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Premiere der „Dschungel-Trilogie“ im Apollo-Theater
Auch Greta Thunberg spielt eine Rolle

Allgemeine Ratlosigkeit: Sahib Schöngeist (Johannes Fast, 2. v. l.) wird das Land verlassen. Als Nachfolger in seinem Amt für Dschungelschutz und Waldwirtschaft sieht er Mogli (Mark H. Mühlemann, r.). Doch der zögert … Das nehmen auch seine Frau Messua (Samira Vinciguerra) und der Dorfvorsteher (Pascal Averibou) wahr.
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  • Allgemeine Ratlosigkeit: Sahib Schöngeist (Johannes Fast, 2. v. l.) wird das Land verlassen. Als Nachfolger in seinem Amt für Dschungelschutz und Waldwirtschaft sieht er Mogli (Mark H. Mühlemann, r.). Doch der zögert … Das nehmen auch seine Frau Messua (Samira Vinciguerra) und der Dorfvorsteher (Pascal Averibou) wahr.
  • Foto: Claudia Irle-Utsch
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

Die "Dschungel-Trilogie" in der Fassung von Magnus Reitschuster hatte im Apollo-Theater Siegen Uraufführung. Regie: Jürg Schlachter.
ciu Siegen. „Well …“, sagt der Engländer. Um dann Dinge, Sachverhalte, Beobachtungen zu benennen, die so gar nicht gut sind. Was geordnet schien, ist in Unordnung geraten, und nun muss er auch noch davon. Die Zeit ist um: für die britische Kolonialmacht (Gandhi sei Dank!) und damit auch für Sahib Schöngeist, den Mann der Worte und des Stils, doch blind mitunter für die Wahrheit, denn zu sehr ist er seiner Zeit, der Sicht der Mächtigen verhaftet. „Nun gilt es meine Nachfolge zu regeln“, hebt er, noch Leiter des Amts für Dschungelschutz und Waldwirtschaft, an – um bald zu erkennen, dass dieser Akt viel mehr als nur Formsache ist.

Die "Dschungel-Trilogie" in der Fassung von Magnus Reitschuster hatte im Apollo-Theater Siegen Uraufführung. Regie: Jürg Schlachter.
ciu Siegen. „Well …“, sagt der Engländer. Um dann Dinge, Sachverhalte, Beobachtungen zu benennen, die so gar nicht gut sind. Was geordnet schien, ist in Unordnung geraten, und nun muss er auch noch davon. Die Zeit ist um: für die britische Kolonialmacht (Gandhi sei Dank!) und damit auch für Sahib Schöngeist, den Mann der Worte und des Stils, doch blind mitunter für die Wahrheit, denn zu sehr ist er seiner Zeit, der Sicht der Mächtigen verhaftet. „Nun gilt es meine Nachfolge zu regeln“, hebt er, noch Leiter des Amts für Dschungelschutz und Waldwirtschaft, an – um bald zu erkennen, dass dieser Akt viel mehr als nur Formsache ist.Sein Favorit, das einstige Dschungelkind Mogli, lässt sich bei denen, die im Dorf das Sagen haben, nicht durchsetzen. Holzfäller und Bauern wünschen sich Buldeo, den Großjäger, als Bestimmer. Aus dem Konflikt wird ein Streit, ein Kampf, ein Krieg, den am Ende niemand gewinnt. Zu komplex sind die Verflechtungen von wirtschaftlichen Interessen, persönlichen Beweggründen und schmerzhaften Verletzungen, als dass sich eine globale Lösung für Zivilisation und (!) Wildnis abzeichnen könnte. Weshalb die Chance am Ende dort liegt, wo Einzelne handeln – wie der Dorfvorsteher, der sich weder auf die eine noch auf die andere Seite schlägt, sondern strikt das Wohl der ihm Anvertrauten achtet. „Das Schulhaus muss gebaut werden“, sagt er, wissend, das Bildung (wenn nicht missbraucht) durchaus ein Anfang hin zum Besseren sein kann.

Klassiker "Dschungelbuch" wird weitererzählt

Wer am Samstag im Siegener Apollo-Theater die Premiere der „Dschungel-Trilogie“ gesehen hat, wird nach zweieinviertel Stunden möglicherweise mit jeder Menge Stoff zum Nachdenken in den Abend, die Nacht gegangen sein. In drei Teilen hat Magnus Reitschuster, Intendant des Hauses, die bekannte „Dschungelbuch“-Geschichte von Rudyard Kipling (1865–1936) in einen neuen Rahmengesetzt. Ausgehend von der Frage des „Was wäre, wenn …?“, nämlich: Was wäre, wenn ein Mann mit dem Erfahrungshintergrund Moglis („den Tieren ein Tier, dem Menschen ein Mensch“) in einer heutigen Welt mitreden, mithandeln, mitgestalten könnte. Die Antwort des Stücks desillusioniert: Er würde scheitern. Wäre Ankläger (mit Greta Thunbergs „How dare you!?“) und Angeklagter (aus Rache hat er die Tiere des Dschungels auf das Dorf losgelassen), wäre Betrüger (diese Vergeltungsmaßnahme bleibt zunächst geheim) und Betrogener (das Fleisch, das ihm Buldeo reicht, ist von Moglis ermordetem Hinkenden Bruder) – würde zum Mörder. Begnadigt zwar, doch beraubt seines Sohnes, den der Sahib im Großstadt-Dschungel London auf- und erziehen möchte. Geschichte wiederholt sich; Moglis Geschichte könnte weitererzählt werden!

Die Macht des Wortes

In der Inszenierung der „Dschungel-Trilogie“ verschränkt Regisseur Jürg Schlachter das Kindermärchen der Apollo-Saison 2019/20 (im Erwachsenentheater nur leicht abgewandelt, aber mit gleicher Wucht, dem feinen Witz gezeigt, vor dem veränderten Hintergrund wieder neu zu sehen), mit der Debatte im Rat des Dorfes. Geführt auf Teilen eines zerstückelten Baums (Holzstämme dienen als Sitzplatz und als Podium) und vor dem Hintergrund des stets präsenten, nur durch einen Gaze-Vorhang abgegrenzten Urwalds. Während das „Dschungelbuch“-Spiel vor allem auf farbig-bewegte Opulenz und Körperlichkeit setzt, treibt im Vorspann und dann vor allem im dritten Teil des Stücks die Macht des Wortes die Handlung voran.

Andreas Kunz als diabolisch-kluger Buldeo

Mogli (Mark H. Mühlemann beeindruckt u. a. in seinem großartigen Monolog, mit bedeutungsschwerem Schweigen vorab) und Buldeo (Andreas Kunz agiert mit enormer, zuweilen diabolischer Präsenz und starker, auch Sing-Stimme) schenken einander nichts. Der Sahib (Johannes Fast gibt den weltläufigen Kipling mit einnehmender Grandezza) hat gut reden: Die Verantwortung für die Zukunft ist die seine nicht, und für das, was war, will er nicht unbedingt geradestehen („Das ist Literatur!“). Ganz stark ist die das Böse entlarvende Rede von Messua (drei Ausrufezeichen für Samira Vinciguerra!!!), die – wie bei einer Welt-Konferenz – auf die große Leinwand übertragen wird und damit noch mehr Wirkung entfaltet. Und der Lehrer (Werner Hahn)? Kennt und benennt die Weisheiten Mahatma Ghandis, praktiziert den zivilen Widerstand auf seine Art (Schreiben tut er nur, wenn’s ihm passt, ansonsten ist er malad’ …), enthält sich aber, als es gilt, eines Votums.Die weiteren Ensemblemitglieder – Pascal Averibou (Dorfvorsteher), Torben Föllmer (Holzfäller), Steffen Lehmitz (Bauer) – agieren im ersten und dritten Teil der Trilogie eher am Rande, aber doch mit wachem, beteiligtem Spiel. Ihre Stunde schlägt in der breit angelegten Mitte des Stücks, im „Dschungelbuch“ (hier kommt auch Anna Drössler in verschiedenen Rollen dazu), wo sie als Elefanten, Affen, Wölfe oder Schlange ihre Wandlungsfähigkeit beweisen.

Sahib erzählt das Märchen vom Dschungel

Dieser Moment am Ende des ersten Teils, in dem der Sahib beginnt, „sein Märchen vom Dschungel“ zu erzählen, ist im Übrigen einer von besonderer Dynamik und Kraft. Möglicherweise liegt genau hier ein Problemlöseschlüssel: in der Besinnung auf Tradiertes, um von dort aus die Utopie zu wagen.

Weitere Aufführungen: 31. Januar,
1. Februar, 6./7. März, 1., 2., 3. April.

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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