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Annette Besgen über ihre Arbeit als Künstlerin in der Corona-Krise
„Bin sehr diszipliniert im Atelier“

"Irgendwann brauche ich neue Impulse, um nicht der Gefahr zu erliegen, mich selber nur noch zu wiederholen", sagt die Künstlerin Annette Besgen über die Corona-Einschränkungen.
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  • "Irgendwann brauche ich neue Impulse, um nicht der Gefahr zu erliegen, mich selber nur noch zu wiederholen", sagt die Künstlerin Annette Besgen über die Corona-Einschränkungen.
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  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Siegen/Kreuztal. Auf Kunst und Kultur verzichten zu müssen, ist in Lockdown-Zeiten das eine. Das andere aber ist immer wieder die Frage, wie die Künstler selbst mit der Situation umgehen. Was treibt sie an und um? Wie gehen sie mit der Dauer-Ausnahmesituation um? Stellvertretend für viele Kuntschaffende fragte die SZ zwei Betroffene aus dem Bereich der bildenden Kunst: Annette Besgen (Siegen/Kreuztal) und Bruno Obermann (Deuz). Ihnen stellte die SZ per Mail dieselben Fragen, ihre bemerkenswerten Antworten bekommen Raum in zwei Teilen.

Wie reagiert ein künstlerisch tätiger Mensch auf den Lockdown mit seinen Beschränkungen?

Annette Besgen: Zunächst einmal wie jeder andere Mensch, nämlich mit Unsicherheit und Angst.

pebe Siegen/Kreuztal. Auf Kunst und Kultur verzichten zu müssen, ist in Lockdown-Zeiten das eine. Das andere aber ist immer wieder die Frage, wie die Künstler selbst mit der Situation umgehen. Was treibt sie an und um? Wie gehen sie mit der Dauer-Ausnahmesituation um? Stellvertretend für viele Kuntschaffende fragte die SZ zwei Betroffene aus dem Bereich der bildenden Kunst: Annette Besgen (Siegen/Kreuztal) und Bruno Obermann (Deuz). Ihnen stellte die SZ per Mail dieselben Fragen, ihre bemerkenswerten Antworten bekommen Raum in zwei Teilen.

Wie reagiert ein künstlerisch tätiger Mensch auf den Lockdown mit seinen Beschränkungen?

Annette Besgen: Zunächst einmal wie jeder andere Mensch, nämlich mit Unsicherheit und Angst. Bei Letzterem ist es aber fast gar nicht die Angst, mich anzustecken, sondern die Angst, mich durch meine Arbeit nicht mehr finanzieren zu können.  

Schaffen diese Einschränkungen kreative Räume, oder verschärfen sich die existenziellen Fragen?

In meinem Fall haben die Einschränkungen keinerlei neue kreative Räume geschaffen, im Gegenteil. Da meine Kunst ursächlich mit dem Unterwegssein, dem Reisen und Auslandsaufenthalten verbunden ist, habe ich nicht nur physisch diese Einschränkungen massiv erlebt, sondern auch intellektuell aufgrund fehlender neuer Impulse und Ideen für meine künstlerische Tätigkeit. Wenn also Inspiration und Input ausbleiben, werden Ängste geschürt hinsichtlich der künstlerischen Entwicklung. Gott sei Dank habe ich ein gut gefülltes Archiv, auf das ich zurückgreifen kann, aber irgendwann brauche ich neue Impulse, um nicht der Gefahr zu erliegen, mich selber nur noch zu wiederholen oder zu kopieren.

Gibt es da so etwas wie eine Isolation? Ein Zurückgeworfensein auf sich selbst oder eine besondere Weise der Selbstreflexion?

"Arbeite quasi immer in Isolation"

Wenn ich die Frage nur auf die Arbeit in meinem Atelier beziehe, dann gibt es da keinen Unterschied. Ich arbeite ja so quasi immer in Isolation und möchte das auch, weil es nicht anders geht. Beim Malen befinde ich mich ständig in einer Art Selbstreflexion, muss mich und meine Kunst hinterfragen und spiegeln. Das Zurückgeworfensein, das andere Leute im Lockdown erleben, ist für mich selbstverständlich und nicht fremd, eine ständige, alltägliche Gewohnheit und Notwendigkeit, die mir nicht aufgebürdet wird. Bei der „Verwaltung“ zu Hause am Schreibtisch geht es mir natürlich nicht anders als allen anderen im Homeoffice. Leider hat das seit Corona-Beginn immer mehr Zeit und Energie in Anspruch genommen. Dadurch dass ich angesichts meiner finanziellen Situation gezwungen werde, mich mit Antragstellungen auseinanderzusetzen, durch Gesetzestexte, Verfügungen und stetige Änderungen durchzuquälen, fühle ich mich extrem fremdbestimmt und leide sehr darunter, weil es nicht meiner eigentlichen Tätigkeit entspricht.

Arbeitest du mehr, länger, versunkener, intensiver?

Ausgleich zur täglichen Arbeit fehlt

Nein, ich mache das, was ich immer mache und wie ich es immer mache. Ich bin sehr diszipliniert und ausdauernd, was meine Arbeitszeiten im Atelier angeht, und das habe ich versucht, so beizubehalten, was aber wegen des erhöhten Zeitaufwands am Schreibtisch nicht immer ging. Aber: Ein Ausgleich zu der täglichen Arbeit fehlt, Entspannung und Zerstreuung bleiben aus. Da geht es mir nicht anders als anderen Leuten. Besuche der Familie, Treffen mit Freunden und Bekannten, der direkte Austausch mit anderen Künstlern und Galeristen, der Besuch von Ausstellungen, Theater, Konzerten, Kinos und Kneipe … All das vermisse ich sehr, und der Verlust kann – zumindest bei mir – durch Streamingdienste u. ä. in keiner Weise kompensiert werden. Im Gegenteil. Ich habe schon sehr bald aufgehört, mir die virtuellen Angebote anzusehen und anzuhören, weil es mich maßlos ärgert, dass so getan wird, als wäre das ein Ersatz für das Live-Event, nach dem Motto: geht doch auch.

Ist die Pandemie – und damit ist nicht nur die virale Erkrankung gemeint, sondern ihre Auswirkung auf die Gesellschaft und die Individuen – bei der Arbeit präsent? Ändert sich möglicherweise sogar die Arbeit (Ausdruck, Material, Themen, Output)?

"Marke" nicht mal eben ändern

Ich versuche mich bei der Arbeit im Atelier abzuschirmen und zu fokussieren. Meine künstlerische Ausrichtung ändert sich nicht, weil ich mich als professionell arbeitende Künstlerin über Jahrzehnte spezialisiert und eine wiedererkennbare „Marke“ etabliert habe, die ich nicht mal so eben ändern möchte und werde. Das würde meine Existenz ja noch mehr bedrohen. Allerdings versuchen gewisse Einrichtungen, die mit Fördergeldern winken, bildende Künstler/-innen dazu zu bewegen, sich jetzt doch eher virtuell künstlerisch zu betätigen, z. B. im Bereich des Videos etc., oder Arbeiten für den Außenraum zu konzipieren. Ein Affront, wie ich finde, für alle Künstler/-innen, die sich jahrzehntelang der Malerei, der Plastik usw. verschrieben haben. Das ist ungefähr so, wie wenn man einem Gourmet-Restaurant empfiehlt, übergangsweise einen Lieferservice für Pizza, Burger und Co. einzurichten.

"Ocean Drive 4“ (2020) heißt dieses Ölgemälde von Annette Besgen. Sie sagt von sich selbst, dass sie mit ihrer Kunst eine „wiedererkennbare Marke“ geschaffen habe.
  • "Ocean Drive 4“ (2020) heißt dieses Ölgemälde von Annette Besgen. Sie sagt von sich selbst, dass sie mit ihrer Kunst eine „wiedererkennbare Marke“ geschaffen habe.
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  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

Die Pandemie hat natürlich auch wirtschaftliche Auswirkungen: kein Galeriebetrieb, keine Besucher/Rezipienten, keine Kunst in der Verbindung mit den Kosten, die sie wert ist. Wie sieht das bei dir aus?

"Am Rand meiner Existenz"

Die Pandemie hat mich an den Rand meiner Existenz geführt. Nicht, dass ich als Künstlerin sowieso immer in Unsicherheit lebe, aber das letzte Jahr hat diesbezüglich noch einmal eine andere Qualität gezeigt. Ich hatte z. B. zwei Jahre lang hart für eine große Soloausstellung in einer Galerie in Aachen gearbeitet. Die Eröffnung im März 2020 fand zwar noch statt, aber schon mit nur wenigen Besuchern. Kurz nach der Vernissage kam der Lockdown, die Ausstellung wurde geschlossen, die Bilder „parkten“ drei Monate in der Galerie, dann habe ich sie alle unverkauft wieder abgeholt. Danach gab es keine weiteren Ausstellungen mehr, d. h. die Chance, Kunst zu zeigen und zu verkaufen, war gleich null. Und zu mir ins Atelier wollte natürlich auch niemand kommen. Das hat sich mittlerweile, so quasi seit Beginn des neuen Jahres, wieder etwas „normalisiert“. Es finden wieder Ausstellungen statt, zwar ohne tatsächliche Vernissage, aber während der Ausstellungsdauer mit begrenztem, vorher angemeldetem Publikum. Immerhin. Und es trauen sich auch wieder Interessenten ins Atelier.

Waren/sind die staatlichen Unterstützungsgelder hilfreich, hast du die in Anspruch genommen?

Ja, das habe ich – zum Teil zumindest –, und ganz klar ist, dass ich meinen Atelierbetrieb ohne finanzielle Unterstützung vonseiten des Staates nicht hätte aufrechterhalten können. Aber die Antragstellungen waren grauenhaft, und ich habe keine Energie mehr, mich durch immer mehr Behördenkram zu kämpfen. Abgesehen davon werden die Förderangebote immer weniger, so als sei das Problem der soloselbständigen Künstler/-innen auf einmal nicht mehr vorhanden.

Unbürokratischen Support vermisst

Vermisst habe ich einen unbürokratischen lokalen Support ohne Auflagen, großartige Begründungen etc., zum Beispiel vonseiten der Stadt, vielleicht auch in Kooperation mit Firmen und Institutionen, die durch die Pandemie nicht gelitten haben. So viele professionell arbeitende bildende Künstler/-innen, die sich ausschließlich durch ihre Kunst finanzieren, gibt es in der Region nicht. (Die Mitgliedschaft in der Künstlersozialkasse ist der einfachste und beste Beweis dafür.) Als Unterstützung wäre z. B. ein Kunstankauf denkbar … Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Kreis Siegen-Wittgenstein, der durch den Kulturfonds immerhin einen Beitrag zur Unterstützung der lokalen Kultur geleistet hat.

Kunst geht unzweifelhaft den ganzen Menschen in seiner kommunikativ eingebetteten Geschichtlichkeit an. Wird sie sich verändern, wenn die Pandemie dauerhaft abgeklungen ist? Wenn ja, was deutet sich da möglicherweise an?

Das kann ich in seiner Dimension wirklich nicht abschätzen und hängt natürlich davon ab, wie lange die Restriktionen aufrechterhalten und welche politischen Entscheidungen getroffen werden und wie mit unserer Demokratie und unseren Grundrechten umgegangen wird. Dann wird sich zeigen, wie mündig und kritisch „wir“ sind, wie viel Verantwortung wir übernehmen wollen für unsere Zukunft. Zu hoffen ist, dass die Intellektuellen wieder mehr zum Sprachrohr für Demokratie werden und der Politik und der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Nicht jede/-r bildende Künstler/-in „äußert“ sich in seinen Werken politisch. Diejenigen, die das schon immer getan haben, werden das weiterhin tun oder noch mehr und vehementer. Für die anderen gibt es alternative Ausdrucksweisen für politisches Denken und Handeln.

"Irgendwann brauche ich neue Impulse, um nicht der Gefahr zu erliegen, mich selber nur noch zu wiederholen", sagt die Künstlerin Annette Besgen über die Corona-Einschränkungen.
"Ocean Drive 4“ (2020) heißt dieses Ölgemälde von Annette Besgen. Sie sagt von sich selbst, dass sie mit ihrer Kunst eine „wiedererkennbare Marke“ geschaffen habe.
Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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