SZ

Posaunenchöre im Siegerland: Geschichte von Krisen und Chancen
Allein zum Lobe Gottes

Eine der ältesten erhaltenen Fotografien mit Posaunenchorbläsern im Siegerland zeigt den 1892 gegründeten Posaunenchor im ev. Jünglingsverein Dreis-Tiefenbach.
6Bilder
  • Eine der ältesten erhaltenen Fotografien mit Posaunenchorbläsern im Siegerland zeigt den 1892 gegründeten Posaunenchor im ev. Jünglingsverein Dreis-Tiefenbach.
  • Foto: Sammlung Hans-Joachim Braach
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

bst Siegen. Die Geschichte der Siegerländer Posaunenchor-Bewegung beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert: Seit dem Spätherbst 1879 ließen sich acht junge Männer des Evangelischen Jünglingsvereins Weidenau bei einem Militärmusiker an Blechblasinstrumenten ausbilden. So entstand vor rund 140 Jahren der erste Posaunenchor des Siegerlandes. Der erste Posaunenchor in Westfalen war bereits 1843 gegründet worden: In Jöllenbeck nahe Bielefeld im Ravensberger Land hatte der 1838 entstandene Jünglingsverein (der wahrscheinlich allererste in Deutschland) ein Blechbläserensemble gegründet. Die wirtschaftliche Lage in den 1840er-Jahren ging mit weit verbreiteter Armut einher, viele darunter Leidende suchten ihr Glück in Nord- und Südamerika. Andere suchten Trost und Hoffnung im christlichen Glauben.

bst Siegen. Die Geschichte der Siegerländer Posaunenchor-Bewegung beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert: Seit dem Spätherbst 1879 ließen sich acht junge Männer des Evangelischen Jünglingsvereins Weidenau bei einem Militärmusiker an Blechblasinstrumenten ausbilden. So entstand vor rund 140 Jahren der erste Posaunenchor des Siegerlandes. Der erste Posaunenchor in Westfalen war bereits 1843 gegründet worden: In Jöllenbeck nahe Bielefeld im Ravensberger Land hatte der 1838 entstandene Jünglingsverein (der wahrscheinlich allererste in Deutschland) ein Blechbläserensemble gegründet. Die wirtschaftliche Lage in den 1840er-Jahren ging mit weit verbreiteter Armut einher, viele darunter Leidende suchten ihr Glück in Nord- und Südamerika. Andere suchten Trost und Hoffnung im christlichen Glauben. Im Zuge der pietistischen Erweckungsbewegung wuchsen christliche Gemeinden, ihre Kirchen erwiesen sich bald als zu klein, so dass Freiluft-Gottesdienste immer beliebter wurden. Vom Ravensberger Land ausgehend kam es in ganz Westfalen und im Bergischen Land zu weiteren Posaunenchor-Gründungen. Seit den 1880er-Jahren erfolgten auch im Siegerland weitere Gründungen der mitunter als „Allwetter-Freiluft-Orgeln“ bezeichneten Posaunenchöre. Erstmals trafen sich einige von ihnen 1893 zu gemeinsamen Aktionen, die später als Posaunenfeste immer beliebter wurden. 1898 schlossen sie sich zur „Siegerländer Posaunenvereinigung“ zusammen.

"Posaunengeneral" Johannes Kuhlo prägte Bewegung

Die musikalische Entwicklung der neuen Bewegung wurde durch Pfarrer D. theol. Johannes Kuhlo (geboren 1856 Löhne, gestorben 1941 Bielefeld) maßgeblich geprägt. 1892 bis 1922 stand er der Diakonenanstalt Nazareth der Von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel vor, verschrieb sich ab 1926 als Reichsposaunenwart ganz der „musica sacra“ und wurde oft als „Posaunengeneral“ bezeichnet. Kuhlo hatte sich aufgrund seiner Ensembleleitungserfahrung während seiner Schulzeit an einem Güterloher Gymnasium für die Notendarstellung in „Klavierschreibweise“ entschieden. Auch transponierende Blechblasinstrumente wie Trompeten, Flügel-, Wald-, Tenor- und Baritonhörner ließ er von klingend notierten Spielpartituren blasen. Das trug erheblich zur Vereinfachung der Notenbeschaffung und -aufbewahrung bei, und, so Kuhlo 1930 in „Posaunenfragen“, die Bläser „können nicht ohne Weiteres in allerlei Musikkapellen eintreten und bleiben damit von manchem bewahrt“.Neben seinem jahrzehntelangen höchst verdienstvollen Engagement für die Posaunenchor-Bewegung steht Johannes Kuhlo leider auch für den Riss, der sich ab 1933 durch die gesamte deutsche evangelische Christenheit zog – zwischen NS-nahen Deutschen Christen (ab 1932) und der vom Reichsbischof nach dem Führerprinzip geleiteten Ev. Kirche (ab 1933) und andererseits dem NS-kritischen Pfarrernotbund (1933) und der 1934 daraus entstandenen Bekennenden Kirche.

Widerstand durch die Bekennende Kirche

Im Zuge der „Gleichschaltung“ mussten die Posaunenchöre 1934 die Jungmännerbünde verlassen, sich zum „Verband evangelischer Posaunenchöre Deutschlands“ (VePD) zusammenschließen und der Reichsmusikkammer beitreten. Während sich in Bethel Kuhlos Nachfolger gegen die verordnete Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ und „erbkranken Nachwuchses“ wehrte, hielt NSDAP-Mitglied (seit 1933) Kuhlo an seiner Verehrung des Führers fest: Gott „schütze fernerhin unsern geliebten Führer und gebe uns bald den Endsieg“, schrieb er im September 1940, ein halbes Jahr vor seinem Ableben. Auch unter Posaunenchormitgliedern bestand die Diskrepanz zwischen der Verehrung für Kuhlo und seine nationalsozialistischen Überzeugungen und widerständischen Positionen der Bekennenden Kirche. Politikfern wollten die Siegerländer Chöre allein zum Lob Gottes wirken; aber die NS-Vernichtungs-Politik ließ sich nicht außen vor halten.Nichts darüber findet sich in offen zugänglichen Darstellungen der Geschichte Siegerländer Posaunenchöre. Lediglich in der Jubiläumsschrift „100 Jahre Posaunenverband Siegerland“ hat Hans-Joachim Braach, Kreischorleiter von 1971 bis 1986, 1998 seine Forschungsergebnisse zu dieser Zeit dargelegt: Klug agierende Posaunenchorleiter wehrten sich erfolgreich gegen Verbote durch die NS-Herrschaft in Westfalen. Die Siegerländer Posaunenchöre konnten wenigstens im kirchlichen Raum überleben, kleinere Chöre mussten ihre Dienste aber schließlich aufgeben, weil immer mehr Mitglieder Kriegsdienst leisten mussten. Dennoch konnte noch am 9. Juli 1944 ein Kreisposaunenfest in der ev. Kirche Dreis-Tiefenbach stattfinden.

Zwei Weltkriege trafen auch die Posaunenchöre

Beide Weltkriege waren auch für die Siegerländer Posaunenchöre höchst verlustreich. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sie sich nur langsam bis zum Beginn der NS-Diktatur erholt. 1945 waren 119 Bläser gefallen, 159 wurden vermisst, es mangelte an Instrumenten, und trotzdem gab es ab 1946 wieder Posaunenfeste. 1947 waren schon insgesamt 1025 Bläser in den Chören der „Kreisverbindung Siegerländer Posaunenchöre” aktiv, die sich nun wieder dem CVJM angegliederte und unter dessen Dach in „Posaunenverband Siegerland” umbenannte. Seither wirken die einzelnen Posaunenchöre innerhalb der örtlichen CVJM-Gruppierungen. Allmählich wurden auch Bläserinnen akzeptiert, deren Zahl stetig wuchs und weiter ansteigt. Heute umfasst der Posaunenverband Siegerland über 50 Chöre und kann aufgrund der höchst effizienten örtlichen wie überörtlichen Bläserausbildung und -weiterbildung zuversichtlich in die Zukunft blicken. In der 1949 gegründeten Bundesrepublik gehörten die Posaunenchöre teilweise (wieder) dem CVJM an, zum anderen Teil dem Posaunenwerk als VePD-Nachfolger. Das Nebeneinander beider Dachverbände konnte erst nach der Wiedervereinigung überwunden werden, wofür sich seitens der westfälischen Posaunenchöre Hans-Joachim Braach als Verhandlungsführer des CVJM-Westbundes erfolgreich engagiert hat mit dem Ergebnis, dass seither beide Verbände im „Evangelischen Posaunendienst in Deutschland“ eng kooperieren.

Qualifizierende Maßnahmen

Neue Herausforderungen erfordern fortlaufend kreative Lösungen: Um dem drohenden Mangel an Chorleitern zu begegnen, initiierte für den Posaunenverband Siegerland sein 2018 verstorbener stellv. Kreischorleiter Ingo Gieseler 2003 eine mehrtägige Maßnahme zur Mitarbeiter- und Chorleiterqualifizierung, die seither jeweils am Jahresanfang mit großem Zuspruch stattfindet.

Musikalische Bildung

Diverse Auswahlensembles bieten musikalische Weiterentwicklungsmöglichkeiten, z. B. können sich junge Bläser im Ensemble Junior Brass erproben, etliche Chorleiter wirken in den sich hohen musikalischen Ansprüchen stellenden Ensembles pro musica sacra (seit 1979) und pian e forte (seit 1984) mit.

"Lobet den Herrn mit Posaunen"

Die Bläsersenioren treffen sich seit 1998 regelmäßig zu Proben und zum gemeinsamen Kaffeetrinken.Die über 50 im Posaunenverband Siegerland vereinten Chöre sind und bleiben fest ins kulturelle Leben ihrer Ortschaften eingebunden. „Gemeinschaft erleben und Gott loben bleiben die tragenden Säulen in der Ausrichtung dieser ehrenamtlichen Arbeit, der sich Menschen im Alter von sechs bis 100 Jahren widmen“, betont Verbandsvorsitzender Markus Gräf. Psalm 150 drückt diesen zeitlosen Auftrag so aus: „ Lobet den Herrn (…) mit Posaunen. (…) Alles, was Odem hat, lobe den Herrn.“

Autor:

Bernd Sensenschmidt (Freier Mitarbeiter) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
ThemenweltenAnzeige

Spar-Abo der Siegener Zeitung
Schnell abonnieren und bares Geld sparen!

Das Abonnement der Siegener Zeitung ist der bequemste Weg, um jeden Morgen die wichtigsten Nachrichten aus Siegen, dem Siegerland, Wittgenstein, Altenkirchen und Olpe zu in kompakter Form zu lesen ‒ als gedruckte Zeitung direkt aus dem Briefkasten oder als digitale Version in Form eines E-Papers. Das E-Paper lesen Sie bequem am PC oder ganz mobil mit unserer App für Android und Apple. Schnell Abo buchen und bares Geld sparenSchnell sein lohnt sich jetzt, denn je früher Sie bestellen, desto mehr...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen