SZ

Falschpositive Testergebnisse: Kein Besuch im Demenzhaus möglich
Ungewissheit zermürbt 63-Jährige

Birgit Naumann hält zu ihrem Mann Hans-Peter, der seit August im Demenzheim St. Anna in Netphen lebt. Der 68-Jährige kann sich nicht mehr artikulieren – um so mehr braucht er seine Frau, die spürt, was in ihm vorgeht.
  • Birgit Naumann hält zu ihrem Mann Hans-Peter, der seit August im Demenzheim St. Anna in Netphen lebt. Der 68-Jährige kann sich nicht mehr artikulieren – um so mehr braucht er seine Frau, die spürt, was in ihm vorgeht.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Sonja Schweisfurth (Redakteurin)

ihm Netphen. Mehrmals in der Woche besucht Birgit Naumann (63) ihren Mann im Haus St. Anna in Netphen. Das heißt – sie möchte ihn besuchen. Dreimal war schon Schluss, bevor sie überhaupt den Wohnbereich betreten konnte. Denn der Corona-Schnelltest bei Birgit Naumann schlug Alarm: positiv! Die Siegenerin musste kehrtmachen, ohne ihren Mann gesehen zu haben. Sofort vereinbarte sie einen PCR-Test beim Gesundheitsamt. Ergebnis: in allen Fällen negativ.
Was stimmt nicht mit den Tests, die in den Altenheimen gemacht werden? Sind sie unzuverlässig? Oder gibt es bei Birgit Naumann irgendwelche Besonderheiten, die den Test fälschlicherweise anschlagen lassen?
20 Minuten lang bangenFür Birgit Naumann war es jedes Mal ein Schock, als die Helfer vom DRK, die im Haus St.

ihm Netphen. Mehrmals in der Woche besucht Birgit Naumann (63) ihren Mann im Haus St. Anna in Netphen. Das heißt – sie möchte ihn besuchen. Dreimal war schon Schluss, bevor sie überhaupt den Wohnbereich betreten konnte. Denn der Corona-Schnelltest bei Birgit Naumann schlug Alarm: positiv! Die Siegenerin musste kehrtmachen, ohne ihren Mann gesehen zu haben. Sofort vereinbarte sie einen PCR-Test beim Gesundheitsamt. Ergebnis: in allen Fällen negativ.
Was stimmt nicht mit den Tests, die in den Altenheimen gemacht werden? Sind sie unzuverlässig? Oder gibt es bei Birgit Naumann irgendwelche Besonderheiten, die den Test fälschlicherweise anschlagen lassen?

20 Minuten lang bangen

Für Birgit Naumann war es jedes Mal ein Schock, als die Helfer vom DRK, die im Haus St. Anna die Tests durchführen, ihr die schlechte Nachricht brachten. Sie kommt mittlerweile schon mit einem sehr mulmigen Gefühl nach Netphen. Die 20 Minuten, die sie nach dem Abstrich auf das Ergebnis warten muss, vergehen quälend langsam. Vergangene Woche war ihr Mann gestürzt – unbedingt wollte sie zu ihm. Aber wieder war der Test positiv. Sie musste umkehren.
An der Test-Technik könne es nicht liegen, glaubt Birgit Naumann. Die Rotkreuzler führten die Tests mit aller Sorgfalt durch, „die gehen richtig tief in den Rachen, bis zum Zäpfchen“.

Was wäre, wenn?

Wenn das Wort „positiv“ wieder im Raum steht, ist nicht nur der Besuch geplatzt, sondern in Birgit Naumann steigen Ängste hoch. Was ist, wenn sie wirklich Corona hat? Hat sie ihren Mann beim letzten Besuch angesteckt? Wird sie schwer erkranken? Das Gedankenkarussell dreht sich immer schneller.
Bis zu dem Augenblick, wenn sie nach Tagen ihr Ergebnis vom Gesundheitsamt erfährt. Erleichterung pur. Aber dann: „Ich habe richtig Angst, jetzt wieder nach Netphen zum Test zu fahren ...“

Positiver Corona-Test schließt Besuch aus

Stephan Berres, Leiter des Hauses St. Anna, in dem demenzkranke Menschen leben, kann das gut verstehen. „Das ist wirklich seltsam. Aber wir können ja nicht anders reagieren, als Frau Naumann bei einem positiven Test wieder nach Hause zu schicken und das Gesundheitsamt zu informieren.“ Die Siegenerin habe ja auch schon etliche Tests mit negativem Ergebnis absolviert. „Wir können uns das einfach nicht erklären.“

Falschpositive Schnelltests selten

Im Gesundheitsamt kennt man den Fall Naumann. Falschpositive Schnelltests kämen vor, heißt es aus dem Kreishaus, „aber insgesamt ist das selten“. Das kann Birgit Naumann natürlich nicht trösten.
Das Robert-Koch-Institut hat eine Analyse zur Zuverlässigkeit der Antigen-Schnelltests veröffentlicht. Danach ist Birgit Naumanns Problem gar nicht so selten. Wenn in der Testgruppe nur wenige Corona-Infizierte sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines falschpositiven Testergebnisses hoch, sagen die Wissenschaftler.

Je weniger Infizierte desto eher falschpositives Ergebnis

In Zahlen: Sind nur fünf von 10.000 Getesteten tatsächlich infiziert, wird der Schnelltest statistisch 204 positive Ergebnisse bringen. 200 dieser positiv Getesteten sind aber in Wahrheit negativ. Anders ausgedrückt: Bekommt jemand ein positives Schnelltest-Ergebnis, zeigt das nur in 2 Prozent aller Fälle an, dass er wirklich infiziert ist.
Ganz anders sieht es aus, wenn die Tests in einer stark durchseuchten Gruppe vorgenommen werden. Sind 1000 der 10.000 Getesteten von Corona befallen. wird ein positiver Schnelltest in 82 Prozent der Fälle richtig sein.

Schreckliche Ungewissheit

Nun ist die Preisfrage: Wie viele Menschen sind im Kreisgebiet infiziert? Das weiß keiner, weil ja nicht flächendeckend getestet wird. Bekannt sind am Montag 250 Infizierte, das entspricht einer Quote von neun Menschen auf 10.000 Einwohner
Diese Zahlenspiele nützen Birgit Naumann allerdings nichts: „Es ist einfach schrecklich.“ Die Angst vor der Infektion, das Eingesperrtsein über Tage und die Trennung von ihrem Mann, der sie doch so nötig braucht – die falschen Schnelltests kosten die 63-Jährige viel zu viel Kraft.

Cola als Testkiller Ein österreichischer FPÖ-Politiker hat mit einem praktischen Versuch im Parlament die Aussagekraft von Antigen-Schnelltests infrage gestellt. Er trug Cola auf einen Teststreifen auf – und tatsächlich verfärbte sich dieser und zeigte sozusagen ein positives Testergebnis an. Ähnliche Versuche gab es schon mit Früchten: „Kiwi positiv auf Corona getestet“ hieß die Schlagzeile. Wissenschaftler haben solche Versuche inzwischen für untauglich erklärt. Die Säure in der Cola oder im Obst greife die Eiweißmoleküle auf dem Teststreifen an und spiegele falsche Ergebnisse vor. Im Nasen-Rachenraum aber, so heißt es, herrsche kein so saures Klima, es sei denn, der Proband habe sich vorher mit Cola die Nase gespült. Die Erklärung, dass man etwas „Falsches“ gegessen habe, scheide also zur Erklärung von falschpositiven Tests aus.
Autor:

Irene Hermann-Sobotka (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

10 folgen diesem Profil
ThemenweltenAnzeige

Tablet-Aktion der Siegener Zeitung
SZ-Abo abschließen und Tablet sichern

Mit einem Abo der Siegener Zeitung kommen Sie jetzt gleichzeitig auch an ein Tablet Ihrer Wahl. Immer und überall informiert mit dem E-Paper... lesen, wo ich will; ... über die Suchfunktion schnell finden, was mich interessiert; ... gleicher Inhalt in praktischer Form; ... mit Zoomfunktion. Jetzt exklusiv: die Tablet-Bundle-Aktion  Beinahe geschenkt: Erhalten Sie kostengünstig ein Tablet Ihrer Wahl bei Abschluss eines Abos der Siegener Zeitung. Möchten Sie Ihr neues Tablet gleich zum Lesen...

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen