Nachhaltig beeindruckend: Begegnung mit „Jedermann“ und dem Schauspiel „Jugend ohne Gott“ / Reiseskizzen aus dem Sommer 2019
Auch eine Festspiel-Premiere

Gnadenlos gut: Jörg Hartmann (vorn) in „Jugend ohne Gott“. Im Hintergrund: Lukas Turtur und Alina Stiegler.
  • Gnadenlos gut: Jörg Hartmann (vorn) in „Jugend ohne Gott“. Im Hintergrund: Lukas Turtur und Alina Stiegler.
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ciu Salzburg. Im Sommer 2019 empfängt uns Salzburg mit Regen. Glaubt man Erich Kästners „kleinem Grenzverkehr“, dann ist dieses Wetter durchaus ortsüblich. Weshalb wir wenig überrascht und kaum enttäuscht darüber sind, dass unsere Festspielpremiere – drei Tage, drei Vorstellungen – eben nicht auf dem Domplatz stattfindet, sondern im repräsentativen Großen Festspielhaus. Vom „Jedermann“, Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“, kannte ich bis dahin kaum mehr als diesen etwas schaurigen Ruf nach dem „Jeeedermaaannn!!!“. Und wusste, dass die Schauspielerinnen wohl zu allen Zeiten der nun 100-jährigen Festspielgeschichte um die Besetzung der Buhlschaft buhl(t)en. Ich hatte etwas verpasst.
Denn die Erzählung vom reichen Mann, der lernen muss zu sterben und erkennen muss, was wahr und wichtig ist, packt, verstört und ergreift. Sobald das Spiel beginnt, wird der herausgeputzte Prolog des Sehens und Gesehen-Werdens in der Hofstallgasse und im prächtig gestalteten Foyer nichtig. Das Publikum macht Staat, zeigt große Roben, feinste Tracht und Glitzerschmuck – und konterkariert damit in gewisser Hinsicht die „Moral von der Geschicht‘“ …

Jedermann: Vom Großkotz zum Tiefpunkt des Seins

Es ist absolut beeindruckend mitzuerleben, welche Wandlung der Jedermann nimmt: vom Großkotz zum wimmernden Nichts, um vom Tiefpunkt seines Seins zum geläuterten Menschenkind zu werden. Wir finden Tobias Moretti in der Hauptrolle enorm und stark auch Peter Lohmeyer, der sich als androgyn auftretender Tod am Ende (hier spielt die Musik einen wunderschönen Choral) mit dem Jedermann vermählt. Ein Stück zum Wieder-und-wieder-Anschauen, beim nächsten Mal auf dem Platz vor dem Dom?!

Horváths Krimi über die Moral

Drückende Schwüle am zweiten Festspieltag, der uns nach manch Obligatem (Festung, Altstadt, Sachertorte) ins Landestheater am Makartplatz führt, in eine Aufführung von Ödön von Horváths forderndem Schauspiel „Jugend ohne Gott“, ein wie ein Krimi angelegtes Stück über Moral, Verantwortung, das Gute und das Böse, Kälte und Wärme. Die Inszenierung von Thomas Ostermeier setzt auf Licht und Schatten und Mehrdimensionalitäten, die sich sowohl in bühnenbildnerischen Effekten als auch in dem ständigen Wechsel der Rollenbesetzungen zeigt.
Allein der Lehrer, der versucht, seine aufrechte Haltung zu wahren, bleibt in der Darstellung klar: Jörg Hartmann gibt diesen dann doch zwiespältigen Charakter gnadenlos gut. Wegen der Wucht des Gebotenen (ein wenig aber auch wegen der recht bedrückenden Enge auf dem Balkon des traditionsreichen, denkmalgeschützten und damit kaum klimatisierten Hauses) stimmen wir nach über zwei Non-Stop-Stunden Zuschauens erleichtert in den Schlussapplaus ein – gehen ins Freie und noch einmal in die Getreidegasse.

Merkel in Salzburg

Wie schön, dass Salzburg Berge hat! Und so läuten unseren dritten Festspieltag gleich zwei Aussichtspromenaden ein: entlang der Mauer des Kapuzinerbergs und über den Mönchsberg. Am Abend warten die Wiener Philharmoniker auf uns – aber vielleicht mehr noch auf eine prominentere Gästin aus Deutschland. Denn die Bundeskanzlerin hat sich zum Besuch des Konzerts mit Musik von Wagner, Strauss und Schostakowitsch angekündigt. Wir lesen in den „Salzburger Nachrichten“ davon und halten natürlich die Augen auf.
Erst als wir längst in den hinteren Reihen des Festspielhauses sitzen, betreten Angela Merkel und ihr Ehemann, Joachim Sauer, den Saal. Vergnügt (in diesem Jahr, in dem viel über „Merkels Zittern“ berichtet wird) und ohne Aufhebens. Nur ein Bruchteil der über 2000 Menschen im Raum wird etwas bemerkt haben, zumal das Paar aus Hohenwalde und Berlin das Blitzlichtgewitter vor dem Gebäude umgeht: Die dunklen Limousinen fahren schnurstracks in den abgeriegelten Hof.
Unerwartet treffen wir tags darauf gegen Mittag auf den Intendanten der Salzburger Festspiele. Wir gehen zu Fuß nach Hellbrunn, Markus Hinterhäuser rastet vor dem „Fasties“ an der Pfeifergasse. Wir halten diesen doch eher flüchtigen Moment in den Reiseskizzen fest.

Begegnung mit Musik

Später kommt es zu einer unmittelbaren Begegnung. Klavierklänge locken uns von der langen Allee, die aus der Stadt nach Süden führt, ins Schloss Frohnburg. Hier beherbergt das Mozarteum Musikstudierende aus aller Welt. Ich komme mit einem Pianisten aus Frankreich ins Gespräch, der an der Sommerschule an einer Meisterklasse teilnimmt. Im Schloss kann er wohnen, essen – und üben. Mit ihm seien etliche Studentinnen und Studenten aus Asien in dieser stattlichen Residenz untergebracht, manche kämen aus Russland, und einen habe er getroffen, der aus Argentinien nach Österreich gereist sei.
Klar, sagt der junge Musiker, würde er zur Festspielzeit gerne auch ein Festspielkonzert besuchen, am liebsten eines mit Daniel Barenboim und dem West-Eastern Divan Orchestra. Wenn es noch Karten gebe, zumal solche mit Studierendenrabatt. Wir wünschen ihm Glück und machen uns auf den Weg. Im Ohr bleibt: Musik. Claudia Irle-Utsch

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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