Ostdeutsche Heimatstube erinnert an Flucht und Vertreibung
Gegen das Vergessen

Norbert Gorlt pflegt, sortiert und katalogisiert die Exponate in den Räumlichkeiten, die die Gemeinde Neunkirchen zur Verfügung stellt.
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  • Norbert Gorlt pflegt, sortiert und katalogisiert die Exponate in den Räumlichkeiten, die die Gemeinde Neunkirchen zur Verfügung stellt.
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sp Neunkirchen. Dietrich Bonhoeffer, Rainer Maria Rilke, Käthe Kruse und Janosch. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Sie wurden in Schlesien geboren. Daran erinnert die Ostdeutsche Heimatstube in Neunkirchen. Mithilfe dieser Persönlichkeiten will das Museum auch jüngere Generationen erreichen, sagt Norbert Gorlt, der sich als Vorsitzender des Bundes der Vertriebenen (BdV) Freier Grund für das Museum einsetzt. Er muss zugeben, dass der Begriff „Ostdeutsche“ Heimatstube missverständlich ist. Heute würde mehr an die ehemalige DDR gedacht und nicht an die Gebiete, die einst deutsch waren und heute polnisch sind.

Seit 1976 ist das Museum in Neunkirchen

Vor 60 Jahren, im November 1959, eröffnete die Ostdeutsche Heimatstube – die erste im Kreis Siegen – in der Burbacher Ortsmitte. Ein Umzug nach Neunkirchen-Salchendorf folgte 1962. Zum einen, weil in Burbach Eigenbedarf angemeldet worden war, und zum anderen waren die Räumlichkeiten zu klein geworden. 1976 zog die Heimatstube aufgrund des Abrisses der Alten Schule nach Neunkirchen um, in das Gebäude am „Leyhof 2“, das im Besitz der Gemeinde ist.

Jeden zweiten Sonntag im Monat öffnet Norbert Gorlt dort die Türen. Er ist es auch, der die Räume und die Exponate in Schuss hält und (um-)sortiert, damit „nicht ewig das gleiche Bild zu sehen ist“. Zudem hat er es sich zur Aufgabe gemacht, den Bestand zu katalogisieren. „Ich versuche, das peu à peu zu erfassen, mache Bilder und eine Excel-Datei“, sagt er. Das sei lange Zeit vernachlässigt und alles einfach so angenommen worden. Die meisten Ausstellungsstücke stammen aus Privatbesitz, einige Exponate kommen von anderen BdV-Gruppen oder wurden von Gorlt im Internet gefunden, etwa alte Reiseführer.

Exponate erinnern an Wut, Trauer und Enttäuschung

Zu sehen ist ein buntes Sammelsurium: Geschirr, Trachten, Bücher, Haushaltsgegenstände, Typisches aus den Regionen, aus denen die Deutschen flüchteten oder nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden. Landkarten auf der Wand zeigen, um welche Gebiete es sich handelt: Ostpreußen, Sudetenland, Oberschlesien, Schlesien, Posen-Westpreußen, Pommern, Danzig.

Der Vorsitzende des BdV Freier Grund ist beeindruckt von dem Alter mancher Ausstellungsstücke, „die sind teilweise 100 Jahre alt“. Fotos, Schriften und Gedichte zeigen persönliche Schicksale, wie sehr die Menschen ihre Heimat vermissten, Wut, Trauer und Enttäuschung empfanden. Der Verlust wird beispielsweise deutlich, wenn man das kleine Gläschen mit Erde sieht, das in einer der Vitrinen steht. „Das wurde mitgenommen, zu einer Zeit, in der man noch nicht rüber durfte.“ Wegen des Eisernen Vorhangs war es den Vertriebenen für lange Zeit kaum möglich, ihr Zuhause noch einmal zu sehen. Die Erde – ein Symbol für das, was sie verloren hatten, ihren Grund und Boden.

Gorlt hat viele Ideen für die Heimatstube, die er gerne umsetzen würde, aber dafür fehlt dem Berufstätigen oft die Zeit. Im Moment arbeitet er an einer kleinen Sonderausstellung zum Autor und Dichter Richard Schiedel. Er ist in Breslau geboren, kam bei einer schlesischen Familie unter, ist später nach Altenseelbach gezogen. Die Beziehung zu den Orten, an denen der Schriftsteller gelebt hat, will Gorlt hervorheben.

Nur noch wenig Schulklassen zu Besuch 

Sehr unterschiedliche Menschen besuchen das Museum, oft ältere, gebürtige Schlesier oder Kinder von Heimatvertriebenen. Die Generation, die das erlebt hat, sterbe aus, sagt Gorlt. Er selbst hat noch einen persönlichen Bezug: Sein Vater kam aus Schlesien, seine Mutter aus dem Sudetenland.

„Manchmal kommen Spaziergänger hier spontan vorbei“, erzählt Gorlt. Sie erinnern sich dann daran, dass Familienmitglieder aus Schlesien kamen. Sie überlegten oft, wie der Ort hieß, aus dem ihre Verwandten kamen, so Gorlt. „Die Verweildauer ist recht lange hier.“ Nur noch selten aber kämen Schulklassen zu Besuch, was er bedauert. Er hofft, dass die Vertreibung und Flucht der Menschen aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie wieder mehr zum Thema gemacht werden und nicht in Vergessenheit geraten.

Autor:

Sarah Panthel (Redakteurin) aus Siegen

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