SZ

"Finnegans Wehg" als Hörspiel
Basiert auf Stündels „Parallelverschriebung“

Dr. Dieter H. Stündel mit seinem „Arbeitsmaterial“ für die „Parallelverschriebung“ von Finnegangs Wake“.
4Bilder
  • Dr. Dieter H. Stündel mit seinem „Arbeitsmaterial“ für die „Parallelverschriebung“ von Finnegangs Wake“.
  • Foto: gmz
  • hochgeladen von Redaktion Kultur

gmz - Dr. Dieter H. Stündels Nachempfindung des  Joyceschen Spätwerks „klingt“ auch im Hörspiel. Das erste Kapitel ergibt zwei Hörspielstunden.
gmz Siegen/Berlin.  „Das kann man nicht übersetzen,“ sagt Dr. Dieter H. Stündel, der „Übersetzer“ von „Finnegans Wake“, dem kryptischen Spätwerk von James Joyce. „Das kann man nur nachempfinden“, erläutert er: „Das ist dann eine ,Parallelverschriebung`“, fügt er mit einem Lächeln an, die „den Geist des Werkes“ trifft. Man müsse erkennen, „wie es aufgebaut ist“ und was der Autor „will“. Und das übertragen. Diese Übertragung heißt dann so: „Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkess fun Schämes Scheuss“.

gmz - Dr. Dieter H. Stündels Nachempfindung des  Joyceschen Spätwerks „klingt“ auch im Hörspiel. Das erste Kapitel ergibt zwei Hörspielstunden.
gmz Siegen/Berlin.  „Das kann man nicht übersetzen,“ sagt Dr. Dieter H. Stündel, der „Übersetzer“ von „Finnegans Wake“, dem kryptischen Spätwerk von James Joyce. „Das kann man nur nachempfinden“, erläutert er: „Das ist dann eine ,Parallelverschriebung`“, fügt er mit einem Lächeln an, die „den Geist des Werkes“ trifft. Man müsse erkennen, „wie es aufgebaut ist“ und was der Autor „will“. Und das übertragen. Diese Übertragung heißt dann so: „Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkess fun Schämes Scheuss“.

In Joyceschen Kosmos eintauchen

Dieter Stündel, der in Köln Germanistik und Anglistik („wegen der Literatur“) und Medienwissenschaften studiert hat und in Siegen bei Prof. Dr. Karl Riha promoviert hat, hat sich an das Nachempfinden des Monumentalwerkes „Finnegans Wake“ 
begeben, weil er „in diesen Kosmos eintauchen“ wollte, in diese andere Welt, die ihre eigene Sprache entwickelt, die damit eine völlig neue Perspektive schafft, einen Blick auf eine Welt, die sich einem rational  begründeten und vor allem auch linearen Erzählen und dem damit auch einem zusammenhängenden Verständnis entzieht. „Finnegans Wake“ bezieht sich auf eine vertonte Sage gleichen Namens, ist aber viel mehr: eine eklektische Auswahl aus Weltliteratur, Mythen, Trivialem und religiösen Vorstellungen der Welt, aus Sprachspielen, Trinkliedern, sexuellen Anspielungen und Wortwitz.

Unendlich viele Bezüge  

„Finnegans Wake“, von dem es einige Teilübersetzungen gibt, erschafft sich eine eigene Welt, hat eigene Regeln etabliert. Ein sprachlich-gedanklicher Spiegel der Welt, erzählt, soweit man von einer Story reden kann, es doch die Geschichte der Menschheit, mit Hilfe archetypischer und lokaler Dubliner Figuren. Joyce spielt darin mit Sprache, erfindet Worte, taucht in Dialekte ein und schwelgt in Akzenten, definiert Satzstrukturen neu und kreiert auf diese Weise eine kryptische Welt, deren vielseitige Bezüge nach und nach erschließbar werden. Sie sind aber so vielschichtig, dass es keine „richtige oder falsche Übertragung des Werks“ gibt, weil es auch kein klares richtiges oder falsches Verständnis des Werkes gibt, wie Stündel betont: Man müsse sich für einen Weg entscheiden und den konsequent verfolgen. (Die Debatte darüber schlug in der Fachwelt natürlich die üblichen Wellen.) Weshalb Dieter Stündel seine erste Version der ersten 120 Seiten auch verworfen hat und von vorne begonnen hat. „Das muss ja auch klingen“, erläutert er und nennt damit einen der Gründe für den Neubeginn.

17 Jahre Arbeit

Dass Dieter Stündel die Nachempfindung zwischen 1974 und 1991 angefertigt hat (Joyce schrieb 16 Jahre an seinem Spätwerk, von 1923 bis 1939, Stündel brauchte ein Jahr länger) und auch publiziert hat, ist bekannt (die SZ berichtete mehrfach). Sie berichtete auch darüber, dass Stündels Arbeitsexemplar der Übersetzung mit englischem Text, verschiedenen Annotationen, die Stündel den entsprechenden Textpassagen zugeordnet hat, und der eigentlichen „Nachverschriebung“ von Barbara Lambrecht-Schadeberg gekauft und an die Joyce-Stiftung in Zürich übergeben wurde. Gedruckt wurde die Übersetzung 1993 im A3-Format, es erschien im Jürgen Häuser Verlag Darmstadt (später auch als Taschenbuch bei Zweitausendeins).

"Geh doch nach drüben!"

Eigentlich mache ein Übersetzer das nicht, sagt Stündel, dem Leser der Übersetzung das Original und die Quellen dazuzustellen, weil er sich so sofort angreifbar mache. Der Leser könne die Qualität der Übertragung beim Lesen kontrollieren. Aber, wie gesagt, es ist ja eine Nachempfindung …  Wenn die Leserinnen und Leser unzufrieden sind, dann empfiehlt Stündel ihnen in Joycescher Manier, in Abwandlung eines 90er-Jahre-Spruches: „Dann geh doch nach drüben“ (auf die englische Seite).

Oliver Berger schreibt Hörspiel

 Dass „Finnegans Wehg“ auch als Hörspiel verfügbar ist, das ist allerdings neu. Hörspiel-Autor Oliver Berger sagt im Gespräch mit der SZ: „Das Taschenbuch ,Finnegans Wehg` habe ich auf der Buchmesse gesehen: Es wollte von mir gekauft werden!“ Beim Lesen habe er sich amüsiert wie selten, fand die „Geschichte und die Geschichten der Welt“ witzig, komisch, herausfordernd.

Eintauchen in Dubliner Welt der 1920er

Und in Zeiten von Corona, als der Schauspieler mit Sprech-Ausbildung Zeit hatte, hat er sich an eine Hörspiel-Fassung von „Finnegans Wehg“ gesetzt. Hat Geräusche gemacht, hat Musik „gebaut“ (Berger kommt vom Theater, hat aber auch, als Toningenieur beim Radio gearbeitet und besitzt das Equipment für die Aufnahmen), ist in die Welt Dublins von vor 100 Jahren eingetaucht, in die raue Welt der Kneipen, in der Joyces Werk vornehmlich spielt, in die Welt der Matrosen, der Arbeiter  …  Und er stellte fest, dass der  bekanntermaßen nassforsche, oft als schnippisch empfundene Berliner Dialekt wunderbar als Äquivalent zum Dubliner dienen könnte. Dadurch und durch das Dialekt- und Akzentspiel, wirkt das Hörspiel beim ersten Reinhören schon urkomisch. Zu dieser Welt von vor 100 Jahren passt übrigens auch, dass die Aufnahme auf Kassette vorliegt, inklusive einer „Seite A“ und einer Seite B“. Wie früher!

Wie funktionieren Anspielungen?

Wer in Stündels Nachempfindung schaut, stellt fest, dass viele Bezüge, Witze und Anspielungen auf der grafischen Ebene funktionieren, die Schreibweise ist also von Bedeutung. Zum Beispiel im Kapitel „Anna Livia Plurabelle“,  das u. a. in die irische Flusswelt eintaucht und das beginnt mit „O, tell me all about Anna Livia Plurabelle“: Stündel beginnt seine Übersetzung mit „Eau“, dem französischen Wort für Wasser (Joyce selbst nutzt auch viele französische Worte), um sowohl den klanglichen (Oh!) als auch den Wasserbezug herzustellen. Das ist beim Sprechen kaum nachzubilden.

Dialekte und Akzente schaffen weiten Kosmos

Dafür nutzt Oliver Berger bei seinem Hörspiel, das tatsächlich die Dialoge, Gedanken und Szenen dramatisiert, die sprachliche Wirkung der rund 80 Dialekte und Akzente: Die drei Sprecher, die außer ihm beteiligt sind, wechseln geschickt zwischen Zungenschlägen, Sprachebenen und Akzenten, schaffen so eine geheimnisvoll-verschlossene, mal fast mystische, dann wieder draufgängerische Atmosphäre, die den Zuhörer erst einmal verwirrt. Man spürt die Freude am Sprachspiel und -witz, an der Vermessung der Welt mit kryptischen Anspielungen. Aus dem Wortwust schält sich ein eigener Kosmos heraus, einer, der gleichermaßen verwirrt, irritiert, mitreißt und fasziniert.

32 Seiten ergeben zwei Stunden Hörspiel

Die ersten 32 Seiten hat Oliver Berger im Hörspiel untergebracht. Zwei Stunden Hörspiel sind daraus geworden: Bei der Premiere mit Freunden, in seinem Garten in Berlin, mit Kilkenny  und Guinness zur Stärkung, waren schon eine Herausforderung für die Zuhörer, sagt er.
Aber auch für die Sprecher, die sich erst einmal auf diese Joycesche Stündel-Welt einlassen mussten. Die ersten Versuche funktionierten auch nicht, berichtet Berger, waren zu gestelzt. Bis alle den „richtigen Ton“ getroffen haben, musste experimentiert werden. Gesprochen haben Lucy van Org („Weil ich ein Mädchen bin“), Katja F. M. Wolf, Günter Küttenbaum und eben Oliver Berger.
Die Schwierigkeit, sagt er, war immer, dass der Text, „den man nicht so sprechen kann, wie er da steht“, so viele Wendungen nimmt, dass man immer wieder „rausfliegt“ aus dem Duktus, den man sich  gerade angeeignet hat. Manchmal auch mit Hilfe von Wein oder Guinness oder ...

Hörspiel funktioniert

Und dann ging es los, mit dem Hörspiel zu diesem „wirklich komischen Buch“, wie Berger sagt. Das ist es beim Hören auch! Und: Oliver Berger macht weiter, auch wenn das Hörspiel vielleicht wenig massentauglich ist. Weitere Infos über das Hörspiel: www.olivenbooks.de.

Autor:

Dr. Gunhild Müller-Zimmermann (Redakteurin) aus Siegen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r
ThemenweltenAnzeige

Anzeigen in der Siegener Zeitung
Anzeigen einfach online aufgeben

Egal ob privat oder gewerblich: Mit der Online-Anzeigenannahme der Siegener Zeitung können Kunden ihre Anzeige schnell und unkompliziert über das Internet aufgeben. Die Online-Anzeigenaufgabe bietet ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten und verschiedene Buchungsoptionen. Viele Kategorien und Muster für AnzeigenWählen Sie die gewünschte Kategorie und ein Anzeigenmuster, gestalten Sie Ihre eigene Anzeige und buchen Sie in der gewünschten Rubrik. Als registrierter Benutzer können Sie...

Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.