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Milan Pešl vom Bruchwerk-Theater will mehr Gesellschaftsrelevanz
"Das Theater ist rückschrittig"

Seine These ist provozierend: Milan Seine These ist provozierend: Milan Pešl will die Relevanz des Theaters neu beschreiben und wünscht es sich jenseits der Unterhaltung als einen Begegnungs- und Diskursort für grundlegende menschliche Themen.
  • Seine These ist provozierend: Milan Seine These ist provozierend: Milan Pešl will die Relevanz des Theaters neu beschreiben und wünscht es sich jenseits der Unterhaltung als einen Begegnungs- und Diskursort für grundlegende menschliche Themen.
  • Foto: Peter Barden
  • hochgeladen von Regine Wenzel (Redakteurin)

pebe Siegen. Es geht wieder los! Der Stoßseufzer der Erleichterung überspannte in den vergangenen Wochen die Kultur- und Kunstszene wie eine Glocke des Glücks. Die Veranstalter waren atemlos, aber froh, das Publikum musste sich erst einmal neu finden – und das im wahrsten Sinne des Wortes: mit Hygieneregeln, Schachbrett-Ordnung, GGG-Nachweis und Maskenball. Ob Konzert oder Performance, Vernissage oder Theater – kehrt nun alles zur vertrauten Realität zurück?
Einer, der das vehement nicht will, ist Milan Pešl, Schauspieler und künstlerischer Leiter des Bruchwerk-Theaters am Fuß des Siegbergs in Siegen. Der 47-Jährige sieht im Neuanfang der „analogen“ Kultur zumindest für den Theaterbereich einen Riss im Gefüge.

pebe Siegen. Es geht wieder los! Der Stoßseufzer der Erleichterung überspannte in den vergangenen Wochen die Kultur- und Kunstszene wie eine Glocke des Glücks. Die Veranstalter waren atemlos, aber froh, das Publikum musste sich erst einmal neu finden – und das im wahrsten Sinne des Wortes: mit Hygieneregeln, Schachbrett-Ordnung, GGG-Nachweis und Maskenball. Ob Konzert oder Performance, Vernissage oder Theater – kehrt nun alles zur vertrauten Realität zurück?
Einer, der das vehement nicht will, ist Milan Pešl, Schauspieler und künstlerischer Leiter des Bruchwerk-Theaters am Fuß des Siegbergs in Siegen. Der 47-Jährige sieht im Neuanfang der „analogen“ Kultur zumindest für den Theaterbereich einen Riss im Gefüge. Was dieser Riss bedeuten könnte, wie sich damit umgehen lassen könnte, erläuterte Pešl im Gespräch mit der SZ.

Weniger Unterhaltung, mehr Diskurs

Situation und Atmosphäre seien noch nicht wieder „vertraut“, sagt Pešl. Das Publikum reagiere teilweise verunsichert auf die verpflichtenden Hygiene-Notwendigkeiten oder die Forderung eines gültigen negativen Tests. Die Theatermacher komprimierten die Anwesenheitszeiten, Begegnung und Austausch blieben noch minimiert. Genau das gebe Raum und Anlass für „widerspenstige“ Gedanken zum Theater.
„Das Theater verfehlt seinen Sinn, wenn da nur Stücke konsumiert werden“, meint er. „Davon müssen wir weg, weg von Produktionsort von Unterhaltung, hin zum Diskurs-Ort.“
Ein solcher sei das Theater im Grunde immer, jedoch habe es diesen sehr provozierenden, verändernden Grundzug seiner selbst nur wenig präsent. „Im Vergleich mit dem antiken griechischen Theater zum Beispiel sind wir rückschrittig“, überlegt er. „Davon sind wir weit weg.“ Theater sei viel zu oft nur „eine Form der Abendunterhaltung“.

Den Menschen muss es um alles gehen

Kritik am Theater, Überlegungen zu seiner gesellschaftlichen Rolle, aber auch seinen Grenzen hat es immer gegeben, von Lessing und Schiller bis Brecht oder Dürrenmatt. Was sollte das Theater denn Pešls Vorstellung nach stattdessen sein? Der gibt seiner Antwort mit Gesten zusätzliches Gewicht: „Es muss einen anderen Wert für die Menschheit haben!“ Und wie könnte sich dieser Wert beschreiben lassen? Es gehe ihm um den Aufbruch der ästhetischen Distanz: Menschen stünden auf der Bühne, Menschen säßen im Publikum, und in diesem „Schmelztiegel“ sollte es um alles gehen, um Kernthemen der Menschlichkeit, die in jedem und jeder virulent seien oder werden könnten, sagt Pešl.

Publikum ist "überaltertes Bildungsbürgertum" 

„Theaterstücke zeigen fokussiert das, was das Leben der Menschen ist. Und das wollen wir mit den Leuten teilen, denn es ist unser gemeinsames Leben“, fährt er fort und verweist für diese Haltung auf den Dramatiker Heiner Müller. Aber „in vielen Bereichen ist das Theater wirklich zu einem Unterhaltungstempel verkommen“. Die Folge: „Das Publikum ist ein überaltertes Bildungsbürgertum, die Relevanz des Theaters ist zurückgegangen. Und es ist an der Zeit, dass sich das wieder ändert.“

Emotionale Berührung und Auseinandersetzung

Deshalb reiche eine ästhetisch distanzierte Performance auf der Bühne nicht. Sie sei nicht dicht dran am Leben der Menschen. Mit Blick auf die jüngste Bruchwerk-Inszenierung „Foxfinder“ zum Beispiel erklärt er, darin gehe es um das Thema Rastlosigkeit. Das werde mit expressiven Mitteln bildlich intensiv umgesetzt. Eine Gewähr dafür, dass damit „Türen geöffnet“ würden, gebe es aber nicht. „Es müssen inhaltliche Anker gesetzt werden zur Lebensrealität der Menschen“, überlegt Pešl . Und das heiße: emotionale Berührung, Anreiz zur existenziellen Auseinandersetzung, zu Widerspruch und eigener Aussage.

Mit dem Publikum ins Gespräch kommen

Deshalb interessierten ihn am Theater die Körperebene, die emotionale Ansprache und die Musikalität, die intensive Emotionen evozieren könne. Und: „Das Vorher und Nachher eines Theaterabends sind wichtig!“ Und das bedeute: Gespräch, Begegnung, Einbettung in thematische Settings im Foyer, aber ganz ohne pädagogische Mechanismen. „Wir fangen an, dafür verschiedene Modi auszuprobieren, um mit dem Publikum intensiver ins Gespräch zu kommen.“

"Reibeflächen in dir selbst"

Und nicht nur das. Die „Bruchwerker“ versuchten, „Autor/-innen zu finden, die sich mit dem auseinandersetzen, was wir wollen“. „Es gibt solche Autoren“, betont Pešl und nennt beispielhaft Nele Stuhler (im Bruchwerk-Theater wurde von ihr „Fische“ aufgeführt), oder die Regisseurin und Dramatikerin Felicia Zeller. Für die Theaterarbeit bedeute dieser eher expressive und gewissermaßen „expressionistische“ Ansatz: Durch genaue, zur Authentizität zwingende Provokation müssten „Reibeflächen in dir selbst“ entstehen, die gewissermaßen Funken des Begreifens, der Veränderung erzeugten und so dazu beitrügen, „wegzukommen vom Produktionsort von Unterhaltung“, hin zu einem verändernden Erleben. Dann wäre ein wichtiger Punkt erreicht: Dann würde das Publikum zum „aktiven Teil des Abends im Theater“.

Autor:

Peter Barden (Redakteur) aus Siegen

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