Filmreifes Drama

Dramatisches Tauziehen in den USA um ein afghanisches Baby

Die US-Flagge weht über dem US-Kapitol.

Die US-Flagge weht über dem US-Kapitol.

New York. Afghanische Eheleute, die als Flüchtlinge in die Vereinigten Staaten kamen, haben einen US-Marineinfanteristen und dessen Frau vor einem Bundesgericht wegen Entführung ihres Kindes verklagt. Die Kleine ist inzwischen dreieinhalb Jahre alt. Schon mehrere juristische Instanzen haben sich mit ihrem Fall beschäftigt, und gleich drei US-Ministerien - Justiz, Verteidigung und das Außenamt - sind involviert.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Mädchen war als Baby nach einer Militäroperation von US-Spezialeinheiten in Afghanistan aus den Trümmern eines Hauses gezogen worden, seine leiblichen Eltern und fünf Geschwister kamen ums Leben. Nach monatelanger Behandlung in einem US-Militärkrankenhaus in ihrer Heimat lebte die Kleine bei jungen afghanischen Eheleuten, die vom Roten Kreuz und afghanischen Behörden als ihre Verwandten identifiziert worden waren.

Das Paar hat das Bundesgericht gebeten, ihre Namen zurückzuhalten, aus Rücksicht auf die Sicherheit von Angehörigen daheim in Afghanistan. Mit der Nachrichtenagentur AP kommunizierte es unter der Bedingung, anonym zu bleiben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Was die beiden Afghanen, so heißt es in Gerichtspapieren, seinerzeit nicht wussten: Ein vorübergehend in Afghanistan stationierter Anwalt der US-Marines, Joshua Mast, erfuhr von dem Mädchen, während es noch im Krankenhaus behandelt wurde. Er und seine Frau daheim im US-Staat Virginia fühlten sich verpflichtet, das Baby zu adoptieren, was Mast als christliche Tat bezeichnete.

Während Behörden in Afghanistan nach Verwandten des Mädchens suchten, argumentierte er - vertreten von seinem Bruder Richard Mast - vor einem staatlichen Bezirksgericht in Virginia, dass das Baby eine „staatenlose Kriegswaise“ sei, wie aus Dokumenten im Verfahren hervorgeht. Sie versicherten, dass der afghanische Präsident Aschraf Ghani vorhabe, innerhalb von Tagen persönlich eine Bescheinigung auszustellen, nach der Afghanistan auf die gerichtliche Zuständigkeit in diesem Rechtsfall verzichte.

Mast und seiner Frau Stephanie erhielten daraufhin das Sorgerecht  für das Mädchen, in einer Geburtsurkunde wurden sie als Vormunde aufgeführt. Die angebliche Bescheinigung von Ghani traf nie ein, und ein Topmitarbeiter des Präsidenten sagte der AP kürzlich, es gebe keine Aufzeichnungen über irgendeine Kommunikationen zu diesem Thema. Ohnehin müsse ein derartiges Ersuchen von den Gerichten selbst entschieden werden, was nicht geschehen sei. Und: Nach islamischen Gesetz dürften afghanische Babys nicht von Leuten adoptiert werden, die keine Muslime seien.

Ungeachtet dessen und mit Dokumenten über ihre Vormundschaft ausgestattet wandten sich die Masts an ein Bundesgericht in Virginia, um die US-Regierung daran zu hindern, das Kind dem afghanischen Paar zu übergeben. Das Justizministerium in Washington griff ein und argumentierte, dass die Entscheidung des staatlichen Gerichts in Virginia zur Vormundschaft ungültig sei. Die Bundesinstanz lehnte es ab, sich einzuschalten, und die afghanischen Verwandten erhielten das Baby.

Sie weinten vor Freude, als sie das inzwischen sieben Monate alte Kind in die Arme nehmen konnten. „Es war der beste Tag unseres Lebens“, schildert der junge Afghane. In den nächsten zwei Jahren genossen die Beiden in Afghanistan ihr Familienleben, das Zusammensein mit ihrem kleinen Mädchen. „Sie liebte es, ihre neuen Kleider vorzuzeigen. (...) Wann immer ich MakeUp aufgelegt oder mein Haar gebürstet habe, wollte sie es für mich tun“, erzählt die Afghanin.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In den fernen USA trieben Joshua und Stephanie Mast derweil die Adoption des Mädchens voran, gaben ihm in Papieren für die Prozeduren bei einem staatlichen Gericht sogar einen westlichen Namen, obwohl die Kleine in Afghanistan blieb. Sie brachten die Adoption unter Dach und Fach, schlossen eine Krankenversicherung für das Kind ab und vereinbarten sogar einen Termin bei einem Kinderarzt.

Mast blieb mit Hilfe einer Drittperson in Kontakt mit dem afghanischen Paar und bot ihm laut Gerichtsunterlagen an, das Kind zur medizinischen Versorgung in die USA zu bringen. Die Afghanen sagten Mast, dass die Reise zu anstrengend wäre. Das alles änderte sich im Sommer vergangenen Jahres, als die USA ihre letzten noch verbliebenen Truppen aus Afghanistan abzogen. Vor dem Hintergrund ausbrechender Gewalt, von Chaos und Unsicherheit nahmen die afghanischen Eheleute Gerichtspapieren zufolge eine neue Offerte von Mast an, sie und das Kind in die USA zu evakuieren.

What’s up, America?

Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den amerikanischen Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur - immer dienstags.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Als sie erschöpft auf dem Flughafen in Washington eintrafen, waren sie nach eigenen Angaben völlig überrascht, als Mast bei den Einreiseprozeduren einen afghanischen Pass für das Mädchen vorzeigte. Was sie aber wirklich schockte, war der Nachname des Kindes, der im Dokument genannt wurde: Mast.

Sie wussten da noch nicht, dass sie ihre Kleine bald verlieren würden. Nur ein paar Tage später, so sagen sie, als sie auf einem Stützpunkt der US-Nationalgarde mit den Prozeduren zur Neuansiedlung begonnen hätten, sei Mast ihnen gegenübergetreten, habe das Mädchen - damals zweieinhalb Jahre alt - genommen und sei mit ihm weggefahren.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Masts beharren in Gerichtspapieren darauf, dass sie die legalen Eltern des Kindes seien und „bewunderungswürdig gehandelt“ hätten, um es zu schützen. Sie haben beantragt, dass die gerichtliche Klage der Afghanen abgewiesen wird, argumentieren, dass Letztere nicht die „rechtmäßigen Eltern“ seien. Masts Anwalt hat sogar in Frage gestellt, dass die Afghanen überhaupt mit dem Mädchen verwandt seien.

Aber das afghanische Paar gibt nicht auf. „Seit sie uns weggenommen wurde, haben unsere Tränen nie aufgehört“, sagte die Frau der AP. „Zurzeit sind wir nur tote Körper. Unsere Herzen sind gebrochen. Wir haben keine Pläne für eine Zukunft ohne sie. Essen hat keinen Geschmack, und Schlaf gibt uns keine Erholung.“

RND/AP

Mehr aus Panorama

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen