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„No Body Is Perfect“ auf Sat.1 wird im TV abgesetzt (Update)
Coach Silvana Denker im Interview

Silvana Denker zeigt ihren Körper - und auch die große Narbe, die eine schwere Operation hinterlassen hat. Mit ihrer Offenheit möchte sie anderen Menschen helfen, sich so annehmen zu können, wie sie sind.
  • Silvana Denker zeigt ihren Körper - und auch die große Narbe, die eine schwere Operation hinterlassen hat. Mit ihrer Offenheit möchte sie anderen Menschen helfen, sich so annehmen zu können, wie sie sind.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Claudia Irle-Utsch (Redakteurin)

Silvana Denker ist bei "No Body Is Perfect" als Coach dabei. Bei Sat.1 kam die Sendung aus dem Quotentief nicht raus - und wird nun im TV abgesetzt.
ciu Niederhövels/München. Kaschieren, retouschieren, optimieren, operieren – was tut der Mensch nicht alles, um seine vermeintliche Makel auszugleichen? Getrieben auch von einer medial bestimmten Welt, deren Schönheitsideal den schlanken, glatten, straffen Körper zeichnet. Aber was ist schön? Und was, wenn das Leben seine Narben nicht nur auf der Seele, sondern auch auf der Haut hinterlässt? Wie steht es da um die eigene Akzeptanz, um Selbstliebe statt Selbsthass, Selbstbewusstsein statt Scham, die grundsätzlich positive Haltung zum eigenen (äußeren und zugleich) inneren Ich? Oft nicht so gut.

Silvana Denker ist bei "No Body Is Perfect" als Coach dabei. Bei Sat.1 kam die Sendung aus dem Quotentief nicht raus - und wird nun im TV abgesetzt.
ciu Niederhövels/München. Kaschieren, retouschieren, optimieren, operieren – was tut der Mensch nicht alles, um seine vermeintliche Makel auszugleichen? Getrieben auch von einer medial bestimmten Welt, deren Schönheitsideal den schlanken, glatten, straffen Körper zeichnet. Aber was ist schön? Und was, wenn das Leben seine Narben nicht nur auf der Seele, sondern auch auf der Haut hinterlässt? Wie steht es da um die eigene Akzeptanz, um Selbstliebe statt Selbsthass, Selbstbewusstsein statt Scham, die grundsätzlich positive Haltung zum eigenen (äußeren und zugleich) inneren Ich? Oft nicht so gut. Und hier setzt das „Experiment“ an, das montags, 20.15 Uhr, bei Sat.1 gezeigt wurde, künftig aber wegen zu geringer Zuschauerquoten nur noch online bei Joyn und Sixx zu sehen ist.

Nackt-Experiment auf der Insel Mykonos

„No Body Is Perfect“ bringt je drei Menschen, allesamt mit dem Wunsch, sich in ihrem Körper künftig wohler zu fühlen, pro Folge auf der griechischen Insel Mykonos mit einem Team zusammen, das während der viertägigen gemeinsamen Arbeit nahezu nackt agiert. Das irritiert die Frauen und Männer, die sich auf das TV-Format eingelassen haben, bei der allerersten Begegnung sichtlich, doch es tritt mit der Zeit Vertrautheit ein. Auch weil die vier Coaches selbst zu Kilos, Kurven, Falten, Dellen oder Verwundungen stehen, diese zeigen, sich sehr frei bewegen und den Hilfesuchenden höchst empathisch begegnen, fassen diese Vertrauen und Mut, lassen sich auf erste verändernde Schritte der Selbstannahme ein.

Silvana Denker bekannt durch "Body Love"

Eine der vier Coaches ist die in Niederhövels bei Wissen lebende Fotografin und Body-Positivity-Aktivistin Silvana Denker, die in Städten rund um den Globus (und auch schon in Siegen) mit ihrer „Body-Love“-Kampagne für Aufsehen sorgt. Sie lädt Menschen, völlig unabhängig von Statur, Gewicht, Hautfarbe oder augenscheinlichen Versehrtheiten dazu ein, in aller Öffentlichkeit in schwarzer Unterwäsche zu posieren, ohne Scheu und mit erhobenem Kopf und damit als ein starkes Statement wider die vermittelten Sehgewohnheiten. Hier wie dort gehe es darum, sagt sie im Interview mit der Siegener Zeitung, „einer breiten Masse zu zeigen, dass Körper zu sehen sind“, die nicht einer von wem auch immer gesetzten Norm entsprechen müssen. Weil das Ansinnen der Sat.1-Reihe perfekt zu dem passe, was sie ohnehin mache, habe sie der Produktionsfirma zugesagt. Schon bei der „Curvy-Models“-Show sei sie, selbst als Model für „große Größen“ tätigt, als Jury-Mitglied im Gespräch gewesen, war dann dort als Fotografin dabei – nun also ist sie Coach und (bis auf die Tapes auf Brustwarzen und ein, auch wegen der Körperbemalung, nur zu erahnenden Höschens) unbekleidet. Diese Grundvoraussetzung sei für sie (erste Reaktion: „Ich bin doch nicht bekloppt!“) gewöhnungsbedürftig gewesen, so Silvana Denker, doch sie habe sich, auch weil für sie „Nacktsein das Natürlichste auf der Welt“ ist, rasch überzeugen lassen, von der in diesem Zusammenhang unbedingten Notwendigkeit.

"No Body Is Perfect": Vorbild ist "Naked Beacht"

„No Body Is Perfect“ bezieht sich wie das englische Original, „Naked Beach“, auf eine wissenschaftliche Studie, die zeige, wie es im Pressetext zur Sendung heißt, „dass sich die Lebenszufriedenheit und das Selbstwertgefühl eines Menschen steigert, wenn er sich durchschnittliche, nackte Körper anschaut und selbst mehr Zeit mit seinem eigenen nackten Körper verbringt“. Auch deshalb sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer während des „Experiments“ aufgefordert, jeweils am Abend möglichst 20 Minuten lang ausgezogen und allein mit sich vor einem Spiegel zu sehen, sich zu betrachten, genau das auszuhalten und zu reflektieren. Auch deshalb werden sie ermutigt, Tag für Tag ein bisschen mehr von ihrem Körper zu zeigen, zumal jene Bereiche, die sie zuweilen verzweifelt verstecken.

Silvana Denker am Ende "ganz schön erschöpft"

Dieses Gefühl, sich selbst als absolut unvollkommen wahrzunehmen, sich zu hassen, auch zu verletzen, das Innerste durch ein Zuviel oder auch Zuwenig an Nahrung versuchen, zur Ruhe zu bringen, kennt Silvana Denker aus eigener Erfahrung. Es habe über zwölf Jahre gebraucht, bis sie gelernt habe, sich selbst zu akzeptieren. Ihr Credo: „Ich bin gut, wie ich bin.“ Auch mit der großen L-förmigen Narbe (ihr „Bellysmile“), die von einer schweren Operation erzählt: „Ich hatte zwei Tumore an der Leber, musste sehr weit aufgeschnitten werden. Es war aber zum Glück kein Krebs. Allerdings ein einschneidendes Erlebnis, das mir gezeigt hat, wie schnell alles vorbei sein kann.“ Auch deshalb wolle sie ihr Leben keinesfalls verschwenden, sondern sehr bewusst genießen. Dazu gehört für sie auch das Engagement bei „No Body Is Perfect“. Anstrengend (nach den drei Wochen Drehzeit war sie „ganz schön erschöpft“), aber letztlich „einer der intensivsten, emotionalsten, tollsten Zeiten, die ich erlebt habe“.

Kommentar
Das Ansinnen von „No Body Is Perfect“ ist wichtig und richtig: Menschen auf dem Weg zur Selbstannahme zu ermutigen und zu begleiten. Mitfühlend, herausfordernd und durchaus, denn die Psychologin Karin Krümmel steht den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an diesem „Experiment“ im Nachhinein auf Wunsch noch bei, nachhaltig. Nachvollziehbar auch, dass eine sehr unmittelbare Begegnung mit (nach gängigem Muster) „unvollkommenen“ Körpern, das Anschauen und unvermeidbare Vergleichen, dabei helfen kann, sich selbst als okay, schön, liebenswert anzusehen. Doch ob beim Zuspruch, der Motivation, dem Miteinander selbst beim Ausflug in die Stadt ein unbekleideter, „unperfekter“ Coach vonnöten ist, darf bezweifelt werden. Eine Übung wie die, einander nackt eine Weile anzusehen, mag sinnvoll sein; auch das ungezwungene Bewegen beim Spielen, Tanzen oder Sport treiben. Alles gut, auch weil den Hilfesuchenden mit großem Respekt begegnet wird. Und dennoch bedient sich Sat.1 – zumindest im Blick auf die body-gepainteten Coaches – des Prinzips Voyeurismus. Ob der Zweck das quotentreibende Mittel heiligt? Aus meiner Sicht nicht.

Autor:

Claudia Irle-Utsch (Redakteurin) aus Siegen

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