Aus dem Archiv: Ian Anderson (Jethro Tull) im Interview
Botox für den Kapitalismus

Ian Anderson (M.) mit seiner Touring Band (v. l.): John O’Hara (Keyboards), Scott Hammond (Schlagzeug), Florian Opahle (Gitarre) und David Goodier (Bass).
  • Ian Anderson (M.) mit seiner Touring Band (v. l.): John O’Hara (Keyboards), Scott Hammond (Schlagzeug), Florian Opahle (Gitarre) und David Goodier (Bass).
  • Foto: jethrotull.com
  • hochgeladen von Alexander W. Weiß (Redakteur)

aww Siegen. Nach der fulminanten „Thick-As-A-Brick“-Aufführung auf dem Giller bei KulturPur vor vier Jahren werden es viele Fans kaum erwarten können, Ian Anderson noch einmal auf einer Siegerländer Bühne zu erleben. Am 22. November ist es so weit: Dann wird der 69-Jährige in der Siegerlandhalle sein aktuelles Projekt vorstellen – eine Rock-Oper, die (zumindest dem Namen nach) keine mehr ist. Warum das so ist, verrät er im Interview mit der Siegener Zeitung, die die Konzept-Show präsentiert (Tickets gibt es an der SZ-Konzertkasse). Außerdem äußert sich der Meisterflötist über den Brexit, Martin Barre, Krethi und Plethi und …

Mr. Anderson, Sie bringen das Konzeptstück „Jethro Tull“ im November erstmals nach Deutschland. Seit dem vergangenen Jahr haben Sie es schon in den USA, in Südamerika und verschiedenen europäischen Ländern aufgeführt – anfänglich mit der Ergänzung „The Rock Opera“. Der Zusatz ist mittlerweile aus dem Titel entfernt worden, das Stück heißt jetzt nur noch „Jethro Tull Performed By Ian Anderson“. Gab es zwischenzeitlich Änderungen im Showkonzept?

Ian Anderson: „Es ist exakt die gleiche Show. Aber die Bezeichnung ,Rock-Oper‘ war ein wenig zwiespältig, und es gab deswegen einige Verwirrung in den USA. Also haben wir den Titel vereinfacht.“

In der Show arbeiten Sie mit virtuellen Mitteln und unterschiedlichen Charakteren. Wie können wir uns das Ganze vorstellen?

„Es handelt sich um eine Erzählung, die auf der Lebensgeschichte des echten Landwirts aus dem 18. Jahrhundert (Henry Jethro William Tull, England, 1674–1741, Anm. d. Red.) basiert, uminterpretiert in Bezug auf die Gegenwart und Zukunft und illustriert mit meinen bekanntesten Songs aus der Vergangenheit. Dazu gibt es fünf neue Stücke, die speziell für die Show geschrieben wurden. Im Konzert werden einige opernhafte, theatralische Mittel wie zum Beispiel das Rezitativ verwendet, um die einzelnen Songs – Arien – einzuleiten. Meine Gäste erscheinen in ihren jeweiligen Rollen hinter mir auf Video.“

Wie viele Musiker werden denn auf der Bühne stehen, und wie viele sind nur virtuelle Gäste auf der Leinwand? 

„Fünf von uns Musikern live auf der Bühne und fünf auf Videoleinwand.“

Und was hat es mit den zwei Bassisten auf sich? (Auf www.jethrotull.com wird Greig Robinson neben David Goodier als Bassist aufgeführt; Anm. d. Red.)

„Es gibt nur einen Bass-Spieler, jetzt, wo David Goodier nach einer Beurlaubung aus familiären Gründen wieder mit uns auf Tour ist.“

Sie sind bekannt dafür, Verantwortung für die Umwelt zu übernehmen, beispielsweise indem Sie sich für Wildkatzen einsetzen. Die Geschichte, die im Stück „Jethro Tull“ erzählt wird, dreht sich um Alternativen im Pflanzenanbau und stellt Gentechnologie biologischen Methoden gegenüber. Wie endet das Ganze?

„Die Konzert-Erzählung endet mit der optimistischen Vorstellung, dass wir die rechte Balance zwischen Technologie und Naturschutz finden, um einen ständig hungrigen Planeten ernähren zu können, ohne unsere Kinder zu vergiften.“

Und was ist aus Ihrer Sicht die Lösung des Problems?

„Ethische Verantwortung in der Agrarindustrie und auch ethische Verantwortung im Finanz- und Banken-Bereich. Ist das zu viel verlangt? Ja – vermutlich ist es das. Aber lasst es uns trotzdem verlangen. Fordern ist besser. Das hässliche Gesicht des selbstsüchtigen Kapitalismus braucht eine Botox-Spritze mit politischer und geistiger Korrektheit.“

Wie stark befassen Sie sich mit Politik?

„Beruflich überhaupt nicht. Privat und intellektuell allerdings rund um die Uhr.“

Was halten Sie als gebürtiger Schotte vom Brexit-Votum?

„Als Schotte fühle ich in erster Linie britisch und erst in zweiter Linie schottisch. Ich bin nicht dafür, den 300-jährigen Zusammenschluss unserer Länder aufzulösen. Der Brexit ist eine andere Sache. Der demokratische Willensäußerung beim kürzlichen Referendum zeigt die Notwendigkeit von Veränderung in ganz Europa – nicht nur im Vereinigten Königreich. Die föderalen Bestrebungen von Juncker, Tusk und Schulz haben wohl eine beträchtliche Mehrheit der Briten befremdet, obwohl viele von uns für einen Verbleib gestimmt haben.
Demokratie ist ein gefährlicher Freund. Alles ist gut, solange er einer Meinung mit dir ist. Wenn das aber nicht der Fall ist, kann er hässlich werden. Wenn Sie – oder Frau Merkel – einen Weg finden können, den Sepp Blatter der Euro-Politik loszuwerden, können wir uns noch mal unterhalten und eine andere Lösung finden. Vielleicht.
Was auch immer geschieht, wir werden uns nicht als Partner verabschieden, was den europäischen Geist von Kooperation und Handel betrifft. Der Rest Europas braucht die Briten genauso, wie wir euch brauchen. Es werden ein paar schwierige Jahre kommen, aber eine reformierte und verschlankte Brüsseler Bürokratie kann wieder für uns alle ein Thema sein. In der Zwischenzeit kommen Sie einfach ins sonnige London, wo es für den Euro momentan mehr Pfund als vorher gibt, und Sie können die multinationale, tolerante, gemischte Gesellschaft im UK kennenlernen. Wir sind echt nette und gastfreundliche Leute. Und wir kaufen eine Menge eurer wirklich feinen Automobile.“

Zurück zur Musik: Nächstes Jahr würde das 50-jährige Jubiläum von Jethro Tull anstehen – wenn es die Band denn noch gäbe. Heutzutage nennen Sie ihre Gruppe Ian Anderson Touring Band. Wird es 2017 vielleicht eine Reaktivierung von Jethro Tull geben? Und haben Sie spezielle Pläne, wie sie das Jubiläum feiern wollen? Vielleicht mit alten Bandmitgliedern zusammen spielen …? 

„[…] Für mich bedeutet Jethro Tull im musikalischen Sinne das Repertoire, die Traditionen und die Kultur der Band. Die 27 Mitglieder von Jethro Tull können sich ja nicht als irgendeine gigantische Tribute-Band wiedervereinigen. Die Musiker, mit denen ich zurzeit arbeite, haben alle als Mitglieder von Jethro Tull gespielt, aber ich bevorzuge es heute, meinen eigenen, richtigen Namen zu benutzen, solange ich noch gesund und munter bin.“

Was ist mit Martin Barre, dem langjährigen Tull-Gitarristen? Viele Fans würden Sie gerne mit ihm sehen – auf der Bühne! 

„Aber nicht annähernd so viele wie die, die gerne Jimmy Page und Robert Plant zusammen sehen würden. Sie können Martin mit seiner exzellenten Band an verschiedenen Orten in vielen Ländern spielen sehen. Und was ist mit Barrie Barlow, Jeffrey Hammond, John Evan, Clive Bunker […] und, und, und? Werden Gwyneth und Chris wieder zusammenkommen? Katie und Tom? Johnny und Amber? Mal ehrlich, wen juckt’s?“

Vor Ihrem Konzert in der Siegerlandhalle werden Sie sich ins Goldene Buch der Stadt Siegen eintragen. Eine seltene Ehre für Musiker in unserer Stadt. Was denken Sie angesichts dieser Wertschätzung?

„Ich fühle mich immer geschmeichelt, wenn mir jemand etwas Aufmerksamkeit oder Respekt entgegenbringt, besonders an Orten, wo man sich an einen Teil meiner musikalischen Geschichte erinnert und ihn schätzt. Mein Sharpie-Stift steht Gewehr bei Fuß und meine Finger sind bereit.“

Autor:

Alexander W. Weiß (Redakteur) aus Siegen

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