Dr. Vidláková berichtet über ihre Zeit im KZ Theresienstadt
Aus Michaela wurde „Nummer 539“

Dr. Michaela Vidláková wurde als Sechsjährige mit ihrer Familie nach Theresienstadt deportiert.
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  • hochgeladen von Tim Lehmann (Redakteur)

roh Neunkirchen. Dr. Michaela Vidláková (geb. Lauscherova in Prag) saß selbstbewusst aufrecht und dabei heiter entspannt vorne im vollbesetzten Neunkirchener Otto-Reiffenrath-Haus. Sie vermittelte etwas von der Beharrlichkeit und Entschlossenheit, mit der sie ihr Leben meistert. Dabei durfte die 1936 in Prag geborene Jüdin nur zwei Jahre eine glückliche Kindheit verleben.

Nach der Annexion des Sudetenlandes und der "Rest-Tschechei" durch die deutsche Wehrmacht 1938/39 wurde alles anders. Im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren galten jetzt die Nürnberger Gesetze. Das Monstrum an diskriminierenden Ausgrenzungen, Verboten, Einschränkungen und Verfolgungen bestimmte fortan das Leben der Familie Lauscherova. „Da haben wir gelernt, wie wenig man wirklich braucht“, bemerkte Michaela. Im Dezember 1942 wurde die fast Sechsjährige mit ihren Eltern ins KZ Theresienstadt deportiert. Aus Michaela wurde Nummer 539.

60.000 Deportierte zusammen eingepfercht

50 Kilogramm an Hab und Gut durfte jeder mitnehmen, um damit für alle Fälle des Lebens ausgestattet zu sein. Die letzten zwei Kilometer zum Lager mussten mit der Last auf dem Rücken zu Fuß bewältigt werden. Als einziges Spielzeug nahm Michaela einen Holzhund in ihrem „Notfall-Rucksack“ (die Familie konnte ja getrennt werden) mit, der später ihrem Vater als Anschauungsobjekt im Lager half, als Zimmermann in der Holzwerkstatt tätig sein zu dürfen.

Die ehemalige Garnisonsstadt war für 8000 Menschen ausgelegt, aber mit nahezu 60 000 Deportierten vollgepfercht. Alles war voll mit Läusen und Flöhen. „In den zweieinhalb Jahren dort war ich niemals richtig satt, bin aber auch nicht verhungert“, so Michaela. Krankheiten waren an der Tagesordnung.

Sturm rettete den Vater vor Auschwitz

Zunächst wohnte Michaela in einer Baracke zusammen mit ihren Eltern, später im Kinderheim, verbrachte ein Jahr auf der Krankenstation, litt bei ihrer Einlieferung unter Scharlach, Masern, Thyphus, später unter Gelbsucht und einer Herzmuskelentzündung. Ihre Robustheit brachte sie durch. Arzneimittel gab es nicht. Briefe an die Eltern wurden mit Bügeln desinfiziert.

Im Oktober 1944 sollte ihr Vater zum Arbeitseinsatz nach Auschwitz. Durch einen Sturm abgedeckte Dächer benötigten aber die Arbeitskraft des Vaters vor Ort. Der letzte Zug von Theresienstadt ins Vernichtungslager fuhr ohne die Lauscherovas ab.

Tun Sie etwas für ihren Bruder Mensch!

Ende Mai 1945, nach der Befreiung durch die Rote Armee, kehrte die Familie nach Prag zurück. Dr. Michaela Vidláková studierte später Biologie und Chemie. Der Pragerin, die in ihrem Leben nie den Kopf in den Sand steckte, ist es wichtig, dass das Wissen der Menschen über Antisemitismus und Rassismus nie versickert. „Man darf nicht nur erinnern. Schweigen Sie nicht und schauen Sie auch nicht weg. Tun Sie etwas für ihren Bruder (und ihre Schwester) Mensch!“, proklamierte die mutige und geradlinige 83-jährigen Tschechin.

Betroffenes Schweigen am Ende einer Veranstaltung, die Hans- Jürgen Möller vom Veranstalter, der Neunkirchener SPD, zusammen mit Jessica Grindel von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Siegerland, einleitete. Gestern erinnerte Vidláková auch im Pfarrheim St. Marien in Siegen an die Deportation und Greueltaten der Nazis.

Autor:

Rolf Henrichs (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

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