wichtiger ist Winkel, dass die zentralen Gottesdienste – in seinem Fall in der Deuzer Kirche – gut angenommen werden.
Es gibt einen Fahrdienst, und der Gottesdienst soll besonders einladend sein. Offenbar gelingt das: „Ich sehe, dass die Menschen aus den Dörfern in die Deuzer Kirche kommen.“

► Entwidmungen in der Ev. Kirche von Westfalen von 2015 bis 2020: Siegen (10), Dortmund und Münster (je 6), Paderborn (4), Arnsberg, Bochum, Hagen und Recklinghausen (je 3), Bielefeld, Soest/Arnsberg und Unna (je 2), Gütersloh, Halle, Hattingen-Witten, Iserlohn und Steinfurt-Coesfeld-Borken (je 1).

Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

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